weather-image
Berufshaftpflichtversicherung für selbstständige Hebammen extrem gestiegen: Hausgeburten adé

„Zweiklassenmedizin“ auch bei Geburten

Bad Münder (st). Freiberufliche Hebammen – eine Institution, die auszusterben droht? Viele werdende und frischgebackene Mütter schätzen den Eins-zu-eins-Service einer freiberuflichen Geburtshelferin, sie werden jedoch womöglich bald darauf verzichten müssen. In den vergangenen Monaten extrem gestiegene Berufshaftpflichtbeiträge machen das Angebot von Hausgeburten und Beleggeburten in Krankenhäusern fast unmöglich.


Der Deutsche Hebammenverband (DHV) hat ausgerechnet: Eine Hebamme bekommt 237 Euro für eine Geburt im Krankenhaus, 445 Euro für eine Geburt im Geburtshaus und 537 Euro für eine Hausgeburt. Bei einer Rundumbetreuung versorgt eine außerklinisch tätige Hebamme etwa zehn Frauen im Jahr. Da „reichen die Einnahmen aus der Geburtshilfe gerade mal zur Deckung des neuen Versicherungsbeitrages von 3689 Euro“, sagt Dr. Edith Wolber, DHV-Pressesprecherin.

„Die Hausgeburten werden nach und nach ganz reduziert werden“, glaubt Hebamme Simone Kelch, die auch in Bad Münder Frauen betreut. Die Kosten für Lebensunterhalt und Versicherung seien nicht durch die Einnahmen zu decken. „Man würde ausschließlich arbeiten, um die Versicherung zu bezahlen. Und das kann es ja nicht sein.“ Kelch selbst führt regelmäßig in Hameln Beleggeburten im Krankenhaus durch und weiß: „Es wird immer mehr zur Zweiklassenmedizin auch bei den Geburten.“ Weniger betuchte Mütter müssen auf gewisse Service-Leistungen bereits verzichten, da die Hebammen diese extra berechnen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. „Man kann ja bei der Kasse nicht mehr abrechnen, also müssen die Mütter das selbst bezahlen.“

Eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung würde bereits mit 8,50 Euro pro Tag zubuche schlagen. Brigitte Hillen, in Bad Münder tätige Hebamme aus Hülsede, glaubt, die Sätze seinen so extrem angestiegen, weil immer häufiger Entwicklungsstörungen auch bei älteren Kindern auf Fehler bei der Geburt zurückgeführt und damit die Hebammen zur Verantwortung gezogen würden. „Das hat es vor 20 Jahren nicht gegeben.“

Münders Gleichstellungsbeauftragte Ulrike Hoffmann-Bürrig will sich mit ihren Kolleginnen landesweit für eine Lösung im Sinne der Hebammen einsetzen: „Durch die Erhöhung wird den Selbstständigen der Boden unter den Füßen weggezogen.“ In Bad Münder sei nicht nur das Angebot der Hausgeburten gefährdet, sondern auch das der Familienhebammen, die in Problemfamilien Mütter bis zu ein Jahr nach der Geburt begleiten. „Wir fordern Mütter auf, sich unter epetitonen.bundestag.de für die Hebammen einzusetzen.“

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare