Musiklegenden gegen Trump

„Wer zum Teufel sind diese Bundes-Arschlöcher?“: Tom Waits meldet sich zurück

Eine weitere Stimme des Widerstands: Der grimmige Protestsong "Boots on The Ground" ist die Rückmeldung des Sängers und Songwriters Tom Waits nach 15 Jahren musikalischen Schweigens.

Man hört gemeinhin eher wenig von Tom Waits. Einer der größten Songwriter Amerikas, einer der gefühlt die halbe Pop- und Rockwelt inspirierte, verschließt sich und sein Leben seit langen Jahren in einer Art Kunstperson. Manchmal führt er Interviews mit sich selbst und erzählt dann Skurriles, beispielsweise, dass er Hühner hypnotisieren könne.

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Urplötzlich war da ein Song - 15 Jahre ohne Tom-Waits-Musik enden

Musik gab es seit 15 Jahren nicht mehr von dem Kalifornier, der früh Bob Dylan verehrte, und in einem Atemzug mit diesem, zudem mit Leonard Cohen, Bruce Springsteen, Neil Young und Joni Mitchell als nordamerikanischen Songwriterlegende genannt wird. Bis dann am Donnerstag (16. April) unverhofft „Boots on The Ground“ auf Youtube stand, ein gemeinsames Stück von Tom Waits und Massive Attack gegen Polizei- und Militärgewalt. Ein Protestsong.

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In dem Waits‘ seine kantige, kaputte Stimme erhebt, ein zerzaustes Singen, gegen das Bob Dylans Krähen lieblich klingt. „Starke Beine baumeln aus einem Hubschrauber / ein kräftiger Rhythmus, es muss jetzt sein, ho! / Braungebrannt, gemein und jung, dumm und voller Sperma, / - wozu braucht man einen Marine?“ singt Waits an gegen Erfüllungsgehilfen von US-Politik, sei sie auch menschenverachtend.

Klimaanlagen-verwöhnte Faulpelze / sitzen in einem Raum voller Armee-Poster.

Tom Waits fährt in "Boots on The Ground" eine Breitseite gegen die politischen Kräfte, die brutale Gewalt gegen Mitbürger in Auftrag geben oder dulden

Die galligsten Sätze gelten jedoch den politischen Auftraggebern. „Wer zum Teufel sind diese Bundes-Arschlöcher?“, knarrt der 76-Jährige. „Verstecken sich im Senat wie eine aufgeblähte Zecke. / Klimaanlagen-verwöhnte Faulpelze / sitzen in einem Raum voller Armee-Poster.“ Dann die düstere Titelzeile „Boots on the ground! / Boots on the ground!”, eine Phrase, die in den Tagen des Vietnamkrieges populär wurde, und benutzt wird, wann immer US-Infanterie ihre „Kampfstiefel auf den Boden“ setzt. Die Musik dazu ist sphärisch, ein bluesiges Schweben.

Massive Attack zeigten immer Flagge gegen Gewalt und Krieg

Waits Ko-Autoren und Begleiter Massive Attack aus dem westenglischen Bristol gelten als Erfinder des schwebend-schleppenden TripHop („Unfinished Sympathy“, „Mezzanine“), der in den frühen 90er-Jahren populär wurde. Im Lauf ihrer Karriere hatten sie mit ihrer Musik immer wieder Flagge gegen Krieg und unbotmäßige Staatsgewalt gezeigt.

Das siebenminütige Video zu „Boots on The Ground“ ist eine Bildmontage des oft mit der Band zusammenarbeitenden, mysteriösen Fotokünstlers oder -kollektivs „thefinaleye“, dessen bürgerliche Identität bis heute geheim ist.

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Das Video zu „Boots on The Ground“ ist erschreckend

So wird der Song mit schockierenden Aufnahmen illustriert: Es beginnt mit Bildern von Demonstrationen nach der Ermordung des schwarzen Amerikaners George Floyd 2020 durch den Polizisten Derek Chauvin in Minneapolis und von dem gewaltsamen staatlichen Vorgehen gegen die „Black Lives Matter”-Demonstranten.

