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Mit der überarbeiteten Giulietta bietet Alfa Romeo eine überzeugende Alternative in der Golfklasse / Ein Testbericht

Gegen die Langeweile

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VON GERD PIPER

Alfa-Fans mussten in den vergangenen Jahren einiges ertragen. Die italienische Traditionsmarke dümpelte mehr schlecht als recht vor sich hin, großspurige Ankündigungen neuer Modelle erwiesen sich als Luftnummern, die Verkäufe gingen in Deutschland kontinuierlich zurück, zuletzt waren es gerade noch 2200 Einheiten. Lässt man einmal den Alfa Romeo 4c außen vor, der nur in homöopathischen Stückzahlen die Produktion verlässt, gab es mit dem Mito und der Giulietta eigentlich nur noch zwei Modelle. Mit der neuen Giulia wollen die Italiener die Hebel herumwerfen und in bessere Zeiten aufbrechen. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Tatsächlich aber haben sie mit der unlängst überarbeiteten Giulietta ein Fahrzeug im Angebot, das für all diejenigen interessant sein dürfte, die von der Wolfsburger Langeweile genug haben. Wir haben uns das Fahrzeug näher angesehen. Okay, Design konnten sie schon immer, die Italiener. Unser Testfahrzeug steht nicht etwa im typischen Alfa-Rot auf dem Parkplatz, sondern in einem dunklen, glänzenden Grau. Die vorderen Lufteinlässe blicken grimmig auf den Asphalt, die Wabenstruktur unterstreicht diesen Eindruck noch. Die glatten Flächen werden nur von einigen Sicken durchzogen. Der erste Eindruck: Die Farbe passt, das Fahrzeug steht sportlich auf den Rädern – ein schönes Auto.

Dieser Eindruck setzt sich nahtlos fort, wenn man in der Giulietta Platz nimmt. Kein Schnickschnack, sondern schnörkellose, schöne Drehschalter für die Klimaanlage, klar ablesbare, analoge Rundinstrumente, ein Lederlenkrad, das gut in der Hand liegt, und Schaltwippen für das Doppelkupplungsgetriebe, das sequenziell arbeitet, also immer den nächst höheren bzw. niedrigeren Gang einlegt. Die Sitze sind elegant mit gutem Seitenhalt. Allerdings muss man ein wenig herumprobieren, bis man zwischen Lenkrad und Rückenlehne die ideale Sitzposition gefunden hat. Um gleich mit einem alten, nicht tot zu kriegenden Vorurteil aufzuräumen: Die Verarbeitung ist tadellos, da scheppert nichts, da klappert nichts, im Gegenteil: Alles fasst sich gut an. Auch die legendäre eine Schraube im Fußraum haben wir nicht gefunden.

Motorisiert ist unser Testfahrzeug mit dem kleinen 120-PS-Turbodiesel, der erstmals mit dem TCT-Doppelkupplungsgetriebe kombiniert werden kann. Liest man das Datenblatt, so steht ein maximales Drehmoment von 320 Newtonmetern zur Verfügung, das ab 1750 Umdrehungen anliegt. Damit sprintet die Giulietta in 10,2 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 km/h. Rundenrekorde lassen sich mit diesen Werten kaum aufstellen, dem gegenüber steht ein Durchschnittsverbrauch von 3,9 Litern auf 100 Kilometern – erzielt auf dem Prüfstand. Ganz klar: Diese Maschine ist auf Effizienz und nicht so sehr auf sportliche Fahrleistungen getrimmt und soll nach Auskunft eines Alfa- Sprechers eher auf Flottenkunden abzielen. Wie die Italiener diese akquirieren wollen, bleibt deren Geheimnis.

Und es kam so wie erwartet: Kein Krawall, kein Kickdown, kein In-den-Sitz-gepresst werden. Stattdessen ein kontinuierliches Beschleunigen, das durch die elektronische Fahrdynamikregelung den persönlichen Vorlieben ein wenig angepasst werden kann, indem hier diverse Leistungsparameter verstellt werden. Das Erstaunliche: Es hat uns nicht gestört, auch keine Enttäuschung auf der Überholspur. Vielmehr verfestigte sich mit jedem zurückgelegten Kilometer der Eindruck, dass wir mit dieser Motor-Getriebe-Kombination eine Giulietta in der Hand haben, die sich perfekt den täglichen Anforderungen anpasst. Und trotz des fehlenden Renngens standen wir merkwürdigerweise bei Geschwindigkeitsbegrenzungen immer auf der Bremse, weil der Wagen irgendwie doch schneller geworden war als erlaubt.

Mit den 3,9 Liter Diesel aus dem Datenblatt kamen wir natürlich nicht zurecht, der Wert ist wie immer eher theoretischer Natur. Unser Durchschnittsverbrauch lag knapp über sechs Litern, und auch da kann man nur sagen: Das geht in Ordnung. Dank der präzisen Lenkung und des unkomplizierten Frontantriebs sind wir zwei Wochen lang sehr zufrieden durch den Alltag gekurvt, schlussendlich mit der Erkenntnis, dass es jenseits aller mainstreamigen Golfkultur großartige Alternativen gibt. Die hübsche Italienerin gehört zweifellos dazu.

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