Mehr als nur Bildschirmzeit: Wie gute Medienerziehung bei Kindern gelingt
Schon die Kleinsten wischen übers Tablet, schauen Serien oder hören Hörspiele per App. Kein Wunder, dass sich viele Eltern fragen, was bei der Mediennutzung eigentlich „gesund“ ist. Und vor allem, wie sich das im Alltag umsetzen lässt. Psychologe und Vater Lukas Klaschinski erklärt im Gespräch, worauf es wirklich ankommt – und warum auch klare Regeln oft nicht ausreichen.
Das Thema Mediennutzung bei Kindern ist derzeit präsenter denn je. Viele Eltern wirken verunsichert, was bei diesem Thema richtig und wichtig ist. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen im Alltag?
Eine große Herausforderung ist es, mit den Kindern die Medienzeit sinnvoll abzustimmen – und herauszufinden, was in welchem Alter überhaupt gerecht ist. Die Mediennutzung nimmt stark zu. Wenn wir auf die aktuellen Zahlen blicken: Schon jedes fünfte Kind unter fünf Jahren hat Zugang zu einem Tablet. Jedes zehnte besitzt sogar ein eigenes Handy – bei den unter Fünfjährigen! Das ist eine Steigerung von mehr als 50 Prozent seit 2020. Und: Viele dieser Kinder nutzen digitale Medien mehr als 60 Minuten am Tag.
Und wie stehen Eltern selbst zur Mediennutzung bei kleinen Kindern?
Rund 60 Prozent der Eltern sagen, dass Smartphones nichts für Kinder seien. Gleichzeitig erleben wir im Alltag einen ständigen Kampf der Medien um Aufmerksamkeit – und zwar bei Erwachsenen wie Kindern. Eltern geraten dabei zunehmend unter Druck.
Gibt es klare Empfehlungen? Ab wann ist ein Smartphone oder Tablet in Ordnung – und wann ist das altersgerecht?
Das lässt sich pauschal schwer sagen, weil sich die Schäden durch Mediennutzung in der Hirnentwicklung nicht isoliert messen lassen. Aber es gibt Empfehlungen. Besonders wichtig ist, welche Medien konsumiert werden. Je mehr Kinder ihre Vorstellungskraft einsetzen müssen, desto besser. Ein klassisches Buch etwa stärkt die kognitiven Fähigkeiten, das Sprachverständnis und auch die emotionale Bindung. Wenn wir mit unseren Kindern lesen, kommen sie zur Ruhe. Leider entwickelt sich der Trend in eine andere Richtung.
Gibt es medizinische Leitlinien, an denen sich Eltern orientieren können?
Ja. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin empfiehlt: bis zum dritten Lebensjahr keine Bildschirmmedien. Bücher vorlesen – ja, aber kein Bewegtbild. Denn in diesem Alter ist das Gehirn besonders formbar. Zwischen drei und sechs Jahren werden dreißig Minuten Medienzeit pro Tag empfohlen, zwischen sechs und zehn Jahren sechzig Minuten, zwischen zehn und dreizehn Jahren maximal neunzig Minuten. Ab etwa vierzehn kann man Mediennutzung zunehmend in die Eigenverantwortung geben – sofern die Kinder zuvor gut begleitet wurden.
Sie selbst sind Vater. Was sagen Sie aus persönlicher Sicht?
Je weniger Kinder bewegte Bildschirmmedien nutzen, desto besser. Entscheidend ist nicht nur die Menge, sondern auch die Art der Inhalte. Leider wird in vielen Diskussionen nicht zwischen Smartphone, Tablet und Fernsehen unterschieden. Fakt ist aber: Je früher ein Kind mit Medien in Kontakt kommt, desto problematischer kann das für die Hirnentwicklung sein.
Was passiert, wenn Kinder zu viel Zeit mit Medien verbringen?
Wenn ein Kind ständig vor einem Bildschirm geparkt wird, bleibt wenig Raum für emotionale Bindung – etwa beim gemeinsamen Essen. Eltern und Kinder sind dann eher parallel beschäftigt. Dabei ist genau diese emotionale Zugewandtheit essenziell für das Selbstbild des Kindes. Besonders gefährlich ist die unbegleitete Nutzung von Social Media. Dort entsteht ein enormer Vergleichsdruck – man sieht schließlich eine perfekte Welt. Das kann das Selbstwertgefühl massiv beeinträchtigen. Auch Cybermobbing, exzessives Gaming und Suchtverhalten sind ernst zu nehmende Themen.
Woran erkenne ich als Elternteil problematische Inhalte?
Ein gutes Indiz ist die Schnittfrequenz. Je schneller Inhalte geschnitten sind, desto stärker ist der Einfluss auf die Aufmerksamkeitsspanne. Das Gehirn gewöhnt sich an diese Reizüberflutung – und braucht immer mehr Input, um stimuliert zu werden.
Viele Eltern sagen: Ich will, dass mein Kind erreichbar ist. Ich will wissen, wo es ist. Was antworten Sie darauf?