Und es sind auch die ICE-Razzien gegen illegale Einwanderer in den USA zu sehen, die brutale Gewalt der Agenten, das leere, stehende Auto der von einem ICE-Agenten ermordeten Protestlerin Renée Good, mit dem die Sterbende gegen einen Laternenpfahl gefahren war. Dazu Bilder von Obdachlosen in den USA, von Kriegsveteranen, die auf der Straße leben.

Der menschliche Wahnsinn dieser Fiaskos ist ein Festmahl für die Fliegen.

Tom Waits

über seinen zweiten neuen Song "The Fly", die B-Seite von "Boots on The Ground"

Das Teamwork mit den Engländern besteht bereits länger. „Eines Tages, vor vielen Jahren, nahm ich eine Einladung von Massive Attack zur Zusammenarbeit an. Ihre lange Verzögerung bei der Veröffentlichung hat mich nie beunruhigt“, sagt Waits in einem Statement. „Das Heute garantiert, wie schon alle Gestern der Menschheit, dass diese Art von Song niemals aus der Mode kommen wird.“

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Erfinder des Trip-Hop: Massive Attack (v. l. Grant "Daddy G" Marshall und Robert Del Naja, hier 2019 bei einem Konzert in Mailand) haben immer gegen Krieg und brutale Staatsgewalt Stellung bezogen.

Das Stück, vorerst nur digital erhältlich, soll auch als Single auf Vinyl erscheinen. Mit einer Rückseite nur von Waits. „Der menschliche Wahnsinn dieser Fiaskos ist ein Festmahl für die Fliegen“, sagt der 76-jährige. „Daher bietet die B-Seite der kommenden Massive Attack-12-Inch, ‚The Fly‘, meine Würdigung dieser geflügelten Plagegeister.“

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Eine Texttafel erinnert an die acht ICE-Toten

Das Video hat „Ruhepunkte”. Eine brennendes rotes Maga-Käppi ist zu sehen, das Bild der brennenden Stars-&-Stripes-Flagge wird langsam weggezoomt. Am Anfang und Ende des Stücks ist schweres Atmen zu hören. Dann stehen da die Namen der acht Menschen geschrieben, die bei den ICE-Razzien oder in ICE-Gewalt starben: Renée Good, Alex Pretti, Geraldo Lunas Campos, Luis Gustavo Nunez Caceres, Luis Beltran Yanez Cruz, Parady La, Heber Sánchez Domínguet und Victor Emanuel Díaz.

Der Abspann versucht das Ausmaß der Menschenjagd klarzumachen. 68.289 Menschen sind oder waren – Stand Februar dieses Jahres – insgesamt in ICE-Gewahrsam, heißt es da. Bei 73 Prozent habe es keine vorherigen strafrechtlichen Verurteilungen gegeben, viele der übrigen hätten nur kleine Vergehen wie Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung begangen. Es wird auf die Methode verwiesen, wie örtliche Polizisten zu ICE-Leuten „gedreht“ würden. Und es finden sich Adressen von Hilfsorganisationen.

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Song enthält „Impulse eines verlorenen Verstandes“

Massive Attack sehen den Amerika-Focus des Videos als nur stellvertretend. „Auf der gesamten westlichen Hemisphäre verschmelzen staatlicher Autoritarismus und die Militarisierung der Polizeikräfte erneut mit neofaschistischer Politik“, heißt es seitens der Band zu „Boots on The Ground“. „Im Kontext des amerikanischen Ausnahmezustands – im Inland wie im Ausland – enthält dieser Track Impulse kalter Rücksichtslosigkeit und eines verlorenen Verstandes.“

Und der Track ist auch für den Trump-Gegner Bruce Springsteen Schützenhilfe. Springsteen, wie Waits 76 Jahre alt, hat mit „Streets of Minneapolis“ selbst einen wütenden Protestsong geschrieben und befindet sich mit seiner E-Street-Band derzeit auf einer dezidiert politischen Tour zur Bewahrung der Demokratie. Die führt ihn am Montag in seinen Heimatstaat New Jersey und wird am 27. Mai in der Regierungsstadt Washington D.C. enden.

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Mit Waits geht ein weiterer großer Musiker in den Widerstand

Mit Waits geht also ein weiterer großer Name der US-Rockmusik in den musikalischen Widerstand gegen das demokratiefeindliche Trump-Regime, das immer mehr Züge von Faschismus annimmt. Waits, der 1973, im selben Jahr wie Springsteen, mit dem relativ sanften, angejazzten Piano-dominierten Album „Closing Time“ bekannt wurde, gilt als einer der einflussreichsten Singer-Songwriter der US-Musikgeschichte.

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In den 80er-Jahren begann er eine Zweitkarriere als Schauspieler in Filmen von Francis Ford Coppola und Jim Jarmusch. Zuletzt übernahm er in dessen neuestem Film „Father, Mother, Sister, Brother“ eine der Hauptrollen - die eines vereinsamten Vaters, der auf seiner heruntergekommenen Farm Besuch von den Kindern erhält.

Tom Waits wirkt mit 76 Jahren kein bisschen altersmilde

Auch für seine Theatermusiken ist Tom Waits bekannt. 1990 begann seine Zusammenarbeit mit US-Regisseur Robert Wilson. Am bekanntesten wurde das gemeinsame Musical „The Black Rider“, eine „Freischütz“-Bearbeitung, zu der William S. Burroughs den Text geschrieben hatte. Urauführung war 1990 am Hamburger Thalia Theater.

Auf der gesamten westlichen Hemisphäre verschmelzen staatlicher Autoritarismus und die Militarisierung der Polizeikräfte erneut mit neofaschistischer Politik.

Statement von Massive Attack zum Song "Boots on The Ground"

Waits‘ letztes Album „Bad As Me“, sein 17. Werk, erschien 2011. Das Webzine „Drowned in Sound“ nannte es „berauschend, furchteinflößend, herzzerreißend, tränenreich und markerschütternd“, der „Rolling Stone“ sah es als sein „fokussiertestes Album seit den bahnbrechenden zwei Alben ‚Swordfishtrombones‘ und ‚Rain Dogs‘“ von 1983 und 1985.

Ob ein neues Album von Waits ansteht, ist noch nicht bekannt. Auch gibt es keine Ankündigung einer Tour. Am 29. Mai erscheint „Where The Willow And The Dogwood Grow”, eine 19 Songs umfassende Album-Hommage an Waits und seine Ehefrau und Co-Songwriterin Kathleen Brennan. Musikerkollegen und -kolleginnen wie Bruce Springsteen, Norah Jones, Dina Krall und Joan Baez interpretieren darauf Songs des Songwriterpaares.

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Auch Paul McCartney verspricht einen Trump-Song

Außer Waits und Springsteen haben noch andere Musikerinnen, Musiker und Bands Protestsongs gegen das Trump-Regime und seine Politik veröffentlicht. Darunter sind Jesse Welles („Join ICE“), U2 („American Orbituary“), NOFX („Minnesota Nazis“), Neil Young („Big Crime”), Zach Bryan („Bad News“), Rage-Against-The-Machine-Gitarrist Tom Morello („Pretend You Remember Me”), die Dropkick Murphys („Citizen I.C.E.“) oder Billy Bragg („City of Heroes“). Die Americana-Sängerin Lucinda Williams hatte im Januar mit „Wold’s Gone Wrong“ gleich ein komplettes Album des Protests veröffentlicht.

Und auch der Ex-Beatle Paul McCartney kündigte jüngst bei einem Vortrag vor Studenten des „Liverpool Institute of Performing Arts“ an, auf seinem Album „The Boys of Dungeon Lane“, das am 29. Mai erscheint, werde ein Trump-Song enthalten sein.