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„Null Toleranz“ beim Thema Mobbing

BAD MÜNDER. Schikane, Beleidigung, Bedrohung – Mobbing an Schulen ist kein neues Thema, und doch gibt es immer wieder Fälle, die Fragen aufwerfen. Wir haben in Bad Münder nachgefragt, was überhaupt Mobbing ist, wie mit bekannten Fällen umgegangen wird und welche Maßnahmen zur Prävention unternommen werden.

Oft der Anfang: Per Mausklick einen Mitschüler bloßstellen, beleidigen, tyrannisieren. Studien zufolge ist bundesweit etwa jeder dritte Jugendliche schon einmal Opfer von Mobbing-Attacken im Internet und über Social-Media-Plattformen geworden. Foto: 
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Johanna Lindermann Redakteurin zur Autorenseite

„Wir nehmen das sehr ernst. Null Toleranz – das ist unsere ganz klare Politik zum Thema Mobbing“, erklärt Schulleiter Christoph Schieb die Situation an der Grundschule Bad Münder. „Werden uns Vorfälle gemeldet, tritt ein Handlungskonzept in Gang, das nach einem durchgesprochenen Verfahren funktioniert.“ Er weist aber auch darauf hin, dass zwischen Mobbing und Streitigkeiten unterschieden werden müsse – Mobbing verlaufe etwa über einen längeren Zeitraum.

Schieb, der auch Lehrervertreter im Bildungsausschuss ist, appelliert gemeinsam mit der Elternvertreterin Christine Vesche auch an die Eltern: „Es ist wichtig, dass die Eltern auf die Lehrer zukommen.“ Denn im „Face-to-Face“-Gespräch, so Schieb, könnten die Probleme unter den Betroffenen häufig am besten gelöst werden: „Es hilft sehr, einmal die Perspektive des anderen einzunehmen. Das trägt meist zu einer Lösung bei.“

„Mobbing gibt es an jeder Schule“, bedauert die KGS-Leiterin Malihe Papastefanou. Umso wichtiger sei es, wie man darauf reagiere: „Wir nehmen das außerordentlich ernst. Man muss es bearbeiten, und das tun wir.“ Aber auch sie betont, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen Mobbing und dem „Ärgern“ unter Schülern gebe.

Ein heutzutage typischer Mobbingfall laufe etwa so ab, skizziert Papastefanou: „Es fängt oft bei WhatsApp oder Instagram an. Das liegt wohl daran, dass sich die Schüler dort anonymer vorkommen.“ Werde dann in der Whats-App-Klassengruppe ständig auf einem Kind herumgehackt, das auch im Unterricht ausgegrenzt würde und nicht mehr mitarbeite, seien dies Anzeichen.

„Oft kommen die Kinder aber nicht von sich aus zu uns, aus Scham“, erklärt die Schulleiterin. Hier würden dann die Klassenlehrer auf das Kind zugehen – an der KGS wird mit Klassenlehrerteams aus zwei Personen gearbeitet, damit auch bei einer möglichen Krankheit eines Lehrers immer ein Ansprechpartner verfügbar ist. Alternativ komme es auch vor, dass Eltern ihre Beobachtungen an die Klassenleitung meldet. „Dann beraten die Klassenlehrer mit unserer Sozialpädagogin, ob sich der Fall für eine Beratung oder eine Seelsorge eignet.“ Dabei versuche die Schule, möglichst früh einzugreifen, aber überstürzt werden dürfe dabei nichts, denn: „Das kann bei dem Kind nur zu noch mehr Fluchtideen führen.“ Denn betroffene Kinder hätten oft den Wunsch, „unsichtbar“ zu sein.

Doch wie geht es weiter, wenn nun ein Mobbing-Fall festgestellt wurde? „Mobbingintervention heißt nicht, den Täter zu bestrafen“, sagt Papastefanou. Bei strafrechtlichen Vergehen arbeite man natürlich auch mit der Polizei, aber auch mit der gesamten Klasse zusammen. Ansonsten werde an der KGS nach dem sogenannten „No-Blame-Approach“ (zu deutsch: Ansatz ohne Schuldzuweisung) gearbeitet. Dabei setzen sich die Klassenlehrer mit dem betroffenen Kind, seinen Unterstützern in der Klasse, dem oder den Haupttätern sowie einigen Unbeteiligten aus der Klasse zusammen an einen Tisch. Dann sagen die Lehrer: „Wir fühlen uns hier im Moment nicht wohl“, erläutert Papastefanou.

Gemeinsam werde dann überlegt, wie die Stimmung in der Klasse verbessert werden könne. „So soll die Situation entschärft werden und die Aufmerksamkeit weg von dem betroffenen Kind und auf die Klassenleitung gelenkt werden. So können wir viel nachhaltiger eingreifen.“ Und: „Wir müssen gucken, wie wir die Klassengemeinschaft wiederherstellen können“, denn „niemand kann unter solchen Bedingungen in Ruhe lernen und seine Persönlichkeit entwickeln – auch die Täter nicht.“

Zudem müsse untersucht werden, wie das Mobbing überhaupt entstanden sei, erklärt die Schulleiterin. „Manchmal geht das auf Missverständnisse zwischen zwei Schülern zurück, was dann riesige Kreise zieht“, sagt sie. Und: „Natürlich sind danach nicht immer alle beste Freunde, aber es klappt schon.“

Doch neben der Intervention wird an der KGS an der Prävention gearbeitet, damit es gar nicht erst zu Mobbing kommt: So steht in jeder Klasse einmal pro Woche eine Stunde „Soziales Lernen“ auf dem Stundenplan, wo etwa die Anleitung von Gruppen trainiert werde. Zudem finden an der Schule Vorträge und Beratungen von der Polizei und dem „Smiley e.V.“, einem Verein zur Förderung der Medienkompetenz aus Hannover, statt. Diese Beratungen würden auch bei tatsächlichen Mobbingfällen eingesetzt.

„Aber leider klappt die Prävention nicht immer“, sagt Papastefanou und betont ebenfalls: „Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass die Eltern mit uns zusammenarbeiten. Nur, wenn wir gemeinsam arbeiten, können wir nachhaltig arbeiten.“

Zudem rät sie den Eltern, das Handy- und Internetverhalten ihrer Kinder zu überprüfen. „Eltern sollten mit ihren Kindern darüber reden und handyfreie Zeiten vereinbaren. Denn so merken sie, dass nicht das ganze Leben im Internet stattfindet.“ Übrigens: Apps wie WhatsApp, Messenger und Instagram sind häufig erst ab 13, 14 oder gar 16 Jahren freigegeben, auch wenn Jüngere sie nutzen.

Doch auch außerhalb der Schulen wird das Thema Mobbing ernst genommen. So kam die Thematik auch bei der jüngsten Sitzung der Arbeitsgruppe des Projekts „Bad Münder bewegt“, die sich mit Kindern und Jugendlichen befasst, zur Sprache. Dabei seien Vorschläge für neue Projekte erarbeitet worden, die in Kooperation mit den Grundschulen und der Stadtjugendpflege gegen Mobbing durchgeführt werden könnten, erklärte Arbeitsgruppen-Mitglied Elisabeth Borcherding.

Und auch an der Kooperativen Gesamtschule plant man für die Zukunft: So besuchen die Lehrer regelmäßig Weiterbildungen zum Thema Mobbing.



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