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Podiumsdiskussion deckt viele Aspekte von Armut vor Ort auf

BAD MÜNDER. „Ich bin von Reichtum betroffen. Das ist beschämend. Eine achtköpfige Familie muss in einer WG mit 100 Quadratmetern auskommen, ich habe 98 für mich alleine“, sagt der Erwin Schlatterer. Der 75-Jährige engagiert sich als Integrationslotse. Er weiß: Armut gibt es auch in Bad Münder. Sie hat viele Gesichter.

Auf dem Podium diskutieren Vertreter von Einrichtungen und Institutionen, die Armutsfolgen aus ihrer täglichen Praxis kennen. Foto: hzs

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Christoph Huppert Reporter

Zu einer Bestandsaufnahme hatte der SPD-Ortsverein Bad Münder-Hachmühlen-Brullsen in die Aula der Grundschule an der Wallstraße eingeladen. „Wir wollen die Auswirkungen von Armut sichtbar machen und diejenigen berichten lassen, die mit den Betroffenen arbeiten. Egal ob haupt- oder ehrenamtlich“, so Wilfried Hartmann, der Ortsvereinsvorsitzende. Nein, kein gegenseitiges Schulterklopfen, sondern „die Sensibilisierung für versteckte Armut in Bad Münder“. Dem Überblicksreferat „Armut in Deutschland“ von Lars Niggemeyer, dem Abteilungsleiter „Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik, berufliche Bildung, Sozialpolitik“ vom DGB Bezirk Niedersachsen-Bremen-Sachsen-Anhalt, folgte eine vom Redakteur im Ruhestand Dieter Klocke und Sabine Süpke, der Leiterin des Wilhelm-Gefeller-Bildungszentrums, moderierte Podiumsdiskussion. Deren Zusammensetzung verdeutlichte den Zuhörern die ganze Bandbreite der mit dem Thema befassten Personen und Institutionen: die beiden Pädagogen Christoph Schieb, Rektor der Grundschule Bad Münder, und KGS-Chefin Malihe Papastefanou, Tafelleiter Dieter Hainer, Pastor Dietmar Adler für die Diakonie und der Leiter der Schuldner- und Insolvenzberatung der Awo aus Hameln, Christian Ranke.

Das Thema, soviel wurde schnell deutlich, lässt keine einfachen Antworten zu. Da wünschte sich Ranke angesichts veränderter Konsum- und Finanzierungsformen eine bessere Aufklärung von Jugendlichen, da schilderten die Schulleiter und der Pastor eindrucksvoll, wie Armut im Alltag sichtbar wird.

„Es gibt 1600 Betroffene in Bad Münder, die gerade so ihr Auskommen haben“, sagte Adler. „Eine unerwartete Lebenskatastrophe wie Krankheit, eine geplatzte Selbstständigkeit, eine Scheidung, und sie stehen vor dem Nichts.“

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Mindestlohn-Erhöhung, öffentliche Beschäftigungsprogramme für Langzeitarbeitslose in den Kommunen, Abschaffung der Schuldenbremse und eine grundlegend andere Wirtschaftspolitik, so die Hauptforderungen des Gewerkschaftvertreters. Für Tafelgründer Hermann Wessling im Publikum bleiben aber auch nach zehn Jahren Tafel „die Signale die gleichen und Armut eine permanente Herausforderung“. Der Ruf nach mehr Engagement der Stadt jedoch geht fehl, denn das staatliche Jobcenter ist zuständig. „Langzeitarbeitslose kommunal zu beschäftigen, das geht durchaus“, meinte aber Bürgermeister Hartmut Büttner, wie die heimischen Landtagsabgeordneten im Zuschauerraum. „Zusammen mit Impuls, der Arbeitsloseninitiative Bad Münder und dem Jobcenter in Kooperation. Der gesellschaftliche Wohlstand ist ebenso wie der Bedarf und die Instrumente da. Wir müssen das abstimmen, dann geht´s los.“

Auch wenn der Themenbereich „Armut“ nicht zu den eigentlichen Pflichtaufgaben der Stadt gehört, so sind die Voraussetzungen in Bad Münder durch eine Vielzahl kooperierender Einrichtungen, von der Sozialraum AG über die AIBM, die Kirchen, die Schulen und die Tafel bis zur Diakonie überdurchschnittlich gut ausgeprägt und vernetzt. Beste Bedingungen also, „Armut in Bad Münder“ in einer gemeinsamen Anstrengung zu lindern. „Erst deren Auswirkungen und Ursachen herausfinden, dann in einer zweiten Phase Wünsche und Forderungen an die Politik in Rat und Kreis herantragen“, zeichnete Siegfried Schönfeld vom Ortsverein das weitere geplante Vorgehen vor.

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