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Wenn der Weg für Blindenführhund Norris versperrt ist

BAD MÜNDER. Bernd Plöger hat gelernt, mit seiner Zeit und seinen Kapazitäten zu haushalten. Einen Beruf nach dem anderen hängte er mit Fortschreiten seiner Behinderung an den Nagel. Was er im ganz normalen Alltag nicht überblicken kann, erfassen andere für ihn. Darunter Norris – sein Blindenführhund.

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Katharina Weißling Redakteurin zur Autorenseite

Denn seit 2004 ist Bernd Plöger nach und nach erblindet. Sein Hund wurde monatelang für eben diese Begleit-Aufgabe ausgebildet, hat ein freundliches Wesen, geht öfter zum Tierarzt als andere Hunde.

Dass es im Alltag der beiden hin und wieder klemmt, liegt nicht an ihnen. Sie kommen seit Jahren sichtlich gut miteinander klar, stoßen aber dennoch öfters auf Unwissen, Unverständnis und Ablehnung – dort, wo eigentlich der Weg frei sein sollte.

„Viele Menschen wissen nicht, dass Blindenführhunde ebenso in Lebensmittelgeschäfte dürfen wie ein Blindenstock und dass ich als Halter in besonderem Maße auf Parasitenfreiheit und Hygiene achten muss, damit er auch in Arztpraxen mitkommen kann“, erläutert Plöger. „Wenn wir zwei rausgehen, mache ich uns beide stadtfein“, schmunzelt Plöger. Er bürstet den Hund, pflegt die Pfoten. Gestreichelt und abgelenkt werden darf ein Blindenhund nicht, wenn er im Dienst ist. Auch, weil seine Aufgabe extrem fordernd ist. Sobald Norris im Arbeitsgeschirr ist, muss er über die Begrenzungen, die für ihn als Hund wichtig sind, weit hinausdenken und arbeiten.

„Ein Zenmeister im Hundefell“: Bernd Plöger bewundert die Ruhe seines Hundes Norris.

Hindernisse, an denen Bernd Plöger seinen Kopf stoßen könnte, muss er sehen und vermeiden. Oder von sich aus Umwege suchen, wenn eine Baustelle einen gewohnten Weg versperrt. Im Zweifel auch gegen den Willen seines Herrchens.

„Die Arbeit eines Blindenhundes erfordert höchste Konzentration und auch Charakterstärke“, sagt Plöger. „Dass Norris mit seinen 12 Jahren noch so fit ist, ist wirklich erstaunlich“. Normalerweise würden Blindenführhunde wie er nach fünf bis acht Jahren ausscheiden. „Norris schafft das, weil er so in sich ruht und noch Lust hat“, schätzt sein Halter – er empfände es ohnehin als Verrat, den Hund aufs Altenteil zu schieben. „Stattdessen sehe ich zu, dass er nicht mehr so lange am Stück im Geschirr ist.“

Umso mehr ärgert es Plöger, wenn er wieder und wieder erklären muss, was ein Blindenhund ist, was er tut, und was er darf. „Gesetzlich ist er einem Rollstuhl gleichgestellt“, erklärt er – quasi als medizinisches Hilfsmittel. Damit sind Norris und dessen Kollegen nicht wie ein gewöhnlicher Hund zu betrachten, der selbstverständlich vor einer Fleischerei draußen bleiben muss. Auch in Apotheken, Krankenhäuser, Supermärkte darf Norris hinein. Von der Leinenpflicht ist er ausgenommen, weil er erstens besonders erzogen ist und zweitens mehr Ausgleich braucht als andere. Würde Plöger den für 30 000 Euro ausgebildeten Hund draußen anleinen, gebe es Ärger mit der Versicherung.

Im Wartezimmer des Hausarztes hat der gutmütige Norris Fremde schon mit seiner schieren Präsenz erfreut. Oft genug aber bereitet die Unkenntnis über die Regeln anderen Menschen Stress. Die einen fürchten den Lebensmittelkontrolleur, die anderen, den Unmut ihrer Kunden. „Dabei übersehen oder übergehen sie glatt den Umstand, dass sie mich mit diesem Verhalten diskriminieren“, sagt Plöger. Nicht ohne Weiteres zu seinem eigenen Sohn ins Krankenhaus vorgelassen zu werden, sei so ein Fall. Faktisch in der Wahl des Zahnarztes eingeschränkt zu werden, weil manche den Hund nicht wollen, genauso.

Einmal machte Plöger auch unliebsame Bekanntschaft mit einem beratungsresistenten Supermarktdetektiv. In heftigen Fällen hilft dann auch der Handzettel, in dem Plöger die wichtigsten Punkte zu Rechtslage und Hygieneaspekten zusammengefasst hat, herzlich wenig.

„Ich finde das einfach schade, dass kaum einer in seiner Ausbildung mal einen Satz dazu gehört hat“, sagt Plöger. Dann nämlich könnte er leichter anknüpfen. So verliert er Zeit mit Diskussionen, fühlt sich grundlos abgelehnt, wo Otto Normalverbraucher sich unbeschwert bewegen kann. Zeit, die Überstunden für seinen Hund bedeutet – und Frust für ihn persönlich.

Da hilft es, dass wenigstens Norris von Natur aus die Ruhe weg hat. „Ein Zenmeister im Hundefell, von dem ich schon manches gelernt habe“, lobt Plöger. Für den eigenen Ausgleich zeichnet der gelernte Kaufmann gerne, sitzt manchmal an der Nähmaschine. Nicht zu lange, denn das ermüdet die Augen. Trotzdem will er die Zeit, in der er Licht und Farben noch wahrnehmen kann, auskosten. „Die Erblindung schreitet voran, da weiß ich nicht, wie lange Zeit ich noch so sehen kann.“



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