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Bernd Gieseking brilliert am Deisterhang

BAD MÜNDER. Er ist 60 geworden und kein bisschen leise. Bernd Gieseking ist ein kabarettistisches Multitalent. TAZ-Schreiber, Radio-Kolumnist, preisgekrönter Kinderbuchautor, Finnlandfreund und „Godfather der Jahresrückblicke“, kurz ein Spitzenkabarettist, der in der ersten Liga spielt.

Der „Godfather“ der Jahresrückblicke: Mit Bernd Gieseking erlebt das mündersche Publikum einen deutschen Spitzenkabarettisten. Foto: Huppert

Autor

Christoph Huppert Reporter

Im großen Saal des Wilhelm-Gefeller-Bildungszentrums der IGBCE am Deisterhang stellte der quirlige Gieseking jetzt sein neuestes Programm „Ab dafür!“ vor. Ungekürzt und mit spürbarer Freude an wortgewaltiger Gestaltungskraft. Ein echtes Minus-Jahr sei es gewesen, nicht nur wegen der Kündigung der Lindenstraße. Der Planet hänge schief, mit der unkaputtbaren Mutti Merkel, die zwischen Bollwerk und Balance pendele, das Jahr der Kanzlerdämmerung mit Schulz und Scheinheiligen. Gekonnt schießt Gieseking nach dem Cartesischen Motto „Ich denke also bin ich“ auf die da oben, zieht amüsante und tiefsinnige Parallelen zwischen Merkel und Karl Mays Kara Ben Nemsi, die in einer Feststellung enden, die von Merkel stammen könnte: „Ein hastiger Renner ist nicht immer das schnellste Pferd.“

Lustvoll seziert Gieseking sprachliche Verdrehungen: Etwa den Diesel-„Skandal“, wo der doch eigentlich ein Diesel-„Betrug“ sei, trägt sauber recherchierte Aufreger vor, wie die Zahlungen 17 deutscher Konzerne für den amerikanischen Wahlkampf, was ihn zu einem sprachphilosophischen Exkurs über die Begriffe Spenden, Leihen und Schenken anstachelt: Organspende, Samenspende, Finanzspende. Nur Liebe, die werde geschenkt.

97 000 Züge der Bahn seien verschwunden, stellt der kleine untersetzte Mann fest. Wo sind die geblieben? Immerhin kommen sie nicht zu spät, doch gelten Sparpreistickets auch bei Zeitreisen?

Gieseking hat seine fiktiven Telefongespräche mit Politpromis zur Radiokolumne ausgebaut. Da parliert er mit Friedrich Merz über dessen Zugehörigkeit zur oberen Mittelschicht, spendet Bettina Wulff nach deren Trunkenheitsfahrt Trost oder zitiert aus dem geheimen Tagebuch von Kanzlerinnen-Ehemann Joachim Sauer. Nein, Giesking verzweifelt nicht an den Widrigkeiten und Absurditäten der Gegenwart. Er outet sich stattdessen als unerschütterlicher Optimist. Einführung von Künstlicher Intelligenz? Sollten wir es nicht erst mal mit natürlicher Intelligenz versuchen? Und er plädiert für eine Digitalverweigerung. „Ich brauche kein 24-Stunden-Rathaus bei dem ich nachts um 2 einen neuen Ausweis beantragen kann.“ Bernd Gieseking liebt den analogen Asterix, der gegen die digitalen Römer den Aufstand probt.

Und am Ende schließt man sich seiner Forderung gerne an: „Ja, die Welt ist aus den Angeln. Hängen wir sie wieder ein!“



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