weather-image
16°
Ziehen Kinder aus, kann das Traurigkeit auslösen – helfen kann, wenn man den Blick wieder auf sich selbst richtet

Eltern allein zu Haus

270_0900_9345_fam16_eltern_allein_zu_haus_0308.jpg

Autor:

Julia Kirchner

Es gibt Phasen, da fiebern Eltern auf diesen Moment hin: Wenn das Kind doch schon groß wäre. Selbstständig. Und irgendwann wird es Realität: Das Studium oder die Ausbildung fängt an, und das Kind zieht weg in eine andere Stadt. Mit diesem Schritt werden viele Eltern aber plötzlich mit widersprüchlichen Gefühlen konfrontiert.

Statt Erleichterung und Freiheitsgefühl empfinden sie Trauer, Sehnsucht und Verlustängste. In der Fachsprache heißt die Trauer über das Flüggewerden der Kinder Empty-Nest-Syndrom, der Schmerz über das verlassene Nest. „Wenn die Kinder ausziehen, ist das ein bisschen wie in Rente geschickt werden“, erklärt Bettina Teubert aus Berlin. Die ausgebildete Familientherapeutin hat vor ein paar Jahren eine Selbsthilfegruppe für Frauen gegründet, die der Auszug ihrer Kinder hart getroffen hat.

Wenn vom Empty-Nest-Syndrom die Rede ist, geht es fast immer um Mütter. Doch was ist mit den Vätern? „Bei Männern kommt dieser Einschnitt meist später, nach dem ersten Tag als Rentner“, fasst Diplom-Psychologin Felicitas Heyne das Phänomen zusammen. Naturgemäß trifft es Mütter härter, wenn sie mehr Zeit mit den Kindern verbracht haben.

Doch auch für Paare bedeutet ein kinderloses Haus Veränderungen. Wo Frau und Mann lange Zeit eine Elternallianz bildeten, sind sie auf einmal wieder aufeinander zurückgeworfen, oder wie Teubert sagt: „Man ist nur wieder Paar.“ Auch hier gilt es also, sich neu zu sortieren. Damit das gelingt, sind mehrere Schritte nötig: Als Erstes geht es dem ehemaligen Kinderzimmer an den Kragen. „Ich empfehle sehr, das neu zu gestalten“, sagt Teubert.

Denn es macht einem klar: Ein Lebensabschnitt geht zu Ende, und ich mache Platz für etwas Neues. Dann wird es Zeit, einerseits Bilanz zu ziehen, andererseits nach vorne zu gucken und zu überlegen: Wie gestalte ich mein eigenes Leben? Wer bin ich noch, wenn ich als Mutter nicht mehr gebraucht werde? Heyne rät, in die Zeit vor den Kindern zurückzuschauen: Was hat einem da Spaß gemacht, bei was hat man sich gut gefühlt?

Bettina Teubert hat sich heute gut mit ihrer Situation arrangiert. Sie genießt es, Dinge jetzt ganz konsequent und ohne Rücksicht auf andere machen zu können. „Das beste Zeichen, dass die Trauer überstanden ist, ist, wenn das Kind anruft und die Mutter sagen kann: ,Da habe ich leider kein Zeit‘.“

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare