weather-image
23°

Als Marlene Dietrichs Schwager das Kurhotel kaufte

BAD MÜNDER. Fachwerkhäuser, schmale Gassen, plätschernde Brunnen, ein schmucker Adelshof und der weit über das Dächergewirr hinausragende Turm der Petri-Pauli-Kirche – gemächlich geht’s im Bad Münder der Fünfzigerjahre zu. Doch dann weht ein Hauch von Hollywood durch die Kleinstadtidylle zwischen Deister und Süntel.

270_0900_131143_will5_dpa.jpg

Autor:

G. Erol Hesse-Öztanil

Wie man sich das vorzustellen hat? Vielleicht so: Ende 1958 fährt eine dunkle Limousine vor dem Rathaus vor. Dem Wagen mit hannoverschem Kennzeichen entsteigt jemand, der den Stadtvätern ein ungewöhnliches Angebot unterbreitet. Monatelange Verhandlungen folgen und münden in einen Vertrag, mit dem – so heißt es in der örtlichen Presse – ein „neues Kapitel“ in der Geschichte der Stadt aufgeschlagen wird. Die Gerüchteküche brodelt. In der traditionsreichen Gastwirtschaft „Haus der Väter“ weiß die Kellnerin zu vermelden: „Jawohl, die Marlene Dietrich hat das ganze Bad gekauft.“ Für den Gastwirt steht hingegen fest: „Es ist eine Gruppe von Filmschauspielern, wer verdient heute schon soviel Geld, daß er sich das leisten könnte.“

Alles nur Spekulationen, aber sie haben einen wahren Kern. Denn so ganz falsch liegen die Münderaner mit ihrer Annahme nicht, jemand aus der Kinobranche habe sich die Kurstadt einverleibt – zumindest Teile davon. Es stellt sich heraus, dass der mehrere Lichtspielhäuser besitzende Georg Hugo Will die Kuranlagen erworben hat. Die Politik spricht von einer „glückhaften Wendung“, denn damit war die Stadt den seit Jahren defizitären Kurbetrieb auf einen Schlag los. Zwischen 350 000 und 400 000 Mark musste der Unternehmer aus Hannover für die Badeanlagen mit zwölf Wannen, das Kurhotel mit 24 Betten, die Liege- und Trinkhalle, einen Minigolfplatz sowie ein unbebautes Grundstück hinblättern.

Der neue Besitzer ist kein Mann der leisen Töne. Großspurig verkündet er: „Ich allein habe Bad Münder gekauft. Die Marlene hat damit nicht das Geringste zu tun.“ Aber dass Will selbst etwas mit der weltberühmten Schauspielerin zu tun hat, lässt er dann doch werbewirksam durchblicken: „Was glauben Sie, was für einen groben Brief ich von ihr bekäme, wenn ich mit ihrem Namen Reklame machen würde.“ Aber warum sollte die Diva, die gerade in dem düsteren Thriller „Im Zeichen des Bösen“ mit Orson Welles und Charlton Heston in den Lichtspielhäusern zu sehen ist, einem Kinomanager und Kurbadbesitzer in spe Post über den Großen Teich schicken? Nun, so abwegig ist die Vorstellung nicht, ist doch Georg Hugo Will der Schwager Marlene Dietrichs.

2 Bilder

Rückblende: Berlin in den Zwanzigerjahren, eine Stadt außer Rand und Band. Es ist die Dekade exzessiver Lebenslust, geprägt von Dreigroschenoper, Bubikopf, Charleston und Dada, Bauhausarchitektur, Metropolis und Straßenkämpfen. Der aus dem nordböhmischen Städtchen Teplitz-Schönau stammende Georg Hugo Will mischt kräftig im turbulenten Kulturleben mit. Er leitet den angesehenen Kellerclub im Theater des Westens an der Kantstraße, arbeitet auch zeitweilig für die „Tribüne“ – hier stehen Stars wie Adele Sandrock und Heinrich George auf der Bühne – und gefällt sich in der Rolle des Kabarettmanagers und kulturellen Strippenziehers.

Eines Tages lernt der umtriebige Will die aufstrebende Schauspielerin Marlene Dietrich kennen. Gerne hätte er sich mit dem „blauen Engel“ an seiner Seite geschmückt, doch Wills Avancen ist kein Erfolg beschieden. Die „fesche“ Dietrich zeigt ihm die kalte Schulter. Sie sieht in diesem Mann nur einen „ungehobelten Kerl“, der allerdings später dreist behaupten wird, er habe die Dietrich entdeckt. Immerhin schafft Will dann doch den Familienanschluss, heiratet 1926 Marlenes ältere Schwester Elisabeth, genannt „Liesel“. Ungleicher könnten Geschwister nicht sein: Marlene ist der glamouröse Leinwandstar, der seine – auch gleichgeschlechtlichen – Liebhaber wechselt wie die Abendgarderobe, „Liesel“ dagegen ein schüchternes, pummelig-biederes Hausmütterchen mit schwachem Selbstbewusstsein.

