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Verloren im Antragsdschungel

BAD MÜNDER. An der Tür steht „Krümelkids“, und hinter der Tür verbergen sich zwei Großtagespflegestellen für insgesamt bis zu 20 Kinder. Steffi und Ulf Rodewald haben sie aufgebaut und alles könnte gut laufen – wenn nicht zugesagte Fördermittel in beträchtlicher Höhe ausbleiben würden.

Die Betreuungszeit bei den „Krümelkids“ dauert von 6.30 bis 17 Uhr. Beendet ist der Arbeitstag von Steffi Rodewald dann aber noch nicht. Foto: Rathmann
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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite

„Das ist inzwischen existenzbedrohend“, sagt Ulf Rodewald, der gemeinsam mit seiner Frau viel Geld in die Schaffung von Betreuungsplätzen gesteckt hat. Auf rund 80 000 Euro summieren sich die Fördermittel, mit denen sie gerechnet haben, die bislang aber nicht geflossen sind. Gestartet haben sie den Aufbau der Großtagespflege in Bad Münder nach Anfängen in Bakede im Vertrauen auf die Zusagen, die ihnen gemacht wurden. Stadt und Landkreis benötigen dringend Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren, daher wird seit Jahren neben der Schaffung von Plätzen in Kitas um Tagesmütter geworben und die Qualifizierung vorangetrieben. Seit 2016 ist der Landkreis Modellstandort und wird vom Bundesfamilienministerium gefördert.

Bis zu fünf Kinder darf eine Tagesmutter betreuen, immer häufiger schließen sich Tagespflegepersonen aber auch zu Großtagespflegestellen zusammen, die dann bis zu zehn Kinder aufnehmen dürfen. Das Modell, das Ulf und Steffi Rodewald für sich wählten, ist bislang allerdings im Landkreis einmalig – sie richteten zwei benachbarte Großtagespflegestellen ein. Und das bereitet offenbar Probleme: „Egal, wer hier im Landkreis für Tagespflege zuständig ist: Man findet niemanden, der sich in der Materie wirklich auskennt. Bei allem, was etwas schwieriger ist, gibt es keine Antworten“, sagt Ulf Rodewald. Und seine Frau macht deutlich, dass sie das nicht nur ärgert, sondern auch massiv belastet. „Mittlerweile wissen wir auch nicht mehr weiter.“

Bereits bei der Auswahl des Gebäudes am Justus-von-Liebig-Weg hätten sie die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes mit ins Boot geholt. „Der Aufbau einer solchen Einrichtung ist nicht meine Kernkompetenz“, räumt Ulf Rodewald unumwunden ein – er hat eine Ausbildung als Tagespflegeperson absolviert, ist von Haus aus aber Versicherungsvertreter mit eigener Agentur. Entsprechend habe er von Beginn an auf die Unterstützung der Behörden gesetzt, Beratungsangebote angenommen. „Wir wollten Sicherheit haben.“ Auch, dass er und seine Frau in Vorleistung gehen mussten, um Fördermittel zu erhalten, sei ihm durchaus bewusst gewesen.

Entsprechend beantragten sie im Februar 2017 die Förderung für zwei Großtagespflegen. Ende Oktober waren die Bewilligungsbescheide da, nachdem – so Rodewalds – der zuständige Mitarbeiter der Stadt, der die Förderung beantragen musste, die Formulare zunächst nicht vollständig ausgefüllt hatte. „Er hatte auch den weiteren Weg aufgezeigt. Wenn die Bewilligungsbescheide vorliegen würden, würde er gleich nach Einreichung der Rechnungen das Geld auszahlen“, erinnert sich Steffi Rodewald.

Gefördert wird die Einrichtung von Betreuungsplätzen – bauliche Maßnahmen wie Anschaffungen – von der Landesschulbehörde mit 4000 Euro pro Platz. Mit 60 000 Euro rechneten Rodewalds. Für Investitionen, die über diese Summe hinausgehen, stellt der Landkreis zudem eine Förderung in Aussicht, die für Rodewalds rund 20 000 Euro betragen dürfte, aber erst nach der Zahlung der Landesschulbehörde fließen kann.

Als Ende 2017 nach Einreichung der Rechnungen nicht sofort Geld floss, wurden Rodewalds nicht nervös – im Februar 2018 dann allerdings schon. Sie fühlen sich nicht nur schlecht beraten, sondern auch durch Nachlässigkeiten bei der Stadt in ihrer Existenz bedroht. „Natürlich dürfen Fehler vorkommen. Aber sie dürfen sich nicht häufen. Und wenn jemand einen Monat lang vergisst, eine Mail zu beantworten, dann geht das nicht“, sagt Steffi Rodewald.

Im April baten sie Bürgermeister Hartmut Büttner zu einem Gespräch. Das fand statt – doch noch immer warten sie auf die Förderung. Auf NDZ-Nachfrage verweist Büttner auf das noch laufende Verfahren. Anträge seien gestellt, aber eine abschließende Entscheidung stehe noch aus. Er macht aber auch deutlich, dass mit dem Vorhaben der Rodewalds in gewisser Weise Neuland betreten werde und kündigt weitere Unterstützung an.

Für den Landkreis stellen die Mitarbeiter fest, dass die Bearbeitung der Fördermittel, die beim Land beantragt seien, immer sehr zeitnah unterstützt worden sei. „Wir sind selbst an der Förderung mit einer ergänzenden Hilfe beteiligt, die bei Projekten in der Kindertagespflege zirka sechs bis zwölf Prozent der Projektkosten ausmacht“, erklärt Pressesprecherin Sandra Lummitsch. Die Berechnung dieser Summe könne aber erst erfolgen, wenn das Land seine Berechnung und Prüfung abgeschlossen habe. „Insofern warten auch wir hier auf die Abrechnung und haben selbst auch schon zum Sachstand angefragt“, so die Sprecherin. Ein Abschlag könne nicht berechnet werden, weil die Mitteilung über die Förderhöhe des Landes noch ausstehe. Allerdings: Der Landkreis zahle die laufenden Betriebskosten von Tagespflegestellen umgehend, damit das laufende Angebot der Tagespflege gesichert sei.

Bei Ulf Rodewald ist der Frust inzwischen groß: „Diese ganze Tagesmütterei ist so unausgegoren. Auf Bundes- und Landesebene gibt es offenbar keine gesetzlichen Regelungen. Jeder Landkreis agiert autark – und keiner hat en détail Ahnung.“

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