Diese Sorge ist verständlich. Wir sind heute überbehütend in der physischen Welt – und gleichzeitig unterbehütet in der digitalen. Früher konnten Kinder selbstständig unterwegs sein. Heute prägen negative Berichte unsere Wahrnehmung. Aber gerade im digitalen Raum unterschätzen viele Eltern die langfristigen Gefahren – etwa für die Gehirnentwicklung.
Was hilft im Alltag? Braucht es so etwas wie einen Medienplan?
Ja, absolut. Es ist sinnvoll, sich an Situationen zu orientieren statt an Minutenangaben: Zum Beispiel nach den Hausaufgaben eine Sendung anschauen. Oder gemeinsam festlegen, dass abends eine bestimmte Sendung geschaut werden darf. Klare Rituale helfen Kindern mehr als tägliche Diskussionen. Auch medienfreie Zeiten – beim Essen oder vor dem Schlafengehen – sind wichtig. Und ganz zentral: Alternativen bieten! Spielen, Bewegung, Treffen mit anderen Kindern, Bücher, Hobbys. Medien sind nicht die einzige Möglichkeit.
Was, wenn es ständig Streit gibt wegen der Medienzeit?
Eltern sollten wissen: Sie sind nicht allein. Kinder verhandeln hartnäckig – besonders, wenn Suchtpotenziale im Spiel sind. Medien aktivieren das Dopaminsystem im Gehirn, und das hat Suchtpotenzial. Da kommt es zu Tränen, Wutausbrüchen, Beschimpfungen. Das ist belastend – aber kein Zeichen für elterliches Versagen. Wichtig ist, zwischen Wunsch und Bedürfnis zu unterscheiden. Klar und ruhig zu bleiben: „Ich verstehe, dass du weiterschauen möchtest, aber für heute ist Schluss.“ Es gibt technische Hilfen wie Timer und Kindersicherungen, etwa bei der ARD-Mediathek.
Was tun, wenn Mama und Papa bei der Medienerziehung unterschiedliche Meinungen haben?
Dann sollten sich die Eltern unter vier Augen treffen – ohne das Kind. Es bringt nichts, vor dem Kind zu streiten, denn Kinder beziehen Konflikte schnell auf sich. Es geht nicht darum, wer recht hat, sondern darum, sich gegenseitig besser zu verstehen. Gemeinsam können dann konkrete Regeln entwickelt werden – eventuell sogar in einem kleinen Medienvertrag mit dem Kind. Kinder ab etwa sieben Jahren können hier erstaunlich reflektiert mitentscheiden.
Wie wichtig ist das eigene Medienverhalten als Elternteil? Müssen wir auf alles verzichten?
Kinder lernen am Modell. Wenn Eltern ständig aufs Handy schauen, wirkt das auf Kinder wie ein Magnet: „Das ist offenbar wichtig, das will ich auch.“ Es geht nicht darum, alles zu verbieten – aber um bewusste medienfreie Zeiten. Beim Spazierengehen oder beim Abendessen kann man das Handy einfach mal zu Hause lassen. Was dem Kind sonst fehlt, ist emotionale Bezogenheit – und die ist für seine Entwicklung zentral. Kinder müssen spüren: Ich bin wichtiger als das Smartphone.
Seit April dieses Jahres gibt es in der ARD-Mediathek das sogenannte Kinderprofil – wie hilfreich sind solche kuratierten Angebote?
Sehr hilfreich. Dort gibt es werbefreie, altersgerechte Inhalte, die medienpädagogisch geprüft sind. Die Navigation ist kindgerecht, die Nutzungszeit begrenzt, und Eltern behalten die Kontrolle. Die Inhalte sind inhaltlich wertvoller als vieles auf kommerziellen Plattformen – ruhige Bildsprache, ruhige Erzählweise. Formate wie „Die Sendung mit der Maus“, „Checker-Welt“ oder „Der Krieg und ich“ fördern Vorstellungskraft und Wissensdurst – und wirken nicht wie ein Reizgewitter.
Aber was, wenn ein Kind lieber „Paw Patrol“ schauen will und sich weigert?
Auch hier braucht es Begleitung. Kinder müssen sich umgewöhnen, und das dauert. Zwei bis drei Wochen medienfreie Zeit können helfen – ähnlich wie beim Umstieg von Weißbrot auf Vollkornbrot. Reizarme Formate wirken zunächst langweilig. Aber mit Geduld und liebevoller Präsenz können Kinder sich an neue Mediengewohnheiten gewöhnen.
Wie stehen Sie zu Medienverboten als Strafe?
Ich wäre damit vorsichtig – genauso wie mit Essen als Belohnung. Solche Muster können sich festsetzen und später zu problematischem Verhalten führen. Besser ist es, einen stabilen und liebevollen Umgang mit Medien zu finden – auch wenn das anstrengend ist.
Wenn Sie nur einen einzigen Tipp zur Medienerziehung geben dürften – welcher wäre das?
Je weniger Medien im Alltag nötig sind, desto besser. Studien zeigen: 80 Prozent der gemeinsamen Lebenszeit mit unseren Kindern verbringen wir bis zum zwölften Lebensjahr. Danach bleiben nur noch 20 Prozent. Wer sich das bewusst macht, nutzt diese Zeit präsenter und achtsamer – und oft ohne Bildschirm.