weather-image
Bernhard Gelderblom sammelt Fakten und zieht daraus Schlüsse: Verdächtig hohe Kindersterblichkeit

Friedhof der Vergessenen: Historiker am Werk

Nienstedt (st). Zunächst hat sich ein Ort in Schweigen gehüllt, dann eine Zeitzeugin schwerwiegende Anklage erhoben – der Nebel um den Friedhof der Vergessenen im kleinen Deisterörtchen Nienstedt hat sich aber noch immer nicht ganz verzogen. Einen Schritt hin zu einer wissenschaftlich fundierten Aufarbeitung der Geschehnisse im heutigen Schullandheim und auf dem nahegelegenen Gräberfeld hat jetzt der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom gemacht. Als Experte für die Kriegsjahre in der Region hat er in Archiven und Datenbanken nach harten Fakten gesucht und diese auch gefunden. Sein Ergebnis: Es sind außergewöhnlich viele ausländische Kleinkinder in der Heilanstalt verstorben und nachweislich einige von ihnen auf dem Friedhof der Vergessenen begraben worden.

ñ Bernhard Gelderblom an seinem Schreibtisch. ð Ein Plan des Fri

Gelderbloms Ergebnisse basieren auf Recherchen im ITS, dem Internationalen Suchdienst, mit Sitz in Bad Arolsen. Eingerichtet von den Alliierten und dem internationalen Roten Kreuz bereits in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges hilft der Suchdienst seinen Klienten, Angehörige zu finden, die in den Kriegswirren verschwunden sind. „Das ist eine der wichtigsten Quellen, wenn es um Personen geht“, so der Historiker. Dort hat der Hamelner zahlreiche Unterlagen zu Patienten der Heilanstalt ausfindig gemacht.

Besonders erschreckend für Gelderblom: „23 Kinder unter einem Jahr sind dort in nur zwei Jahren von 1943 bis 1945 verstorben, das ist eine auffällig hohe Zahl.“ Diese Tatsache legt laut Gelderblom den Schluss nahe, dass neugeborene Kinder aus den Arbeiterlagern der Landeshauptstadt Hannover nach Nienstedt gebracht wurden, um die Arbeitskraft der Mütter nicht an die Säuglinge „zu verschwenden“. „In der Heilanstalt wird man dann gesagt haben: ,Macht mal ein paar Räume für die Kinder frei, da braucht ihr Euch aber nicht groß drum zu kümmern‘“, so der Historiker.

Er ist der Überzeugung, dass wenigstens in einem Teil der Heilanstalt bewusst Kinder aus Lagern sich selbst überlassen wurden – Kinder aus slawischen Ländern aus dem Osten. „Und dass gerade slawische Verstorbene nicht neben den deutschen bestattet wurden, war eine übliche Vorgehensweise.“

270_008_4224432_lkbm101_12.jpg
270_008_4224430_lkbm101_12.jpg

Gelderblom will einen Denkprozess einleiten, der es den Nienstedtern ermöglicht, sich der Vergangenheit zu stellen, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Denn: „Die Einwohner des Ortes müssen sich nicht angegriffen fühlen. So ein Dorf kann nichts dafür, das haben höhere Stellen entschieden.“ Wenn im Bereich des zivilen Krankenhauses bestimmte Bereiche für die „unerwünschten Kinder“ aus den Arbeitslagern vorgehalten worden wären, dann hätte das die Bevölkerung gar nicht mitgekriegt. „Außerdem sprechen wir hier von der späten Kriegszeit, in der Angst vorherrschte. Da hat keiner das Maul aufgerissen“, so Gelderblom.

Die frühe Einebnung des Gräberfeldes schreibt der Hamelner den damals unsentimentalen Zeiten zu. Dabei handele es sich rechtlich gesehen um Gräber von Kriegsopfern, die sich die BRD verpflichtet habe zu erhalten.



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt