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Kapellenvorstands-Mitglied massiv bedroht und angegriffen

NIENSTEDT. Als es losgeht, da nimmt Janina Westerhoff die ganze Sache noch nicht ernst, sagt sie heute. Im Januar dieses Jahres bekommt sie eine Textnachricht aufs Handy, anonym verschickt: Wie könne sie als Lesbe es sich herausnehmen, Kurse mit Kindern und Babys anzubieten? Das grenze ja an Missbrauch.

Die Kapellengemeinde Nienstedt stellt sich hinter Janina Westerhoff: Das 36-jährige Vorstandsmitglied wird wegen ihrer gleichgeschlechtlichen Ehe massiv bedroht. Foto: RATHMANN
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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Es ist, so blickt Westerhoff zurück, der Auftakt für Monate voller Drohungen, voller Angst um sich selbst und ihre Familie. Diese Woche eskaliert die Situation: Ein Unbekannter greift sie zuhause an. Inzwischen beschäftigt das Thema nicht nur die Polizei. Sondern auch den Kapellenvorstand in Nienstedt, in dem die 36-Jährige seit dem Frühjahr sitzt.

Westerhoff wohnt seit fast vier Jahren in dem kleinen Ort mitten im Deister. Zusammen mit ihrer Frau Brit und den Kindern, vier und anderthalb Jahre alt. Sie haben sich hier gut eingelebt – und ihre Zukunft geplant: Vor drei Wochen sind sie aus dem Mietshaus ins Eigenheim gezogen.

Doch über dem Idyll liegt seit Monaten ein Schatten.

Rückblende in den Januar: Westerhoff bietet in einer Hebammenpraxis im Stadtgebiet Kurse an, für die sie sich vorher hatte weiterbilden lassen: Babymassage etwa, oder Kinderturnen. Dann kommen die Textnachrichten, vier Stück insgesamt. „Ich habe das erst mal so abgetan und irgendwann wieder vergessen“, sagt die 36-Jährige heute.

Um Ostern herum findet sie zuhause im Briefkasten den Flyer für ihre Kurse. Beschmiert in offenbar verstellter Handschrift. Als „dreckige Lesbe“ beschimpft sie der Unbekannte, sie solle ihre Kurse aufgeben. Doch es braucht noch einen zerstochenen Autoreifen und Edding-Schmierereien am Fenster des Wohnhauses, bis sie die Notbremse zieht: „Das ist mir zu heikel geworden.“ Sie lässt die Kurse eine Weile ruhen, informiert das erste Mal die Polizei.

Zeitgleich beginnt für die 36-Jährige ein neues Kapitel in Sachen ehrenamtliches Engagement: Sie lässt sich im Frühjahr für den Kapellenvorstand aufstellen und wird gewählt. Trägt so dazu bei, das Kirchengremium zu erhalten und der gesamten evangelischen Gemeinde (die zu den Nachbarn in Barsinghausen-Egestorf gehört) ein großes Stück Selbstständigkeit zu bewahren.

Doch vor einigen Wochen geht es wieder los. Ein weiterer beschmierter Flyer landet im Briefkasten, Drohungen folgen, die sich auch gegen den Kapellenvorstand wenden. Die Botschaft: „Verschwinde von hier!“ Die Gemeinde müsse sie rauswerfen. Sogar eine Trauerkarte, vermeintlich im Namen des Vorstands, findet Westerhoff.

Der letzte Brief, berichtet sie der NDZ, habe sogar eine konkrete Vergewaltigungsdrohung enthalten. Umso schlimmer die Ereignisse vom Dienstag dieser Woche, die sie auch gegenüber der Polizei schilderte: Gegen 12 Uhr sei sie von einem Termin zurückgekommen. Aus einem Schuppen auf dem eigenen Grundstück habe sie, wie schon vor ihrer Abfahrt, ein lautes Miauen vernommen. Als sie den Verschlag betritt, habe ihr jemand von hinten den Mund zugehalten: „Er hat kein Wort gesagt.“ Sie habe sich mit Tränengas wehren können. Der Mann sei geflüchtet – er sei mit einer Art Motorradhaube maskiert gewesen.

Der Münderaner Polizeichef Ulrich Mathies bestätigt auf NDZ-Anfrage, dass seine Behörde wegen Bedrohung, Beleidigung und Körperverletzung beziehungsweise gefährlicher Körperverletzung gegen Unbekannt ermittelt. Einen konkreten Anhaltspunkt, wer der Täter sein könnte, habe man noch nicht.

Auch Westerhoff sagt, sie wisse nicht, wer der Unbekannte sein könne. Für sie ist die Situation belastend – und auch für ihre Frau, für das ältere Kind, das ahnt, dass die Mütter große Sorgen plagen. „Es ist schlimm, zu wissen, dass da jemand ist, der immer weiß, wo wir sind und was wir tun.“ Von Freunden, Nachbarn, auch von der Kapellengemeinde erfährt die Familie Unterstützung. „Wir begreifen das als Angriff auf den Vorstand, aber auch auf die ganze Gemeinde“, sagt Pastor Sebastian Kühl: Die Drohungen, die Feindseligkeit gegen eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft seien nicht vereinbar mit dem Anspruch, weltoffen und vielfältig zu sein. Ohne die Unterstützung von Westerhoff und ihren Mitstreitern im Vorstand, erinnert der Pastor, sei die Kirche als Teil der Dorfgemeinschaft in Frage gestellt: „Letztendlich“, glaubt Kühl, „legt sich da jemand mit dem ganzen Ort an.“



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