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Der Mythos Seidenstraße: Wo einst Marco Polo wandelte und heute noch die Kulturen in Blüte stehen

Zwischen Fata Morgana und Freiluft-Friseur

Der alte Chinese kann es nicht fassen: „86 Jahre lebe ich auf der Erde, und ich habe von Leuten wie Euch gehört. Nun aber sehe ich das erste Mal einen Fremden!“ Mit der Öffnung des Kunjerab-Passes zwischen Pakistan und China macht er plötzlich Bekanntschaft mit den „Langnasen“ aus dem fernen Westen. In das Land der Seidenstraße vorzustoßen, ist für jeden Westler nicht minder aufregend als für den alten Chinesen. Die Seidenstraße ist der berühmteste aller Karawanenwege, dessen weitverzweigtes Netz von Handelsrouten bereits in vorchristlicher Zeit bis in den Mittelmeerraum reichte. Denn dort wurde jener legendäre Stoff mit Gold aufgewogen, der nirgendwo anders seinen Ursprung haben konnte als in China: die Seide.

Hier ist das Beobachten von Passanten auch heute noch etwas Besonderes: Bewohner einer Jurte, eines Nomadenzeltes, am Rand der S

Autor:

Dr. Bernd Kregel

So war die Seidenstraße von jeher ein Mythos. Und sie blieb es, selbst als im Mittelalter der Fernhandel immer mehr auf die schnelleren Seewege verlegt wurde. Von da an verödeten viele Karawanenrouten und gerieten allmählich ganz in Vergessenheit. Doch dann begannen im 19. Jahrhundert europäische Wissenschaftler, sich für die antiken Handelswege von und nach China zu interessieren. Mit ihrer Hilfe wurde vieles sichtbar, das unter dem Geröll der Jahrhunderte schon verschwunden schien.

Heute geben statt der einstigen Kamelkarawanen die Pferdestärken den Ton an. Und die führen hinunter zum ersten Höhepunkt der Reise: nach Kashgar, in eines der wichtigsten Zentren in der autonomen Region Xinjiang (Sinkiang). Kashgar – das bedeutet Leben in einer lebensfeindlichen Umgebung. So wirkt nach langer Fahrt über das Pamir-Plateau der farbenfrohe Früchte- und Gemüsemarkt wie eine unerwartete Fata Morgana. Lehmziegelarchitektur und verzierte Holztüreinfassungen verstärken noch den freundlichen Gesamteindruck.

Doch was übertrifft den legendären Sonntagsmarkt? Einer der letzten großen Märkte Zentralasiens, bei dem der alte Orient wieder auflebt. Hunderte von Familien, die in aller Frühe mit beladenen Fuhrwerken hier eintreffen: Die Männer mit vom Wetter gegerbten Gesichtern, bunten Kappen, vollen Bärten und langen Schaftstiefeln. Lässig die Zügel in der einen, die Peitsche in der anderen Hand. Zwei- bis dreispurig nebeneinander. „Bosch, bosch! – Platz da!“ Denn die Zeit drängt. Die Frauen dagegen in weiten, farbigen Gewändern, manche mit verschleiertem Gesicht. Und dann das Marktgeschehen! So, als hätten sich sämtliche Düfte des Orients an diesem einen Ort zusammengefunden: Kardamon, Anis, Kreuzkümmel … Ganz zu schweigen von den Wohlgerüchen, die den zahlreichen Garküchen zur Mittagszeit entströmen.

Mit dem Kamel werden die Lasten zum Sonntagsmarkt transportiert.
  • Mit dem Kamel werden die Lasten zum Sonntagsmarkt transportiert.
Haareschneiden ist in Kashgar auch sonntags möglich: auf dem Markt unter freiem Himmel
  • Haareschneiden ist in Kashgar auch sonntags möglich: auf dem Markt unter freiem Himmel

Gleich nebenan entfalten sich Aktivitäten unterschiedlichster Art: Pferde und Esel werden probeweise geritten, Fettsteißschafe begutachtet, bevor sie ihren Besitzer wechseln. In ungestörten Ecken haben Freiluft-Friseure ihre „Läden“ eröffnet, in denen eine verwegen aussehende Kundschaft genüsslich den Kopf hinhält.

