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Auf großer Fahrt: Ein Seemann aus Bennigsen erinnert sich

BENNIGSEN. Seine Äquator-Taufe, ein damals weltweit übliches Ritual, wenn ein Besatzungsmitglied zum ersten Mal auf See den Äquator überquert, erlebte Werner Müller als Schiffsjunge. Damals hatte man ihm erzählt, dass der Äquator eine Mauer sei, die nur durch eine Lücke durchfahren werden könne. Die er suchen musste. Nur eins von vielen Abenteuern.

Sein Seefahrtsbuch: Werner Müller zeigt es nicht ohne Stolz. Den Taufschein der Äquatortaufe hat er auch noch. FOTO: RTM
Mischer

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Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Der 79-Jährige hat auf hoher See so manches Abenteuer überstanden, ein Schiff, auf dem er angeheuert hatte, ist sogar untergegangen. Bereut hat er seine Zeit auf hoher See aber niemals: „Ich habe das sehr gern gemacht“, sagt der gebürtige Völksener, der heute in Bennigsen lebt.

Von 1954 bis 1955 besuchte der damals 15-Jährige die Seemannschule in Hamburg. Das Geld, das deren Besuch kostete, erarbeitete er sich teilweise als Bauhelfer bei der Bahn. „Es hat geklappt“ – der Traum des jungen Mannes wurde war.

Müllers erstes Schiff, auf dem er anheuerte, hieß „Hubert Schröder“, wurde von der AG Weser als „Atika“ gebaut – im Jahr 1923. Das Schiff war also ziemlich alt. Und wurde noch mit einer Dampfturbine angetrieben: In der Zeit nach dem Krieg brauchte man jedes schwimmfähige Schiff.

Die Premiere auf hoher See begann für Müller mit akuter Seekrankheit auf der Nordsee. „Ein Zeitgefühl hatte ich in dem Zustand nicht – aber es war mir auch egal“, blickt der Seemann heute zurück. „Aufatmen, weil ich noch am Leben war, konnte ich erst in der Wesermündung Richtung Bremen.“ Ein älterer Schiffskamerad gab ihm den Ratschlag, einen Bindfaden mit einem Stück Speck dran zu nehmen: „Runterschlucken, hochziehen und wenn ein brauner Ring kommt, den wieder runterschlucken“. Ob eine solche Prozedur hilfreich ist? Sei‘s drum.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten ging das Abenteuer für den in Völksen geborenen Schiffsjungen weiter, von der Seekrankheit war er geheilt. Er stieg in der Hierarchie weiter auf, und die Seefahrt machte ihm mehr und mehr Spaß. Er erlebte auf dem Schiff Riesenhitze in Afrika, für die der Kapitän Tropenhelme an die Besatzung ausgab, fuhr auf dem Kongo-Fluss und erlebte eben seine denkwürdige Äquator-Taufe, bei dem ihm die Besatzung den Schmutz des Nordens von der Haut gewaschen hatte: Eine Menge Erlebnisse, an die er sich gern erinnert.

Trotz der Tatsache, dass das Schiff eher fragwürdig war. „Obwohl die Seeschifffahrt sich 1955 noch im Aufbau befand war die Hubert Schröder ein Seelenverkäufer, an dem man eigentlich nichts schlechter machen konnte, weil es schon ganz unten angelangt war“, urteilt Müller heute.

So nimmt es auch nicht Wunder, dass irgendwann das Unvermeidliche passieren musste: Bei Klaipèda, einer Hafenstadt in Litauen, die mit deutschem Namen Memel heißt: „Als wir vor Memel ankamen, gab es weder Lotsen noch Schlepper.“ Ein Lotse kam erst am nächsten Tag, weite Teile des Schiffes waren vereist. Die Besatzung des Schleppers, der irgendwann auch kam, agierte unglücklich, die Taue, mit denen das Schiff daran befestigt war, rissen. „Harte Schläge erschütterten das Schiff, an verschiedenen Stellen im Schiffsboden waren Löcher entstanden und es lief Wasser ins Schiff“, sagt Müller. Schließlich musste der Kapitän die „Hubert Schröder“ aufgeben: Im Fachbuch „Die Seeschiffe des norddeutschen Lloyd“ heißt es zum Schicksal des Schiffes lapidar: „havariert, nach Maschinenausfall auf Reise Gdynia – Klaipeda im Sturm auf Strand getrieben“. Von der Besatzung wurde glücklicherweise weder jemand verletzt, noch vermisst. Und das, obwohl sich die meisten per Kopfsprung in die eiskalte Ostsee an Bord eines russischen Marinebootes gerettet hatten, das zur Bergung der Besatzung herbeigeeilt war.

Müllers See-Abenteuer fingen da aber erst an: „Nach ein paar Tagen zuhause erhielt ich Post von der Reederei. Im Januar 1956 könnte ich auf einem Neubau einsteigen mit Namen Erich Schröder.“ Am 16. Januar 1956 schließlich hat er dann als Jungmann auf dem Neubau angemustert. „Für 26 Monate, ohne Urlaub war ich wieder im Fahrgebiet Westafrika gelandet.“

Erst später hatte er einen Schlussstreich unter die Seefahrt gezogen. Der Liebe wegen – seiner Frau gefiel es nicht, dass er ständig unterwegs war und nicht bei ihr zuhause am Deister.



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