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Deutsches Stuhlmuseum: Auf wackligen Beinen

EIMBECKHAUSEN. Das Deutsche Stuhlmuseum erinnert an eine Zeit, in der der Stuhlbau ein zentraler Wirtschaftsfaktor war. Kurz nach 1950 war das Deister-Süntel-Tal die größte Stuhlerzeugungsstätte Deutschlands. Jetzt warnt der Verein, der das Stuhlmuseum unterhält, vor dem Aus – wenn nicht Unterstützung von außen kommt

Museum und Werkstätten ohne Leben – das könnte nach Auffassung des Vorsitzenden dem Stuhlmuseum schon bald drohen. Fotos: HZS

Autor

Christoph Huppert Reporter

Was Dr. Jürgen Othmer den Mitgliedern des Vereins „Deutsches Stuhlmuseum“ mitteilen konnte, taugt hervorragend für Sonntagsreden. Schließlich ist das Museum in Eimbeckhausen einzigartig in Norddeutschland und eine von insgesamt nur zwei entsprechenden Einrichtungen in der ganzen Republik. In einer Dauerausstellung sowie in kontinuierlichem Werkstattbetrieb und dem Aufbau eines Maschinenmuseums im ersten Obergeschoss gibt das Industriemuseum Einblick in die Geschichte der „Wiege der deutschen Stuhlindustrie im Deister-Süntel-Tal.“ „Hier waren einst Tausende von Menschen beschäftigt“, weiß auch der stellvertretende Bürgermeister Peter Meyer, Gast des Vereins. Die Dokumentation dieses Kapitels deutscher Industriegeschichte und die Bewahrung des handwerklich-technischen Know-Hows durch Restauration, Reparatur und Neubau von Stühlen sind Kernaufgaben des Museums.

17 ehrenamtliche Kräfte, die auch noch einen Café- und Veranstaltungsbetrieb unterhalten, leisten dabei Beachtliches. So wurden die Jahresarbeitsstunden von 3988 auf 4939 im Jahr 2018 erhöht, das Spendenaufkommen fast verdoppelt, besuchten knapp 1000 Besucher die Ausstellung, wurden 1710 Besucher bewirtet und sogar Gäste aus Paris empfangen. Die Partnerschaft mit einem Mindener Gymnasium ist fester Bestandteil der Museumsarbeit, und die finanziellen Rücklagen sollen in die rund 70 000 Euro teure Sanierung eines historischen Aufzuges investiert werden.

Das Stuhlmuseum – ein Museum im Aufwind? Weit gefehlt. Nach dem Motto „Schluss mit lustig“ fand Othmer, unterstützt von Meyer, unmissverständliche Worte zu den Zukunftsaussichten. „Dass die Stadt uns nicht weiterhelfen kann, verstehen wir. Doch auch alle Kontaktaufnahmen in Richtung Landkreis hatten das Ergebnis Null“, beklagte Othmer. „Der Landrat hat es nicht einmal für nötig befunden, überhaupt zu antworten. Eine Sauerei.“ Auch die Landtagsabgeordneten hätten weder Interesse noch Unterstützung bekundet. Das Land, dessen Ministerpräsident infolge guter Beziehungen zu Wilkhahn mehrfach persönlich angeschrieben worden war, habe über das Kultusministerium signalisieren lassen, „dass man da nichts machen könne. Othmer: „Angesichts der Bedeutung der Einrichtung für die Industriegeschichte des Landes ist das einfach beschämend.“ „Zum Kotzen“, reagierte Meyer drastisch.

Othmer und seinen Mitstreitern gehe es nicht „um mal eben 50 000 oder 100 000 Euro“, sondern „um die Rettung der inhaltlichen Qualität des Hauses und um zwei oder drei Mitarbeiterstellen.“ Während in andere Museumseinrichtungen im Kreis reichlich Geld gepumpt werde, gerate ein deutschlandweit einzigartiges Museum so allmählich in die Krise. „Wir stehen zwar noch nicht auf brüchigem Eis, aber das Eis beginnt immer schneller zu schmelzen.“

So sei die Überalterung des ehrenamtlichen Personals ein Fakt und die Frage, wer ab 2029 noch dabei sei, stelle sich immer dringlicher.

Othmers Hilferuf: „Wir benötigen dringend neues persönliches Engagement, in den Werkstätten, dem Sonntagscafé, in der Archivierung, in Garten und Außenanlagen.“ Auch Meyer mahnte: „Gute Worte reichen nicht. Der Verein ist ohne das Engagement aller Mitglieder und Sponsoren nicht überlebensfähig.“

Angesichts der guten Vernetzung etwa mit dem Forum Glas könne die Einrichtung eines „Kompetenzzentrums Holz und Glas im Deister-Süntel-Tal angedacht werden“, schlug Othmer vor.



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