Marlene liebte ihre Schwester, unterstützte sie zeitlebens mit Geld- und Kleidersendungen, doch zugleich unternahm sie alles, Liesel aus ihrer Biografie zu tilgen. Als Maximilian Schell ihr in seinem berühmten Film-Interview die Frage stellt, ob sie eine Schwester habe, antwortet die Schauspielerin knapp: „Nein!“

Warum verleugnete die Diva ihre Schwester so hartnäckig? Der Grund hierfür liegt in Wills Aktivitäten im Nazi-Deutschland der Dreißigerjahre. Liesel war ihrem Mann nach Bergen-Belsen bei Celle gefolgt, der dort die Leitung eines von drei ihm vom Propagandaministerium zugeteilten Truppenkinos übernahm. Während sich Wehrmachtssoldaten und SS-Offiziere im Lichtspielhaus von Will unterhalten lassen, sterben Tausende von Häftlingen im angrenzenden Konzentrationslager Bergen-Belsen. Die Vorstellung, dass sich ihre Schwester ohne jegliche Gegenwehr ihrem autoritären Ehemann unterordnete und mit den Nazis kollaborierte, war für den Weltstar Marlene Dietrich schwer zu ertragen. Umso mehr, als die Schauspielerin das Regime in Deutschland nicht nur konsequent ablehnte, sondern auch die amerikanischen Truppen mit ihren Auftritten an der Front aktiv unterstützte.

Nach Kriegsende weiß sich Will erneut auf die „richtige Seite“ zu schlagen. Gegenüber den Briten spielt er sich als Anti-Nazi auf. „Will kannte keine Skrupel. Er war ein klassischer Wendehals, der sich immer wieder neu orientierte. In der Weimarer Zeit tritt er der SPD bei, dann dient er sich den Nazis an und nach 1945 behauptet er, der beste Freund der Juden gewesen zu sein“, erzählt Heinrich Thies, der die Biografie von Marlene Dietrichs Schwester und ihrem Mann in seinem Buch „Fesche Lola, brave Liesel“ erstmals nachgezeichnet hat.

Mit dem Kauf der Kuranlagen in Bad Münder hofft Will, für sich ein neues lukratives Kapitel aufschlagen zu können. Die Stadt feiert den „Filmkaufmann aus Hannover“ als Retter in der Not, war doch das „Kurbad von einer finanziellen Ohnmacht befallen“. Anfang September 1959 gehen die Kuranlagen in Wills Besitz über, was bundesweit für Schlagzeilen sorgt. Wie der Unternehmer die stattliche Kaufsumme zusammenbekam, ist nicht ganz geklärt. „Wahrscheinlich stammte ein Teil des Geldes aus einer Erbschaft seiner Frau“, mutmaßt Thies.

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet über Wills Vorhaben: Er wolle eine neue Wandel- und Trinkhalle, eine Diätküche und einen Saal für 600 Personen bauen sowie das Kurhotel um 60 Betten erweitern und ein Kneippbad errichten. Will hat einen außergewöhnlichen Plan für die Deisterstadt. „Es soll in erster Linie ein Bad für Filmschaffende werden“, verrät er den Journalisten. So sollen die „abgearbeiteten und gehetzten Filmproduzenten aus Berlin und Hamburg“ sowie die „Angestellten der Filmtheater“ in Bad Münder Erholung finden. In der „Neuen Deister Zeitung“ spricht Will davon, „Bad Münder zu einem kulturellen Zentrum vor den Toren Hannovers“ ausbauen zu wollen. „Das war ein sehr wolkiges Projekt“, urteilt Thies. „Vielleicht wollte er einige Film-Promis nach Bad Münder holen, um dem Ort ein Flair von Showbusiness zu geben. Dass er dabei noch PR mit Marlene machte, war Liesel unglaublich peinlich.“

Aus dem ambitionierten, aber letztlich traumtänzerischem Projekt wird nichts. Zwar kommt es zu einigen Um- und Erweiterungsbauten, und Mitte Januar 1960 wird das neue Kurhotel der Öffentlichkeit vorgestellt (die Wände des Blauen Salons zieren Bilder, die Marlene Dietrichs Vater auf Reitturnieren gewonnen hatte), doch Krankheit und Geldnöte zwingen Will, nach knapp drei Jahren sein Engagement als Kurbadbetreiber aufzugeben. Als er das Kur-Areal an die Bauberufsgenossenschaft Hannover veräußern will, zieht die Stadt die Notbremse. Sie erwirbt im August 1963 den Gebäudekomplex mit den Heilquellen von Will zurück. Der Traum von einem modern-mondänen Bad für „Filmschaffende“ hatte sich zerschlagen.

Nur gut zwei Jahre später, im Dezember 1965, erliegt Georg Hugo Will im Alter von 67 Jahren einem Krebsleiden. Er wurde auf dem Engesohder Friedhof in Hannover beerdigt. Seine berühmte Schwägerin hat übrigens Bad Münder nie besucht.



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt