Album „For The People“ der Dropkick Murphys erscheint nicht zufällig am 4. Juli
„Ihr habt den Mächtigen noch mehr Macht gegeben“, der Sänger spuckt diese Worte förmlich aus. „Und jetzt leben wir in einer Hölle auf Erden.“ Im Amerika dieser Tage „ist Wissen das Opfer“ und „jedermann giert nach den Lügen.“ Ken Casey malt im neuen Dropkick-Murphys-Song „Fiending for The Lies” finstere Bilder: „Die Kinder rennen, die Hilfe bleibt aus, die Waffen sprechen.“ Ein stinkwütender Song über das Amerika des Maga-Präsidenten auf einem (überwiegend) stinkwütenden Album.
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Zur vollständigen AnsichtDass die Herrschenden dem Volk Scheuklappen aufgesetzt haben, bellt Casey in dem Song, dass sie „unseren Verstand verrückt“ haben. „Lasst euch nicht von Ablenkungen täuschen, / es ist alles erfunden. / Fakt ist Fiktion, wir sind alle so voller Weisheit. / Wir ertrinken in einer Welle von Fehlinformationen, / die geschaffen sind, um zu spalten. / Mann, wir müssen echt aufpassen!“ Eine Breitseite auch gegen Wahrheitsverdrehung von offizieller Seite und Hass in den Sozialen Medien.
Klartext statt poetischer Verklausulierung. Nicht von ungefähr erscheint „For The People“ – zunächst digital (im Oktober dann mit fünf Bonustracks auch auf CD und Vinyl) - am Tag des Volks, dem „Unabhängigkeitstag“, an dem die Vereinigten Staaten 1776 zur Welt kamen, an dem die Loslösung der 13 Kolonien von Großbritannien per Unabhängigkeitserklärung proklamiert wurde. Der 4. Juli 1776 war Amerikas „No Kings“-Tag.
Auf dem Cover ist die schwarze Rose der Trauer zu sehen, zudem in monochromem Blau dahinter Protestierende gegen das Trump-Regime, die „Veteranen sind kein Regierungsmüll“ auf ihren Plakaten stehen haben, „Hände weg von unseren Jobs“ und: „No Kings“ - jene zwei Worte, die in diesen Tagen für das widerständische Erwachen von Amerikanern stehen.
249 Jahre nach ihrem Beginn gerät die US-Demokratie in Gefahr, unkenntlich zu werden – durch einen erratisch, rachsüchtig und immer undemokratischer erscheinenden und agierenden First Man, der sich eitel am Mount Rushmore und auf Dollarscheinen sehen will, eine weirde Affinität zum russischen Diktator Wladimir Putin hat und von Grönland, Kanada und zugleich vom Friedensnobelpreis träumt - während er die Unterstützung der von Russland angegriffenen Ukraine gerade herunterfährt.
Die Alarmmusik passt also – krachender, scheppernder Punkrock. Meist ist viel Irish Folk drin, das macht’s gefälliger. Die Dropkick Murphys, 1996 in Quincy, Massachusetts gegründet, sind rumpelige Working-Class-Rocker, stehen in den musikalischen Traditionen der englisch-irischen Pogues um Shane MacGowan, die Anfang der 80er Jahre den Folkpunk begründeten und der amerikanischen Protestkultur, wie etwa ihre „Übersetzung“ des Gospels „We Shall Overcome“ in Punk zeigt, der einer der wichtigsten Songs der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre war.
Mit Homebase in Boston sind sie die wohl bekannteste Celtic-Punk-Band unserer Tage. Sänger und Bassist Ken Casey ist dabei das einzig verbliebene feste Gründungsmitglied des Sextetts, das mit „I’m Shipping Up To Boston“ (Text von Politfolk-Legende Woody Guthrie) und „Rose Tattoo“ (gibt es auch als Duett-Version mit Bruce Springsteen) veritable Hits hatte und politisch immer auf der Seite der Freiheit zu verorten war.
Zuletzt erschienen die akustischen Alben „This Machine Still Kills Fascists“ (2022) und „Okemah Rising“ (2023), auf denen sie - ähnlich wie zuvor die Band Wilco aus Chicago mit dem englischen Songwriter und linken Politaktivisten Billy Bragg – unvertonte Texte von Guthrie aufgenommen hatten.
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Zur vollständigen AnsichtNun also „For The People“. Dudelsack, Flöten, brettharte Gitarren: „Erzählt uns nicht, alles sei gut“, röhrt Casey im Widerstandssong „Who’ll Stand With Us?“, der „in tyrannis” ein proletarisches Selbstbewusstsein aufbaut. „Die arbeitenden Menschen treiben den Motor an / während du an der Kette zerrst. / Wir führen die Kriege, bauen die Gebäude / für den Gewinn anderer.“ Heute seien die Reichen, die US-„Broligarchen“ (alias Tech-Milliardäre) reicher denn je und säten Zwietracht im Volk. „Wir gehen einander an die Gurgel / obwohl wir dasselbe Schicksal teilen / und die wenigen „Goldenen“ lachen und lachen / während wir ihren Köder schlucken.“
Die arbeitenden Menschen treiben den Motor an / während du an der Kette zerrst.
