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Beleidigt, beschädigt – angegriffen

Springe. Lange Warteschlangen auf dem Flur des Springer Amtsgerichts: Wer gestern den Prozess gegen einen 21-jährigen Neonazi verfolgen wollte, musste sich einer gründlichen Sicherheitskontrolle unterziehen, Kameras und Handys abgeben. Am Ende verurteilte das Gericht den Mann wegen verschiedener Vergehen zu einem Jahr Haft auf Bewährung. Er hatte unter anderem Parteibüros in Hannover angegriffen und zwei Menschen attackiert.

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Die Verhandlung zog gestern nicht nur das Interesse von zahlreichen Medienvertretern auf sich. Auch rund 30 Zuschauer waren gekommen – viele von ihnen offenbar Sympathisanten des Angeklagten. Sie quittierten während der Verhandlung einige Aussagen des Angeklagten mit leisem Gelächter und mussten vom Jugendschöffengericht zur Ordnung gerufen werden.

Etwa als Verteidiger Andreas Junge erklärte, warum die Polizei seinen Mandaten beim Fahren ohne Führerschein erwischt hatte: Der Angeklagte habe für einen Freund zur Notfallapotheke fahren wollen. Einen der kontrollierenden Beamten beschimpfte er auch noch als „Spasti“. Insgesamt waren es 16 Straftaten, für die sich der Angeklagte vor Gericht verantworten musste: Die Vorwürfe reichten von gefährlicher Körperverletzung über Beleidigung und Nötigung, einen Verstoß gegen das Versammlungsverbot bis hin zu unerlaubtem Waffenbesitz.

Doch von dem Trubel um ihn herum zeigte sich der 21-Jährige ebenso wenig beeindruckt wie von den vorgeworfenen Taten, die er größtenteils über seinen Verteidiger einräumen ließ. Es tue ihm leid, sagte der junge Mann, der nach eigenen Angaben ein Politikstudium beginnen will. So gab er unter anderem zu, in Hannover den Bundestagsabgeordneten Sven Kindler (Grüne) vor gut einem Jahr unter anderem mit dem Wort „Vaterlandsverräter“ beleidigt und ihn zweimal schmerzhaft gegen die Brust gestoßen zu haben. Der Begleiterin des Abgeordneten, die den Vorfall fotografieren wollte, nahm er ihr Mobiltelefon weg und beschimpfte die Frau ebenfalls.

Kurze Zeit später beleidigte der 21-Jährige gemeinsam mit anderen zwei DKP-Mitglieder und trat eins seiner Opfer gegen die Brust. Und bei einer Mahnwache für einen hungerstreikenden Libanesen am Schillerdenkmal bedrohte der Angeklagte gemeinsam mit Gesinnungsgenossen die Demonstrierenden, ging mit Schlagstock und Mundschutz auf sie zu. Eine zufällig vorbeifahrende Polizeistreife habe wohl Schlimmeres verhindert, sagte Richterin Böhm. Nur die Sachbeschädigungen der Parteibüros der SPD und der CDU, eines Imbisses sowie eines Gedenksteins an einer ehemaligen Synagoge in Pattensen bestritt er. Mit Blick auf die anderen Straftaten stellte das Gericht diesen Teil der Anklage schließlich ein.

Die Staatsanwältin stellte in ihrem Plädoyer klar, der Mann dürfe nicht wegen seiner rechten Gesinnung, sondern nur wegen seiner Straftaten verurteilt werden. Das Gericht folgte schließlich ihrem Antrag: ein Jahr Haft auf Bewährung und einhundert Stunden gemeinnütziger Arbeit. Der angeklagte nahm das Urteil an. Er wohnt inzwischen in Chemnitz.



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