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Notfallambulanz: Das letzte Mal den Schlüssel umgedreht

„Mein Mann und ich haben uns hier kennen gelernt“, sagt Ilona Volkmer. Oberarzt sei er gewesen und sie Krankenschwester. Am letzten Abend des Jahres 2018 hält sich Volkmer fest an dieser Erinnerung, während sie langsamen Schrittes in Richtung Haupteingang schreitet. Jahrzehntelang ging es hier ins Springer Krankenhaus.

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patricia szabo
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Nun nimmt Volkmer Abschied. Dabei ist sie nicht allein, denn sowohl vor dem als auch im Gebäude warten viele ehemalige Mitarbeiter. Sie alle sind gekommen, um sich wie Volkmer von ihrem Arbeitsplatz zu verabschieden. Ihr Leben sei das Krankenhaus gewesen, sagt Volkmer. „Und jetzt macht es zu. Das muss man nicht verstehen“. Gemeinsam mit vielen anderen blickt sie zurück auf die Zeit in dem Gebäude an der Eldagsener Straße, wo bis zuletzt, selbst am letzten Tag, Kranke und Verletzte behandelt wurden. „Wir hatten heute Nachmittag einen Patienten mit Atemwegsbeschwerden“, sagt ein Leiharzt, der eine halbe Stunde vor Toreschluss die letzten Handgriffe am Computer macht. Es brennt Licht in der ehemaligen Klinik – und außer den leeren Fluren deutet nichts darauf hin, dass in nur wenigen Minuten, um 18 Uhr, diese Lichter zumindest symbolisch ausgehen. Nach mehr als 50 Jahren wird Springe kein Krankenhaus mehr haben, nicht mehr die paar Betten der Notfallambulanz.

Wie Volkmer knüpfen auch andere schöne Erinnerungen an das Haus, wie etwa Trixi Reichardt: „Das Krankenhaus hat meinen Weg geebnet“, verrät sie. Reichardt hat hier gelernt – und sich stets pudelwohl gefühlt. „Es ist schon sehr traurig“, sagt sie jetzt. Auch Ingeborg Schüttpelz erinnert sich an ihre Ausbildung zur Köchin. Diese sei damals mit dem Küchenmeister Wolfgang Faustin besonders toll gewesen, sagt sie. „Ich bin bis heute dankbar dafür und es war immer eine schöne Zeit.“ Schüttpelz sei aber nicht die einzige in ihrer Familie, deren Biografie an das Krankenhaus geknüpft sei. Auch ihr Mann, Hans-Joachim Schüttpelz, habe hier viele Jahre gearbeitet; ihre älteste Tochter die Ausbildung absolviert. „Es waren schöne 29 Jahre“, erinnert sich Mechtild Krevet-Alpmann, die hier als Krankenschwester arbeitete und bis zu ihrer Rente die Endoskopie leitete.

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Einig ist sich die Runde darin, wer die Verantwortung trägt für das Aus: Die Politik sei an der Schließung schuld, sagt Krevet-Alpmann: „Wenn man bedenkt, wie viel hier investiert wurde. Es ist zum Heulen – aber was soll man tun?“, bedauert sie. Ihr selbst ist vor allem der Zusammenhalt unter den Kollegen in Erinnerung geblieben: Bis heute treffen sich die Ehemaligen ein Mal im Monat. „Dann wird immer über die alten Zeiten gesprochen“. Trotz der Schließung wird sich die Gruppe weiter treffen, verspricht sie.

Sauer ist auch Vera Weber. 43 Jahre lang habe sie im Krankenhaus gearbeitet und war seit 1996 Betriebsratvorsitzende. „Wir haben bis zum Ende gekämpft. Schauen Sie, wie viele Menschen hier stehen. Trotz Silvester. Die meisten haben hier ihr ganzes Arbeitsleben verbracht.“

Es ist inzwischen kurz nach 18 Uhr. Wunderkerzen werden verteilt, Sekt in kleine Plastikbecher ausgeschenkt. Unter den rund 80 Gästen stehen auch Ortsbürgermeister Karl-Heinz Friedrich und Ratsherr Tim Schmelzer. „Viele haben ihre Finger im Spiel gehabt“, sagt Friedrich. Als einen „alten Springer“ hänge am Krankenhaus das Herz. Auch er zeigt kein Verständnis für die Schließung – schließlich schrieben viele Häuser rote Zahlen – hier gehe es um Menschen, Gesundheit und Nahversorgung. „Wenn Regionspräsident Hauke Jagau hier wäre, würden ihn die Leute auspfeifen“, meint Friedrich.

Inzwischen tritt Vera Weber nach vorne und hebt das Glas: „Ich möchte mich bei allen bedanken. Wir haben Abschied genommen und das war allen wichtig.“ Noch einmal dreht Krankenschwester Sarah Tegtmeyer den Schlüssel um. Diesmal für immer.




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