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Familienzusammenführung in Hachmühlen

HACHMÜHLEN. Wenn minderjährige Kinder mehrere Jahre lang auf ihre Eltern verzichten müssen, ist das schon schwer genug. Noch dazu alleine in einem fremden Land zu sein, deren Sprache sie nicht sprechen, ist umso schwieriger. Dass dieser Akt jedoch gelingen kann, beweisen die Kinder der Familie Eedo aus dem Irak.

Betreuer Erwin Schlatterer (2. v. li.) ist schon zum Familienmitglied bei den Eedos geworden. Foto: Lindermann
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Johanna Lindermann Redakteurin zur Autorenseite

Seit einigen Jahren leben sie schon in Hachmühlen, betreut durch den Flegesser Erwin Schlatterer.

Alles begann im Sommer 2014 im Irak: Sohn Musafer (damals 21 Jahre) und seine Frau Assala feierten gerade ihre Hochzeit in ihrer Heimatstadt Shingal, als sie die Nachricht erhielten, dass der Islamische Staat (IS) in die Stadt vorrücke. Die Eedos sind Jesiden – eine religiöse Minderheit, die der IS als „Ungläubige“ verfolgt. „Man muss sich die schwierige Situation der Eltern vorstellen, die entscheiden mussten, welche ihrer Kinder sie auf die gefährliche Reise nach Deutschland in eine ungewisse Zukunft schicken, ohne zu wissen, ob sie sie überhaupt je wiedersehen“, sagt Schlatterer.

In kleinen Gruppen machten sich schließlich sechs der insgesamt neun Geschwister auf den Weg nach Deutschland – zum Teil über das Wasser, mit dem Bus oder zu Fuß. „Eine Woche waren wir unterwegs“, erzählt die inzwischen 15-jährige Noora. Bei der Flucht war sie elf – und damit die jüngste der Geschwister, die aufgebrochen waren. Noch zwei weitere Geschwister waren zu dem Zeitpunkt, als sie in Deutschland ankamen, unter 18.

Um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmert sich im Normalfall die Jugendhilfe. Doch für die Geschwister stand von Anfang an fest: „Wir wollten zusammenbleiben.“ Als Schlatterer von der Familie erfuhr, entschloss er sich kurzerhand, zu helfen. Und da er früher Sozialarbeiter beim Jugendamt war, durften die Geschwister unter seiner Betreuung in das ehemalige Schulgebäude in Hachmühlen ziehen.

„Alle Kinder sind ausgesprochen gut erzogen, immer freundlich und haben eine sehr gute Beziehung untereinander“, lobt Schlatterer. „Als Sozialpädagoge ist es mir ein Rätsel, dass man Kinder so gut erziehen kann, dass sie alleine in ein anderes Land mit anderer Kultur kommen und dort hervorragend funktionieren.“

Nur an der Sprache haperte es. „Am Anfang haben wir kein Deutsch gesprochen, nur Kurdisch und Arabisch“, erinnern sich die Geschwister. Die Kommunikation sei zu Beginn über einen Übersetzer im Smartphone und mit Händen und Füßen gelaufen, erzählt Angela Kreusel vom DRK-Ortsverein Hachmühlen, die die Familie gemeinsam mit Schlatterer betreut. Doch über Sprachkurse, in der Schule und mithilfe von Schlatterer und Kreusel lernten die Kinder schnell die fremde Sprache.

Doch das war nur eine der Hürden, die es zu meistern galt: „Das war ein dicker Ordner Papierkrieg“, sagt Schlatterer, der die Geschwister zu Ämtern begleitete und bei offiziellen Schreiben half. „Anderthalb Jahre war es eine elende Warterei, bis endlich die Anerkennungen als Flüchtlinge erreicht waren.“ Erst danach war auch der Familiennachzug möglich – und das war entscheidend, denn neben den Eltern hielten sich auch noch die beiden jüngsten Geschwister im Irak auf. Eine ältere Schwester lebte bereits in Hameln.

Aufgrund „fähiger Ämter“, wie Schlatterer es beschreibt, hatten die Anstrengungen für den Familiennachzug Erfolg: So durften die Eltern schließlich nach Deutschland zu ihren Kindern ausreisen, die beiden jüngeren Geschwister allerdings nicht. Im Dezember 2017 – nach über drei Jahren der Trennung – konnten die Eltern ihre Kinder in Deutschland endlich wieder in die Arme schließen. Seither leben sie zu acht in Hachmühlen. Nur der Vater hat bislang noch keinen Asylantrag gestellt, da er noch einmal in den Irak zurückmuss, um die 12- und 13-jährigen Geschwister zu holen, die derzeit bei den Großeltern leben. „Es ist wichtig, dass die Familie dann endlich wieder komplett ist“, findet Kreusel.

Die Kinder in Deutschland haben sich derweil gut eingelebt. Alle sechs besuchen die Schule, etwa die KGS Bad Münder und die Elisabeth-Selbert-Schule in Hameln. Die Leistungen seien durchschnittlich bis gut, sagt Schlatterer. Sie hätten sich auch gut aufs Lernen konzentrieren können, da er sich gemeinsam mit Angela Kreusel um die rechtlichen Angelegenheiten gekümmert habe. Zudem haben einige der Kinder auch bereits Praktika gemacht. Noora durfte beispielsweise bei der Polizei reinschnuppern – und hat damit auch ihren Traumberuf gefunden. „Ich möchte Polizistin werden“, sagt die Achtklässlerin der KGS.

Auch ihr Vater ist für eine gute Ausbildung. „Ich möchte, dass meine Kinder etwas für Deutschland machen, weil Deutschland uns so geholfen hat“, übersetzt Noora die Worte ihres Vaters, der noch kein Deutsch spricht. „Denn bei uns gab es nur noch Krieg und keine Menschlichkeit mehr.“

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