Ken Casey im neuen Dropkick-Murphys-Song "Who'll Stand With Us?"
Der Clip zum Video thematisiert das Verschwinden von Menschen in den USA
Das Video zum Song legt den Finger in eine Wunde, die Dropkick-Murphys-Freund Springsteen auf seinen Europakonzerten anspricht. Der Clip thematisiert die Razzien, Festnahmen und Abschiebungen der sogenannten illegalen Migranten auf Befehl der US-Regierung. Menschen verschwinden, als wären die USA eine Diktatur. Im Video klebt eine Frau ein Plakat mit Bild und Namen eines vermissten Familienmitglieds an eine Wand.
Inzwischen denke ich dabei vor allem an die Zukunft meiner Kinder, und an die nächste Generation.
Dropkick-Murphys-Sänger Ken Casey über die Motivation zu Protestsongs
Der Präsident erfreut sich derweil - wie am 3. Juli unter anderem die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete - des provisorische Gefängnisses „Alligator Alcatraz” in den Sümpfen Floridas, gelegen mitten in der Hurricane Alley. Den dort unterzubringenden „Illegalen” will er den Zickzack-Lauf beibringen lassen, so scherzte der Präsident, was die Chance, bei einer Flucht den Reptilien zu entkommen erhöhe - „um ein Prozent“.
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Zur vollständigen AnsichtDie, die stark genug sind, werden aufgefordert, sich für die Sache der Schwachen zusammenzutun - wie seit je in den Texten der Bluecollar-Folkpunks aus Boston. Doch etwas hat sich an der Haltung geändert, wie Ken Casey sagt. „Inzwischen denke ich dabei vor allem an die Zukunft meiner Kinder“, so Casey „und an die nächste Generation“.
Für die will er ein freies Leben, und er prophezeit Amerikas Mächtigen im folkrockigen Walzer „Bury The Bones“– gemeinsam mit den irischen Mary Wallopers – den Untergang: „Du verbreitest deinen Hass, uns zu spalten / du willst uns ängstlich und allein haben. / Aber schon bald wirst du in Ungnade fallen / wenn du von deinem hohen Thron gezerrt wirst.“ Der Name Trump bleibt ungenannt, das hat Tradition, macht Protestsongs für andere Zeiten und andere Demokratiestürzer wiederverwendbar.
Auf „For The People“ kehrt Al Barr für einen Song zurück
Die Dropkick Murphys sind hier nicht nur halstief im Zorn. Es gibt auch moderatere, wiewohl ernste Lieder als die genannten. „School Days Over” beginnt mit der Melodie von „Amazing Grace“, und bei diesem Stück über das Ende der Kindheit mit 13 und anschließender schwerer körperlicher Arbeit in Anthrazitkohleminen hilft Casey Englands Proteststimme Billy Bragg am Mikrofon.
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Zur vollständigen AnsichtEins gibt es noch für Al Barr, den Dropkick-Murphys-Sänger, der 2022 aus der Band ausstieg, um sich um seine an Demenz und Parkinson erkrankte Mutter zu kümmern. Der singt in „The Vultures Circle High“ von einem üblen Herrscher, der Vorsorge trifft für eine heroische Sicht der Nachwelt auf ihn.
Der letzte Song ist für Pogues-Gründer Shane MacGowan
Und abschließend wirbelt man nochmal im Polkagalopp über die grünen Hügel. Mit „One Last Goodbye“ ziehen Caseys Mannen gemeinsam mit The Scratch aus Dublin den Hut vor Shane MacGowan, dem von seinen Fans kultisch verehrten, 2023 verstorbenen Gründer und ersten Sänger der Pogues. „Einen Mann wie dich werden wir nie mehr sehen“, sind die Murphys sich sicher. „In eine Million leere Flaschen haben wir geweint“, spielen sie auf MacGowans dramatischer Neigung zu Whisky an. Und dann – im Zeichen der schwarzen Rose: „Der Held geht unter, / ein letztes Goodbye!“
Die Dropkick Murphys sagen es durch die Blume. Unter der schwarzen Rose der Murphys wird derzeit auch schon demonstriert. „Schön, dass die schwarze Rose vom Cover unseres neuen Albums ‚For The People‘ schon bei Kundgebungen in Florida, Connecticut, Vermont und Idaho zu sehen war", schrieb die Band auf ihrem Instagram-Account. Wie die Murphys betonen, „symbolisiert die schwarze Rose auch Wechsel, Erneuerung, Wiedergeburt und neue Anfänge“, zudem sei sie verbunden mit „Mut, Zuversicht, Stärke und Macht.“
Dass damit alle Macht fürs Volk gemeint ist, versteht sich bei dieser Band von selbst.
Dropkick Murphys – „For The People” (Dummy Luck/Play It Again, Sam-Records) - erscheint digital, am 10. Oktober auch auf CD und Vinyl (mit fünf Bonustracks)
Dropkick Murphys live 16. Oktober 2025 – Stuttgart, Porsche Arena; 29.10. Hamburg – Sporthalle, 31.10. – Leipzig, Arena; 1.11. – Lingen, Emsland Arena; 3.11. + 4.11. – Köln, Palladium; 11.11. – Würzburg, Posthalle; 13.11. – Wiesbaden, Schlachthof.