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Der Autositz wird häufig verkannt, gehört aber als Hightech-Produkt zu den teuersten Bauteilen eines Fahrzeugs

Bis an die Grenze belastbar

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Autor:

GerD PiPer

Wenn Andrew Leuchtmann über seinen Job redet, ist er kaum zu bremsen. Der Ingenieur entwickelt seit 24 Jahren Autositze und ist seit 2003 verantwortlich für die Sitzentwicklung bei Opel. Rund hundert Mitarbeiter umfasst sein Team, darunter auch vier Roboter mit den Namen Bernd, Werner, Oliver und Marius. „Für uns sind das nicht nur Roboter, sondern vollwertige Mitarbeiter“, sagt Leuchtmann. Denn die Maschinen stellen in nur einer Woche mit rund 50 000 Ein- und Ausstiegszyklen ein ganzes Autoleben nach. Autositze, das wissen die wenigsten, „sind mit die teuersten Bauteile eines Autos“, betont der Ingenieur gerne. Von vielen verkannt, sind Autositze heutzutage absolute Hightech-Produkte, die enormes leisten, oder besser: aushalten müssen.

Der Weg vom Kutschbock zum modernen 18-Wege-Sessel mit Massagefunktion war lang. Opel kann hier auf 117 Jahre Geschichte zurückblicken. Die Rüsselsheimer nehmen für sich in Anspruch, auf dem Gebiet zu den innovativsten Entwicklern überhaupt zu gehören. Auch dank Leuchtmann, der sich viel mit der Geschichte des Autositzes beschäftigt hat: „Er ist eben viel mehr als nur ein Metallteil mit einem Stück Kunststoff darauf. Er ist die Hauptschnittstelle zwischen Mensch und Auto. Und weil immer mehr Menschen viel Zeit im Auto verbringen, kommt ihm eine enorme Bedeutung zu.“

Die Entwicklung eines modernen Autositzes dauert heute rund fünf Jahre, in denen geforscht, gemessen und experimentiert wird. „In der Summe soll ein Autositz mit weniger als zehn Kilogramm Materialeinsatz Komfort und Sicherheit für Menschen aller Größen und Gewichte über einen langen Zeitraum bieten“, fasst der Rüsselsheimer Ingenieur die Entwicklungsziele zusammen.

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Dazu komme, dass Rückenprobleme heute eine Volkskrankheit seien, auf die man als Autohersteller reagieren müsse. Stolz ist man bei Opel deshalb, dass die Aktion Gesunder Rücken e.V. bereits 2003 den ersten Sitz in einem Opel-Modell mit dem entsprechenden Gütesiegel zertifiziert hat.

Wer einen Autositz einmal näher betrachtet, wird eine ungefähre Ahnung davon bekommen, wie schwierig es sein muss, alle Entwicklungsziele tatsächlich umzusetzen. Vieles von dem, was einem in der täglichen Praxis vollkommen selbstverständlich geworden ist, ist das Ergebnis jahrelanger Forschung:

Denn unter der Sitzoberfläche arbeiten extrem komplexe, hochtechnisierte Bauteile wie Sensoren, Elektromotoren, Kompressoren und Ventilatoren zusammen. Millimeterdünne, ultrahochfeste Stähle und modernste Materialien garantieren Leichtbau, Lordosenstützen entlasten die natürliche Krümmung der Wirbelsäule, das Ganze soll in der Länge und Höhe elektrisch verstellbar und an die individuelle Figur des Autofahrers anpassbar sein, möglichst beheizbar und luftdurchlässig.

Und in diesem Lastenheft sind Komfortfeatures wie verstellbare Wangen oder Massagefunktionen noch gar nicht berücksichtigt, die wieder neue Motoren und damit neues Gewicht bedeuten. Funktionen, über die man sich keinerlei Gedanken macht, wie beispielsweise die Verstellbarkeit eines Autositzes in der Höhe, stellen in der Entwicklung eine enorme Herausforderung dar.

Leuchtmann: „Opel bietet hier mit 65 Millimetern den größten Verstellwinkel an, aber jeder einzelne Millimeter musste hart erkämpft werden.“ Und da geht es nur um die Vordersitze. „Die sind die Pflicht“, sagt der Chefingenieur, „die Rücksitze sind die tatsächliche Kür.“ Die Sitze im Fond sind heute häufig dreiteilig teilbar, längs verschiebbar, beheizbar und müssen im Fall eines Crashs eventuell enorme Lasten aus dem Gepäckabteil aushalten. „Da stehen wir kurz vor dem technischen Overkill.“

Wenn Leuchtmann die Modelle von Opel mit einem Produkt wie beispielsweise der S-Klasse von Mercedes-Benz vergleicht, sieht er beide Hersteller eng beieinander: „Die mögen ein paar Komfortfeatures mehr anbieten, aber in der Relation zwischen einem Astra und einer S-Klasse dürfte es kostenmäßig keinen goßen Unterschied geben. In seiner Klasse ist der Astra unerreicht.“

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