Am nächsten Morgen beginnt eine mehrtägige Fahrt auf den Spuren Marco Polos in Richtung Osten. Eine Gratwanderung zwischen eisklirrender Tienshan-Gebirgskette im Norden und glutheißer Taklamakan-Wüste im Süden. Im Dunst am entfernten Horizont scheinen die Dünen in der flimmernden Mittagshitze zu tanzen.

„Es gibt keinen Vogel oben und kein Tier unten; weder Wasser noch Kraut ist dort zu finden“, schrieb bereits ein halbes Jahrtausend vor Marco Polo ein chinesischer Mönch, der sich in dieses Wüstengebiet vorgewagt hatte und dabei von Luftspiegelungen genarrt wurde.

Die gibt es auch noch heute – und irgendwann werden sie Realität. Kein Zweifel: Dies ist die Oase Turfan mit Wasser und Wein in Hülle und Fülle! Doch woher diese Üppigkeit? Schnell offenbart sich das Geheimnis dieses Ortes vor den eigenen Augen: Dreitausend Kilometer unterirdischer Kanäle vereinigen sich zu einem wahren Wunderwerk der künstlichen Bewässerung. Darin werden die Quellen der Umgebung im berühmten Karez-System flach abgefangen und in die Stadt hineingeleitet.

Genügend Lebenssaft, um Trauben, Melonen und Baumwolle reifen zu lassen, die Markenzeichen dieser Oase. So ist es auch nicht verwunderlich, dass in diesem Himmel auf Erden eine gelassene Heiterkeit bis hin zur ausgelassenen Lebensfreude vorherrscht. Sie kommt im temperamentvollen Tanz unter traubenschweren Rebenlauben zum Ausdruck.

Ungern verlässt jeder diesen Ort. Doch es winkt bereits ein neues Ziel. Denn die nördliche Umrundung der Taklamakan-Wüste endet in Dunhuang, dem östlichen Gegenstück von Kashgar. Eine Oase mit Zigtausend Palmen, eingebettet in imponierende Sanddünen, die als „Klingende Sandberge“ einen „Mondsichelsee“ umschließen.

Geradezu phantastisch die Mogao-Grotten unweit der Stadt: eine gewaltige Anlage in den Fels getriebener Höhlen. In ihrer Mehrzahl sind sie prachtvoll bemalt. Noch heute sind knapp fünfhundert von ihnen erhalten.

Mit Xian ist schließlich das Ende der Seidenstraße erreicht. Oder – aus chinesischer Sicht – deren Anfang. Denn von hier aus machten sich früher im Reich der Mitte die Karawanen auf ihren Weg in den chinesischen Wilden Westen, fernab der gewohnten Zivilisation. Xian war zugleich als einstige Hauptstadt des Reiches ein altes chinesisches Machtzentrum. Die gewaltige Terrakotta-Armee lebensgroßer Soldaten in der Nähe des alten Kaisergrabes zeugt noch heute davon. Von hier aus spannte sich der Bogen der Seidenstraße bis nach Europa wie eine Brücke zwischen Orient und Okzident. Und damit ein ständiges Vorbild für die Überwindung bestehender kultureller Differenzen.

Reiseinformationen: Reisen entlang der Seidenstraße sind in aller Regel Gruppenreisen. Die Anreise zum Ausgangspunkt hängt davon ab, ob die Reise in west-östlicher oder in ostwestlicher Richtung erfolgt. Neben einem gültigen Reisepass ist ein Visum für die Einreise nach China erforderlich. Dafür zuständig ist die Konsularabteilung der Chinesischen Botschaft in Berlin, Telefon 030/48 83 97 16, im Internet: www.visum-fuer-china.de. Wegen der starken Temperaturschwankungen des Kontinentalklimas sind Mai, September und Oktober die besten Reisemonate auf der Seidenstraße. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es entlang der Seidenstraße ausreichend; ihr Spektrum reicht von einfach bis luxuriös. Auskunft erteilt das Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik China in Frankfurt am Main, Tel. 0 69/52 01 35, E-Mail: info@china-tourism.de

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