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Mit dem neuen Volvo V90 kann den Schweden ein großer Wurf gelingen

Wie einst der Schneewittchensarg

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Autor:

Michael Specht

Bislang waren Kombis von Volvo eher klobig und kantig als cool und elegant. Das ändert sich jetzt. Mit dem V90, der Ende September zu den Händlern rollt, vollziehen die Schweden einen Paradigmenwechsel und greifen selbstbewusst die deutsche Premium- Konkurrenz an. Hinter den schönen Linien steckt Thomas Ingenlath. Der 51-jährige Deutsche war zuvor unter anderem für Skoda tätig, wo der den Yeti entwarf.

Wohin bei dem schwedischen Autobauer, seit 2010 im Besitz des chinesischen Geely-Konzerns, im Design die Reise geht, zeigte bereits der XC90. Das Luxus-SUV bricht bei Volvo alle Rekorde, verkaufte sich im ersten Jahr fast 100 000-mal. Gleiches soll dem Kombi V90 und natürlich der Limousine S90 widerfahren. Beide stehen auf der sogenannten SPA-Plattform und verfolgen optisch das gleiche Motto: Der kühle Klare aus dem Norden. Dennoch gelang es Ingenlath, den V90 trotz der fast fünf Meter Länge ungewöhnlich schlank und elegant aussehen zu lassen. Nicht wenige Volvo-Kenner fühlen sich an den legendären „Schneewittchensarg“ P1800 ES erinnert.

Und der historische Edel-Kombi schlägt noch eine weitere Brücke: Auch den V90 gibt es nur mit Vierzylinder-Motor. Ein mutiger Schritt, gerade im Business-Segment, wo Mercedes, BMW und Audi souveräne und geschmeidige Sechszylinder anbieten. Doch die neue SPA-Plattform ist konsequent auf quer eingebaute Reihenvierzylinder ausgelegt. Der Entwicklungschef Peter Mertens verteidigt sie heftig: „Einen Volvo-Fahrer interessiert nicht die Anzahl der Zylinder, er gehört der höchsten Bildungsgruppe an und ist selbstbewusst genug, einen Vierzylinder zu fahren.“

Diesel wie Benziner sind zwei Liter groß und in vielen Teilen baugleich, haben identische Abmessungen und werden auf ein und derselben Linie gefertigt. Das spart enorme Kosten. Auf der Benzin-Seite bedient Volvo die Nachfrage mit dem T5 (254 PS, ab 53 000 Euro) und dem T6 (320 PS, ab 60 600 Euro). Die meisten deutschen und europäischen Kunden entscheiden sich allerdings in gewohnter Manier für den Dieselmotor. Zwei Versionen sind im Angebot. Volvo nennt sie D4 und D5. Der Unterschied liegt in der Leistung. Der Schwächere hat 190, der Stärkere bringt es auf 235 PS. Sie kosten ab 45 800 Euro beziehungsweise 57 500 Euro.

Der teurere D5 stand auch für eine erste Testfahrt zur Verfügung – und überzeugte auf ganzer Linie. Beeindruckend ist nicht nur das geringe Geräuschniveau des Zweiliter-Selbstzünders, sondern auch sein souveräner Antritt aus niedrigen Drehzahlen. Dazu ließen sich die Ingenieure einen Trick einfallen. Um das viel zitierte „Turboloch“ weitgehend zu schließen, unterstützt die Turbine ein kleiner Kompressor. Volvo nennt dies Power Pulse. Merklichen Einfluss auf den Verbrauch hat dies nicht. Zwar geben die Schweden als Normwert 4,9 Liter an, in der Klasse ein exzellenter Wert, doch im realen Leben sollte der Kunde sich mit sieben bis acht Liter anfreunden. Diesen Verbrauch zeigte uns zumindest der Bordcomputer nach einer gemischten Fahrt über Landstraße und Autobahn an, auf denen der V90 übrigens durch sehr guten Komfort glänzt. Wind- und Abrollgeräusche bleiben draußen. Auch vom Dieselmotor ist nichts zu hören.

Alle Motoren sind mit einer Achtgang-Automatik gekoppelt. Im Herbst will Volvo den T5 und den D4 auch mit einem manuellen Sechsgang-Getriebe anbieten. Zum Ende des Jahres ist mit dem Plug-in-Hybrid T8 (407 PS) zu rechnen, der es auf eine elektrische Reichweite von 45 Kilometer bringen soll.

Die großzügigen Außenabmessungen des Schweden-Kombis verfehlen innen ihre Wirkung nicht. Das Raumangebot ist üppig, auch auf den Rücksitzen. An Gepäck schluckt der V90 mindestens 560 Liter. Liegen die Sitzlehnen flach, passen allerdings nur 1526 Liter hinein, das ist deutlich weniger, als die Mercedes E-Klasse (über 300 Liter mehr) zu bieten hat. Ein klarer Tribut ans Design.

Das setzt sich im Innenraum fort. Die Einrichtung unterscheidet sich deutlich von den Wettbewerbern. Ein wesentliches Merkmal sind der vertikale Bildschirm sowie die reduzierte Anzahl an Knöpfen und Schaltern.

Auch in Sachen Verarbeitung und Qualitätseindruck gibt es nichts zu mäkeln. Lediglich an die Bedienung des Touchpads muss man sich gewöhnen. Intuition hilft nicht immer weiter. Zudem sind die Symbole auf dem Display klein, erfordern einen zielgenauen Finger. Während der Fahrt ist dies nicht ganz einfach – was gegen die Sicherheitsphilosophie von Volvo spricht.

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