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Vom geachteten Mann zum Staatsfeind: Alter Brief des Springer Juden Alfred Silberberg in Alvesrode aufgetaucht

Als „Slunchen“ dem Terrorregime der Nazis entkam

Springe/Alvesrode. Deutschland gedenkt in diesen Tagen den fünfeinhalb bis sechs Millionen Menschen, die dem Holocaust zum Opfer fielen und auch den Juden, die in der Reichspogromnacht auf den 10. November 1938 ihr Hab und Gut, ihre Synagogen und Geschäfte – und vielerorts auch ihr Leben ließen. Gerade jetzt hat der frühere Springer Bürgermeister Friedrich Woltmann aus Alvesrode einen Brief im Nachlass seines Vaters gefunden, den ihm einer der bekanntesten Springer Juden aus dem Exil schickte.

Der Brief von Alfred Silberberg. Der jüdische Emigrant schrieb i

Autor:

Markus Richter

Alfred Silberberg überlebte den Verfolgungswahnsinn, weil er rechtzeitig nach Aus-tralien auswanderte. Von dort schrieb er an seinen Freund, Friedrich Woltmann senior. Beide kannten sich vom Fußball, war doch Silberberg einer der neun Gründerväter des traditionsreichen FC Springe und Woltmann an der Entstehung des Vereins Concordia Alvesrode maßgeblich beteiligt. Den Brief verfasste Silberberg im März 1948 in Sydney, über die Ereignisse des Krieges und der unmittelbaren Zeit danach informierte ihn die Neue

Deister-Zeitung, die er sich auf den fernen Kontinent vom „alten Kameraden“ Friedrich Mendelsohn nachschicken ließ. Der war wie Silberberg einer der wenigen jüdischen Überlebenden des NS-Regimes, nach dessen Ende das Verlagshaus J.C. Erhardt wieder frei und unabhängig berichten konnte.

„Die Nazi-Zeit hat mich fast mittellos gemacht“, berichtet Silberberg seinem Freund in der Heimat. In einem kleinen Geschäft für Frauen- und Kinderbekleidung würden er und seine Familie nun günstige Wollsachen anbieten. Und weiter: „Ja, mein lieber Friedrich, wir haben gelitten, Du als der Gelbe wurdest von den Nazis gehasst und bekämpft wie die Juden.“ Woltmann der ältere war wie seine Nachfahren politisch engagiert: Er war Vorsitzender der Deutsch-Hannoverschen Partei (daher die Farbe Gelb) und damit automatisch ideologischer Feind der NSDAP. Beide Männer verband also mehr als nur der Sport. Silberberg verschaffte es wohl ein wenig Genugtuung, als er in der britischen Zone Australiens erfährt, dass zwei der Männer, die damals gegen ihn gehetzt hatten, an der Front verschollen oder zum Krüppel gemacht wurden. Er schrieb: „Meine Peiniger und Verleumder haben zum Teil Gottes Strafe im Kriege bekommen.“ Wer Alfred Silberberg war, beschreibt Historiker Hans-Christian Rohde in seinem Buch „Wir sind Deutsche mit jüdischer Religion“, erschienen 1999 in der Reihe der Hallermunter Schriften des Springer Museums und gedruckt im Verlagshaus Erhardt. So hatte Alfred das Geschäft von „Fleischereibedarfsartikeln“ an der damaligen Langen Straße 34 von seinem Sohn Louis übernommen. Mit dem Fahrrad fuhr er über die Dörfer, nahm Bestellungen auf und lieferte Waren aus. Rohde schreibt: „Die Geschäfte Silberbergs beleuchten exemplarisch die Ausrichtung des jüdischen Handels in der Zeit nach der industriellen Revolution. […] Mit Gütern aus der Ferne versorgten sie das Landvolk.“ Alfred Silberberg war übrigens auch Journalist, unter dem Zeichen „Alsi“ publizierte er in der NDZ. Und er kümmerte sich bis zu seiner Emigration um die Angelegenheiten der Synagogengemeinde Springe. Wie damals am Deister üblich, hatte der gelernte Schlachtermeister einen passenden Spitznamen: „Slunchen“ – was auf Plattdeutsch so viel wie Darmfett bedeutete, keinesfalls aber abwertend gemeint war. „Slunchen belegt eher die gute Integration in die städtische Gemeinschaft“, beschreibt Rohde.

Historiker Ulrich Manthey erinnert in einem Zeitungsartikel an eine Sportveranstaltung, bei der FC-Ehrenmitglied Silberberg „in bewegenden Worten noch einmal der Toten“ gedenkt. Da war er Förderer des Fußballsports in der Region, engagiert bei der Feuerwehr – nicht aus der deutschen „Volksgemeinschaft“ ausgegrenzt. Doch das sollte sich bald ändern. Schon am nächsten Tag sei in der Zeitung zu lesen gewesen, dass die antisemitische NSDAP im Kreistag die Mehrheit der Mandate errungen hat. Die Parteigänger von der Nationalen Einheitsliste können als Wahlsieger in das Bürgervorsteher-Kollegium der Stadt Springe einziehen.

Der einst hoch geachtete Silberberg wurde plötzlich wegen seiner Religion geächtet und wanderte nach Australien aus, wo er im Jahr 1959 verstarb.



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