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63-jährige erfindet vor Gericht Ausreden am laufenden Band

SPRINGE. Eine Meisterin im Ausreden-Erfinden präsentierte sich jetzt vor dem Springer Amtsgericht. Die 63-Jährige fand für alles eine Erklärung: Warum sie eine Urkunde fälschte, warum sie die dann verhängte Geldstrafe nicht bezahlen, aber auch die verhängten Sozialstunden unmöglich ableisten konnte.

Foto: Archiv
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Marita Scheffler Redakteurin zur Autorenseite

Was alle Antworten verbindet: Schuld waren andere.

Die Richterin und der Staatsanwalt hatten es bei dieser Verhandlung nicht leicht, selber zu Wort zu kommen. Wiederholt mussten sie die Angeklagte zurechtweisen, nicht dazwischenzureden – während des Verlesens der Anklage ebenso wie beim Plädoyer und der Urteilsverkündung.

Was war passiert? Um die kargen monatlichen Zuweisungen vom Job-Center aufzubessern, erfand die 63-Jährige im Herbst 2017 einen Mietvertrag. In der Hoffnung auf Wohngeld fälschte sie die Unterschrift ihrer Tochter und reichte das Papier beim Amt ein. Blöd nur, dass erstens ihre Tochter nicht mitspielte und zweitens den Mitarbeitern des Job-Centers bekannt war, dass sie ein (kostenloses) Wohnrecht auf Lebenszeit hatte.

„Ich konnte ja nicht wissen, dass die das wissen“, verteidigte sich die gebürtige Springerin, die auf anwaltliche Unterstützung verzichtete. „Wenn man nichts zahlt, kriegt man auch nichts zurück“, versuchte die Richterin verständlich zu machen und hörte als Antwort: „Ich hatte Existenzängste und wollte ein bisschen mehr Geld zur Verfügung haben.“

Mittlerweile ist die Beschuldigte in den Landkreis Hameln-Pyrmont umgezogen. Für die Urkundenfälschung sollte die Frau, die wegen einer für sie unerklärlichen Steuerhinterziehung vorbestraft ist, 450 Euro zahlen. Tat sie aber nicht und nahm es auch mit dem alternativen Arbeitsdienst nicht so genau. Es blieb bei lediglich einem Vorstellungsgespräch, das in die Hose ging. Ihr Gegenüber notierte: Die Bewerberin habe eine auffällige Persönlichkeit, starke Ängste und keine rechte Lust auf die Sozialstunden. Aus Sicht der 63-Jährigen lag es dagegen am Pastor: „Der war nicht gut zu mir.“

Die Bemerkung mit der „auffälligen Persönlichkeit“ führte zu erneutem Diskussionsbedarf vor Gericht: „Ich bin anders, nicht auffällig!“, echauffierte sich die 63-Jährige. „Vielleicht bin ich aber genau richtig – und die anderen sind anders.“ Dass Mitmenschen manchmal ein Problem mit ihr hätten, liege an einem Detail: „Ich bringe immer alles auf den Punkt.“

Die Richterin versuchte, der Angeklagten eine goldene Brücke zu bauen und sie zur Mitarbeit in einem Tierheim zu bewegen. Das lehnte die 63-Jährige ab: Ihre Ängste ließen keine Fahrt quer durch Hameln zu. Überhaupt: „Ich würde die Tiere da in mein Herz schließen. Und dann würde ich sie alle behalten wollen. Ich bin sehr emotional.“

Der Staatsanwalt plädierte auf eine Geldstrafe in Höhe von 300 Euro, die Richterin begnügte sich letztlich mit 200 Euro. Damit es mit der Zahlung auch wirklich klappt, braucht die Verurteilte nur 20 Euro pro Monat abzustottern. Ein Zugeständnis, das sie dankbar annahm, „damit mein Hund auch weiterhin das beste Futter bekommen kann. Das braucht er nämlich“.  



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