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S-Bahn: 2021 Umzug in fabrikneue Züge?

Bad Münder ohne die seit der Jahrtausendwende bekannten roten Triebzüge, Hameln ohne DB-Ticketcenter? Dieses Szenario wird eintreten, wenn es bei dem Beschluss der Behörden bleibt, die S-Bahn Hannover ab Ende 2021 für zunächst zehn Jahre von der Osnabrücker Nordwestbahn (NWB) betreiben zu lassen.

Großer Moment im Mai 2007: Mit einer Sektdusche wird der Triebzug mit Wappen und Namen Bad Münders getauft. Falls die Entscheidung für die Privatbahn bestehen bleibt, werden ab Ende 2021 bei der S-Bahn Hannover fabrikneue Züge rollen. Fotos: Rathmann
Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Das private Unternehmen, das zur französischen Transdev-Gruppe mit in Deutschland 5000 Mitarbeitern und 890 Millionen Euro Jahresumsatz gehört, hat bei der turnusgemäßen Neuausschreibung des Nahverkehrs mit ihrem Angebot die DB offenbar deutlich abgehängt. Die Mitarbeiter der Staatsbahn sind entsetzt, enttäuscht, verunsichert: „Wir haben den Betrieb zur Expo 2000 aufgebaut, sind seitdem gut gefahren“, sagen sie. Und: Bei der Bewertung der Angebote gebe es Benachteiligungen für das Unternehmen DB Regio – es verlöre in Niedersachsen die Hälfte des Geschäftes – und einige Ungereimtheiten. Deshalb hat die Deutsche Bahn bei der Vergabekammer in Lüneburg eine Nachprüfung verlangt. Diese Stelle des Landesverkehrsministeriums entscheidet normalerweise binnen fünf Wochen. Doch weil sich die Verfahren häufen und Urlaubszeit ist, hat sich die Kammer Zeit bis zum 28. September gegeben. Vorher werde zu einer mündlichen Verhandlung mit den Beteiligten geladen, erklärt eine Sprecherin. Möglicherweise falle die Entscheidung auch schon im August. Gegen das Votum könnte beim Oberlandesgericht Einspruch eingelegt werden. Laut Experten, wäre es zulässig, aus strategischen Gründen ein bewusst verlustreiches Angebot abzugeben und den Ausgleich zum Beispiel durch die Konzernmutter vornehmen zu lassen.

Während also für die DB-Beschäftigten die Phase der persönlichen Verunsicherung anhält, läuft der NWB die Zeit für all die aufwendigen Vorbereitungen der Betriebsübernahme nicht weg. Angesichts der Erfahrungen bei Vergaben andernorts würde in Hannover gegebenenfalls der Starttermin verschoben, sagt ein NWB-Vertreter. Ansonsten will er sich aber nicht einmal grundsätzlich dazu äußern, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Rahmenbedingungen sein Unternehmen Fahrkarten an Schaltern verkauft, wie hoch das Kundenaufkommen oder wie groß die Kommune sein muss, um Personal vor Ort zu haben. „Das wird individuell gestaltet.“ Somit lassen sich keine Aussagen für den künftigen Serviceumfang ableiten. Wird es überhaupt noch im Bahnhofsgebäude in Hameln Beratungen zum Fernverkehr geben, zum Angebot der DB-Bahncard? Immerhin: In Wilhelmshaven und Cloppenburg hat die NWB Ende 2016 die Räume der bisherigen DB-Reisezentren übernommen.

Kein Geheimnis ist es, dass die NWB mit fabrikneuen Fahrzeugen an den Start gehen will. Den Reisenden dürfte es recht sein, denn im Waggonbau hat sich viel getan. Der Komfort ist auch im Nahverkehr in vielfacher Hinsicht gesteigert worden, um die Zufriedenheit zu fördern – und damit auch den Umstieg vom Auto in das umweltfreundlichere Verkehrsmittel. Andererseits hätte der DB-Fuhrpark, der eigens für die Verhältnisse der S-Bahn Hannover konstruiert wurde, noch eine Lebensdauer von rund zwölf Jahren. Wird nicht der Bahnfahrer oder Steuerzahler die Neuanschaffung bezahlen müssen? Und wie kann die NWB der Region Hannover und der Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) ein so günstiges Angebot unterbreiten, wenn sie doch schätzungsweise 400 Millionen Euro für bis zu 80 Triebzüge ausgibt oder einen Leasingvertrag mit dem Hersteller schließt?

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Die Nordwestbahn fährt in den Räumen Bremen und Braunschweig mit Elektro-Triebzügen vom Typ „Coradia Continental“ des französisch-deutschen Herstellers Alstom. Die Flotte zeichne sich durch Modernität, hohe Leistungsfähigkeit, Umweltfreundlichkeit, Barrierefreiheit, ein großzügiges Raumangebot und ein ansprechendes Design aus, erklärt die NWB. In Braunschweig betrug die Lieferzeit drei Jahre.

Die DB wird ihr S-Bahn-Betriebswerk in Hannover behalten, sagt ein Sprecher auf Nachfrage – es würde mit anderen Aufträgen ausgelastet, falls die NWB keinen Wartungsvertrag mit der Deutschen Bahn schließt. Wenn die Konkurrenz eine neue Werkstatt einrichtet, fallen weitere hohe Investitionskosten an. Auch die Nutzung von Dienstleistungen Dritter ist denkbar.

In vielen Bereichen muss die Nordwestbahn ihr Personal von derzeit 850 Köpfen aufstocken – bei teils leergefegten Fachkräfte-Märkten. DB-Mitarbeiter sollen mit dem Betriebsübergang unter Umständen zur NWB wechseln dürfen, müssen es aber nicht. Die DB werde keine betriebsbedingten Kündigungen aussprechen, ist zu vernehmen, sondern jeden, der es möchte, im Konzern weiterbeschäftigen, eventuell fern des heutigen Wohnortes. Der freiwillige Wechsel zur NWB soll andererseits selbst für beamtete Beschäftigte möglich sein; sie werden dann durch ihren Dienstherrn, dem Bundeseisenbahnvermögen, abgeordnet.

Die Eisenbahner-Gewerkschaft GDL sieht die Vergabeentscheidung kritisch: Sie sei schmerzlich und ein Zeichen mangelnder Wertschätzung bei der Region Hannover und der LNVG gegenüber den Mitarbeitern der S-Bahn. Bei einem endgültigen Zuschlag für die NWB sei es nötig, „die Folgen für die Kolleginnen und Kollegen zu regeln“. Immerhin gelte der von der GDL ausgehandelte Bundesrahmentarifvertrag für das Zugpersonal auch bei der NWB, es gebe also kein Lohndumping, die Arbeitsbedingungen seien einander angeglichen.

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