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Ein Hoch auf hundertundfünf Jahre

BAD MÜNDER. Als sie geboren wurde, gab es einen Kaiser. Vom Zweiten Weltkrieg redete kein Mensch – der Erste war noch nicht einmal ausgebrochen. Man schrieb das Jahr 1913, als die kleine Veronika, die später einmal Döring heißen sollte, in Hannover das Licht der Welt erblickte.

Eine Frau, deren Geschichte eng mit Bad Münder verbunden ist: Veronika Döring feiert heute Geburtstag, sie wird 105 Jahre alt. Foto: Kemmerich
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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite

Heute wird Veronika Döring 105 Jahre alt, sie führt damit die Alterspyramide in Bad Münder an. Veronika Döring ist zwar die älteste Einwohnerin der Stadt, allein ist sie mit dem Geburtsjahr 1913 aber keineswegs. Gleich zwei weitere Frauen sind ebenfalls in diesem Jahr geboren: Minna Zimmermann im August und Anneliese Krampen im September. Vier weitere Münderaner, die ihren hundertsten Geburtstag bereits gefeiert haben, gibt es außerdem in der Stadt, die jüngste von ihnen ist Ingeborg Bartels, die am 1. Januar den ersten dreistelligen Geburtstag feiern durfte.

Der heutige Tag gehört jedoch Veronika Döring, gefeiert wird er mit Kindern, sechs Enkeln und elf Urenkeln. Die schätzen sie nicht nur als liebevolle Mutter, Großmutter und Uroma, sondern auch als eine Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben gestanden hat. Ihr Name ist untrennbar mit dem Kaufhaus in Bad Münder verbunden, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Georg aus einem kleinen Wäschegeschäft heraus aufgebaut hat.

Kennengelernt hatte Veronika Döring ihren späteren Mann über eine Kontaktanzeige. Die junge Frau, die eine Banklehre abgeschlossen hatte und lange Zeit als schnellste Stenografin Hannovers Wettbewerbe gewann, ging die Suche nach einem passenden Gatten gezielt an: Mit Mitte zwanzig inserierte sie in einem Kirchenblatt, den ihr künftiger Mann sollte Katholik sein. Georg Döring meldete sich, 1940 feierten sie Hochzeit. Kurze Zeit später wurde der frischgebackene Ehemann eingezogen, in Bad Münder arbeitete Veronika Döring bis zur kriegsbedingten Schließung des Geschäfts im Laden mit. Bereits am Tag nach Kriegsende – ihr Mann hatte ihr gerade per Brief mitteilen können, dass er den Krieg zwar überlegt hatte, aber in Kriegsgefangenschaft ging – eröffnete sie das Geschäft in Bad Münder wieder.

Dabei hatte sie einen festen Blick auf das, was in der Nachkriegszeit dringend benötigt werden würde: Sie bot Knöpfe und Nadeln, Pfannen und Lockenwickler an, kaufte im Großhandel, aber auch über verschlungene Pfade das, was in Bad Münder fehlte. Dazu reiste sie auch auch verbotenerweise in die französische Besatzungszone, das Geld im Hüftgürtel versteckt. Ihre Energie und ihr Wille brachten den Erfolg, und als Georg Döring aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, hatte sie den Grundstein für das Geschäft gelegt, aus dem später das Kaufhaus Döring erwuchs.

Im Kaufhaus war sie auch noch tätig, als sich viele Gleichaltrige schon lange aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen hatten. Erst mit 85 Jahren verabschiedete sie sich aus dem Unternehmen. Leicht gefallen sei ihr das aber nicht, macht Angelika Kemmerich, eine von vier Töchtern der Jubilarin, deutlich. Im Ruhestand stürzte sich Veronika Döring in eine neue Aufgabe: Ihre Leidenschaft für Handarbeiten kombinierte sie mit der Begeisterung für das Engagement in ihrer Kirchengemeinde. Im Handarbeitskreis von St. Johannes Baptist hatte sie damit begonnen, Decken für Leprakranke zu stricken. Mehr als 300 sollten es werden, bevor sie auf eine etwas leichtere Tätigkeit umschwenkte – und Schals für Obdachlose strickte.

Seit einiger Zeit lebt Veronika Döring in einer Senioreneinrichtung am Deisterhang, dort fällt es ihr leicht, mit ihrem Rollator unterwegs zu sein. Hören und sehen fällt ihr zunehmend schwerer, doch das Konzert, zu dem der Liederkranz Bad Münder kürzlich in der Einrichtung war, hat sie sehr genossen. „Es sind die kleinen Freuden, die sie strahlen lassen“, stellt Angelika Kemmerich fest.

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