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Belal Kattan: Vom Flüchtling zum Integrationshelfer

SPRINGE. Schon wieder Schule? Müssen die Sommerferien so kurz sein? Einer, der solche Sätze nicht sagt, ist der 17-jährige Belal Kattan. Der Elftklässler des Otto-Hahn-Gymnasiums empfindet es als Privileg, in Ruhe lernen zu können. Und hat seit seiner Flucht aus Syrien eine erstaunliche Entwicklung hingelegt.

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Juliet Ackermann Volontärin zur Autorenseite

Belal Kattan stammt aus einem syrischen Kriegsgebiet. Über Friedland kam er nach Springe und besuchte am OHG zunächst für rund vier Monate eine Sprachlernklasse. Mittlerweile ist er bei dem Sprachniveau „B2“ angelangt. Das bescheinigt ihm: „Er kann die Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen.“ Oder in anderen Worten: Kattan kann sich gut auf Deutsch ausdrücken und auch relativ schwierige Unterhaltungen führen. „Aber es ist gut, wenn ich die Person sehe, mit der ich spreche“, erzählt der rothaarige junge Mann. Wenn er auch die Mimik und Gestik seines Gegenübers wahrnehmen könne, falle ihm das Verstehen leichter.

Deutsch ist eine wichtige Sprache für ihn geworden. Er gibt sich viel Mühe gibt, es perfekt zu machen, wichtige Wörter zu betonen und seinem Sprachfluss eine Melodie zu geben. Er nutzt seine neue Sprache aber nicht nur, damit sich ihm Türen öffnen: Der 17-Jährige hilft auch anderen Migranten, schneller Deutsch zu lernen. In den Sommerferien hat er zum Beispiel die Organisatoren des Ferienprogramms als „Ferienlotse“ unterstützt. Bereits zum zweiten Mal. Sozialarbeiterin Ursula Trommer-Kassir war auf den jungen Mann aufmerksam geworden und hatte ihn angesprochen.

Die Ferienlotsen ermutigen Kinder und Jugendliche aus ausländischen Familien, bei den Ferienaktionen der Stadt mitzumachen - „damit sie nicht zu Hause bleiben und sich ärgern“, erklärt Kattan lachend. Peter Wiedebeck, Sozialarbeiter der Stadt Springe beschreibt Kattan als einen „äußerst engagierten, zuvorkommenden jungen Mann, der viel für seine Familie übersetzt und auch andere Flüchtlingskinder unterstützt.“

Der 17-jährige Syrer scheint in der Stadt am Deister angekommen zu sein. „Ich gehe gerne Schwimmen, mit Freunden“, sagt er, „und bin auch beim Fußball-Verein angemeldet“. Dabei ist er noch gar nicht lange her, dass sein Leben aus den Fugen geraten war. Spürbar angespannt wurde die Lage in seiner Heimat ab 2012, als syrische Rebellen Gefängnisse stürmten und Gefangene freiließen – „auch die, die wegen Drogen oder Vergewaltigungen einsaßen“, erzählt Kattan. Die Kriminellen hätten Angst verbreitet und Gewalt in seine alte Heimatstadt gebracht. Viele von ihnen konnten weder lesen noch schreiben - trotzdem schrieben sie den Zivilisten vor, wie sie zu leben hätten und bezogen sich dabei auf den Koran. In Aleppo seien Willkür und gegenseitige Unterstellung zur Normalität geworden.

„Jeder, der eine Waffe in der Hand hatte, durfte alles. Im Krieg gibt es keine Regeln“, erklärt Kattan. Dabei hält er die Luft an und spricht so leise, als wenn die Feinde noch immer hinter der Tür warten würden. Als die Regierung Assads in seinem Viertel die Oberhand erhielt, wurde es nicht besser, weiterhin herrschten Willkür, Gewalt und Terror.

Der Krieg zerstörte das Wohnhaus der siebenköpfigen Familie in der Altstadt Aleppos. Auch der frühere Arbeitsplatz des Vaters existiert nicht mehr: In der großen Textilfabrik mit internationalen Kunden klauten zunächst Anhänger der Freien Syrischen Armee (FSA) während einer Belagerung die Maschinen, um daraus Geld zu machen. Anschließend wurde das Gebäude von der Regierung zerbombt.

Als der 14-Jährige Kattan von den Truppen genötigt wurde, Pflichtarbeit zu leisten und Sichtschutz-Sandsäcke im Schusswechsel zu schichten, sah sein Vater keinen anderen Ausweg als die Flucht nach Deutschland. Der Jugendliche erinnert sich noch gut an seine erste Nacht in Deutschland. Er habe nicht schlafen können - so ruhig war es ohne Bombengeräusche, Gewehrsalven und Geschrei.

Seiner Mutter gelang es, mit den beiden jüngsten Geschwistern im Juli 2017 nachzukommen. Auch sein mittlerweile 27-jähriger Bruder konnte fliehen. Der gelernte Mediziner war schon vorher in die Türkei gereist, um der Militärpflicht in seiner Heimat zu entkommen.

Sorgen macht sich die Familie aber um die ältere Schwester. Die Biotechnik-Ingenieurin arbeitet in einem Krankenhaus in Aleppo. „Mein Vater versucht alles Mögliche, um sie zu holen“, sagt Kattan. Da sie jedoch nicht mehr minderjährig ist, kann sie nicht ohne Weiteres nachkommen.

Belal lässt den Kopf nicht hängen. Statt zu klagen, versucht er, anderen Schülern in ähnlichen Situationen zu helfen: Er engagiert sich am OHG als Scout. Einmal in der Woche übt er an der Grundschule am Ebersberg sowie an der Grundschule in Eldagsen Deutsch mit Kindern der Sprachlernklassen. Er paukt mit ihnen Vokabeln und unterhält sich mit ihnen – damit es ihnen leichter fällt, in der neuen Heimat anzukommen, Freunde zu finden und Freude am Schulalltag zu haben.



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