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Bei der VHS wird der Ernstfall geprobt: Jugendliche lernen das Putzen, Waschen, Backen und Bügeln

Überleben danach: Wenn Mami ausgekocht hat

Springe. „Ist schwarz denn nun bunt oder nicht?“, fragt der 19-jährige Till und schaut dabei ein bisschen ratlos aus der Wäsche, die sich vor ihm stapelt. Weiß, farblich, fein, kochbar: Heike Thiele-Wehrhahn weiß Rat. Die Hauswirtschafterin bietet bei der Volkshochschule in Springe zum ersten Mal einen „Survival-Kurs“ für Jugendliche an. Die Teilnehmer wollen fit werden fürs Leben fernab von Hotel Mama. Doch das ist gar nicht so einfach.

Eine Aufgabe, die Stefan (v.l.), Till, Rebecca und Mareike in der Schule nie gelöst haben: Vor der Wäsche steht das Sortieren de

Autor:

Markus Richter

Wäsche waschen, bügeln, putzen, kochen – das haben für Till und seine Leidgenossen bislang andere übernommen. „Meine Mutter meinte, ich soll erst mal klein anfangen“, erinnert sich der junge Mann schmunzelnd. Sein Versuch, Kaffee zu kochen, ging allerdings gründlich in die Hose: „Ich hatte den Filter falsch eingesetzt, dann lief alles über – und die Maschine war kaputt.“ Der Abiturient weiß, dass man zu Hause bei den Eltern nie um Ausreden verlegen ist, um etwas nicht tun zu müssen. Jetzt hat ihn seine Freundin zum Kurs geschickt, um aus dem verwöhnten Knaben einen echten Hausmann zu machen. Und er hat ein Ziel: „Es soll in der eigenen Wohnung nicht so aussehen, wie jetzt in meinem Zimmer…“

In einem Monat zieht auch Markus (19) aus, jetzt nach der Schule will er sein eigenes Leben führen – und nicht jeden Tag bei der Mutter anrufen und um Rat bitten. „Ich will nicht vollkommen hilflos sein“, sagt er. Thiele-Wehrhahn bereitet nun aufs Leben vor. Bei ihr lernen die Teenager das ganze Repertoire kennen: die Pflege-Symbole auf Textilien, die Wahl der richtigen Chemie, sogar was es heißt, dem Härtegrad des Wassers angepasst zu waschen. Das nervige Bügeln. „Nur wenn man das alles weiß, lassen sich böse Überraschungen vermeiden“, weiß die Dozentin.

Mareike Asthalter hat die schon gemacht: „Einmal war die Wäsche komplett verfärbt…“ Die 18-jährige Hamelnerin ist eigens für die zwei Seminartage nach Springe gekommen, um in ihrem eigenen Haushalt souveräner agieren zu können. Sie will lernen, besser und abwechslungsreicher zu kochen, richtig einzukaufen, Stauraum und Geld zu sparen sowie auf die Umwelt zu achten.

Und auch das Putzen – es ist mehr als ein bisschen „wischi-waschi“, weiß Expertin Thiele-Wehrhahn. Welches Scheuermittel ist das Beste? Mit welcher Technik verbringe ich nicht den ganzen Tag mit Saubermachen? Was ist effektiv, was überflüssig?

Gerne will auch der 17-jährige Gymnasiast Stefan aus Springe etwas mit nach Hause nehmen. Dorthin, wo er zugegebenermaßen nicht helfen muss. „In der Schule lernen wir so etwas nicht.“ Frühzeitig bereitet sich auch Rebecca auf den Auszug ins Leben vor. Die 15-Jährige hat das gleiche, natürliche Ziel wie alle: „Ich will von meinen Eltern unabhängig sein.“

Dann packt die Dozentin aus. Zwanzig Flaschen Reinigungsmittel stapeln sich auf dem Tisch. Da fällt – wie im Supermarkt – die Wahl schwer. „Im Prinzip braucht ihr nur Spülmittel, Neutralreiniger und Essigreiniger fürs Klo“, sagt Thiele-Wehrhahn. Mehr (die Mädchen) oder weniger (die Jungs) interessiert schauen sich die Kursteilnehmer an, was so drin ist, im grünen Frosch oder im gelben General. Als wenn das noch nicht genug ist, gibt‘s sogar noch einen Tipp mit auf den Weg: „Legt euch ein System an – verschiedene Farben für verschiedene Aufgaben.“ Die Hauswirtschafterin empfiehlt: den roten Lappen für den Sanitärbereich, den gelben für Oberflächen, den blauen für die Fenster…

Die sind gleich in der nächsten Lektion dran: Konventionell mit dem Lappen oder ganz profihausfrauenmäßig mit dem Wischer samt Abziehgummi können Fenster zunächst vom gröberen Schmutz befreit werden und dann mit Glasreiniger einen Feinschliff erhalten. „Nehmt am besten einen Tropfen Spülmittel ins Wasser, nicht zu viel, sonst wird‘s ne Schaumparty“, sagt die Dozentin. Keiner lacht. Alle fürchten sich noch vor dem Ernstfall, ohne die nette Frau Thiele-Wehrhahn, ohne die liebe Mama.

Nach Stunden der Theorie und Praxis hat Proband Till das Waschen und Bügeln gelernt. „Das traue ich mir jetzt selbst zu.“ Nur Hemden will er in Zukunft weniger tragen: „Die zu bügeln… das war ein Schock!“

Heute nutzen die Überlebensschüler zum Abschluss die Küche des Jugendzentrums. Dort will ihnen die Dozentin Grundrezepte in der Küche beibringen. Auch, etwas Einfaches zu backen. „Es braucht nicht gleich die fünfstöckige Sahnetorte sein, wenn die Mama zu Besuch kommt.“

Auch wenn die sicher total stolz wäre.



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