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Kinderfriedhof im Deister gibt Rätsel auf / 91 Gräber nach nur 15 Jahren eingeebnet

Ein stiller Ort – verwildert, vergessen, verdrängt

Nienstedt. Irgendwann holt die Gegenwart die Vergangenheit ein – auch wenn Jahrzehnte darüber ins Land gegangen sind und meterhoch Gras über die Dinge gewachsen ist. Das gilt bildlich auch für ein Gräberfeld in dem zum Staatsforst Deister gehörenden Waldstück oberhalb von Nienstedt: der „Friedhof der vergessenen Kinder“. Nur wenige wissen von ihm, und noch weniger Eingeweihte mögen über ihn sprechen.

ñ Nur ein weißes Kreuz und ein paar rote Rosen erinnern auf der

Autor:

Paul Mittag

Es ist fast so etwas wie ein Stück Niemandsland zwischen den Gemeinden Bad Münder und Barsinghausen. Hohe Tannen, wucherndes Gestrüpp. Nur ein versteckter Gedenkstein mit einer Schrifttafel und ein kleines, weißes Kreuz weisen auf die Bedeutung dieses Ortes hin. Die Wanderer, die aus Richtung Altenhagen II zum Nordmannsturm pilgern, nehmen kaum Notiz davon.

Anders Regina Halm. Die Münderanerin wurde von Mitgliedern ihrer Springer Kirchengemeinde auf den geheimnisvollen Ort aufmerksam gemacht. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg, um vor Ort der dort Bestatteten zu gedenken und als Zeichen der Erinnerung einen Rosenstock zu pflanzen.

Ihr Versuch, Näheres über den „Friedhof der vergessenen Kinder“ in Erfahrung zu bringen, erwies sich dagegen als zähes Unterfangen. Halm befragte mehrere ältere Einwohner Bad Münders und insbesondere Nienstedts über dieses im Dunkeln liegende Kapitel der Vergangenheit. „Aber niemand wusste davon oder wollte etwas dazu sagen“, berichtet sie. Selbst der frühere Stadtdirektor Hermann Weber als profunder Heimatkenner musste passen. Als er die Geschäfte der Verwaltung übernahm, war der Friedhof bereits sechs Jahre eingeebnet – nach nur 15-jähriger Ruhedauer der Verstorbenen, bei denen es sich um insgesamt 91 Kinder handeln soll.

„Hätte ich davon Kenntnis erhalten, hätte ich den Friedhof der Kriegsgräberfürsorge überstellt“, sagt Weber sichtlich erschüttert, als er von der Geschichte des Ortes erfährt.

Dagegen bestätigt Nienstedts Ortsbürgermeister Wilfried Hücker auf Nachfrage, von den der Existenz des Gräberfeldes zu wissen. Doch auch sein Versuch, bei älteren Mitbürgern Einzelheiten in Erfahrung zu bringen, sei nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Schriftliche Aufzeichnungen sind infolge der kommunalen Gebietsreform Anfang der 1970er Jahre nicht mehr im Dorf vorhanden.

So viel ist immerhin bekannt: Auf Wunsch seiner Ehefrau erbaute Ludwig Schlepper Anfang des 20. Jahrhunderts den Sophienhof als Villa am Ortsrand. Ab 1926 wurde das Anwesen nach Um- und Anbauten von der hannoverschen Herschelschule als Landschulheim genutzt.

Als Hannover im Kriegsjahr 1943 zunehmend bombardiert wurde, belegte die dortige „Kinderheilanstalt“ – das heutige Kinderkrankenhaus auf der Bult – das Gebäude im Deister. Das Heim wurde zum Ausweichlazarett.

Zeitweilig sollen im Haus selbst und in einer angrenzenden Notbaracke noch bis zum Jahr 1951 etwa 300 kranke beziehungsweise verletzte Babys und Kinder gelegen haben. Von einigen war nicht einmal der Name bekannt – sie waren als Waisen eingeliefert worden, nachdem ihre Familien auf den Flüchtlingstrecks aus den Ostgebieten ihr Leben verloren hatten.

Es waren vorrangig Seuchen wie TBC, aber auch Unterernährung und Hungerödeme, an denen die Kinder litten. Nach Kriegsende mussten die Krankenschwestern die Medikamente von einer Ausgabestelle in der Tierärztlichen Hochschule abholen, die von den Engländern verwaltet wurde. Weil die Arzneien nicht ausreichten, wurden zusätzlich vor Ort Naturheilmittel hergestellt. So half beispielsweise milder schwarzer Tee gegen Durchfall.

Dennoch starben in diesen Jahren über 200 Kinder an den Folgen ihrer Krankheit. Mindestens 91 von ihnen wurden auf einer Waldwiese im nahen Deister beerdigt – zumeist anonym und ohne Grabkreuz.

1951 wurde das Lazarett geschlossen. Das Haus wurde wieder ein Schullandheim. Der Träger ist bis heute die Leibnizschule Hannover. In den ersten Jahren pflegten noch Schüler des Schullandheims die Kindergräber, die aber immer mehr verwilderten. Die Gemeinde Nienstedt drängte bald darauf, die Begräbnisstätte einzuebnen – 15 Jahre nach der ersten Bestattung. Dieses erfolgte schließlich 1966 mit Zustimmung der damaligen Bezirksregierung Hannover.

Im Jahr 2001, anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Übernahme des Schullandheims durch die Leibnizschule, stellte diese eine Infotafel auf und setzte einen Gedenkstein. Doch inzwischen ist das Areal wieder zugewuchert – und droht abermals in Vergessenheit zu geraten.

„Für mich ist es ein Rätsel, warum man die Kinder im Wald beigesetzt hat und nicht auf dem örtlichen Friedhof“, sagt Bürgermeisterin Silvia Nieber, die nach eigenen Angaben bislang keine Kenntnis von der Geschichte hatte. Regina Halm hofft, dass die Stadt sich nun des Kinderfriedhofs annimmt und ihn zu einem würdigen Ort der Erinnerung macht.

Die Frage, weshalb die Kinder so isoliert und fernab bestattet wurden, bleibt allerdings unbeantwortet. War es womöglich die Angst der Nienstedter Bürger vor ansteckenden Krankheiten?

In einer am 8. Oktober 1959 von der Neuen Deister-Zeitung veröffentlichten Notiz hieß es: „…Wind und Regen haben auf den Kreuzen die Zeichen verwischt. Auf einem ist noch halbwegs zu lesen: ,Hier ruht in Gott’. Dahinter könnte stehen ,und vergessen von den Menschen.’“



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