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„Zur Kreuzigung geht es rechts rum!“

Schon um 7.30 Uhr steht der erste Wähler vor dem Gelldorfer Wahllokal. „Der hat wohl die Zeitumstellung vergessen“, vermutet Heike Schaper. Und sosehr die Wahlhelfer den Eifer des jungen Mannes schätzen – sie müssen ihn wieder nach Hause schicken, denn das Wahllokal öffnet nun einmal erst um acht. Und vorher ist auch noch eine Menge zu tun.

18 Uhr im Rintelner Jugendzentrum „Kulisse“: Die Wah

Autor:

Philipp Killmann und Jessica Rodenbeck

Nachdem alle Wahlhelfer durch einen Blick in die Wahlurne bestätigt haben, dass diese auch wirklich leer ist, versiegelt Wahlvorstand Hans-Joachim Glanzer die Urne, die in diesem Jahr aus Pappkarton ist. „So was habe ich auch noch nicht gesehen. Sonst waren die doch immer aus Holz“, sagt Schaper, die schon seit vielen Jahren Wahlen als ehrenamtliche Helferin beisitzt. „Wir hatten wirklich schon mal was Besseres. Die Letzte war noch aus Metall“, ist sich auch Kirsten Battaglia sicher, die bei der „Frühschicht“ der Wahl, die von 8 bis 13 Uhr dauert, als Schriftführerin eingeteilt ist. Doch egal aus welchem Material, auch die Papp-Urne ist schließlich versiegelt, die Beisitzer sind vereidigt, die Zeiger der Uhr springen auf acht – die Wähler können kommen.

Doch das tun sie nur sporadisch. „Es gibt immer bestimmte Zeiten, zu denen die Wähler geballt wählen kommen. Vor und nach dem Gottesdienst und nach dem Frühstück sind die beliebtesten Zeiten des Vormittags“, erzählt Ortsbürgermeister Andreas Hofmann, der auch schon etliche Male als Beisitzer fungiert hat. Doch bei der heutigen Wahl geht diese Voraussage nicht ganz auf. Nur vereinzelt finden Bürger ihren Weg in das Dorfgemeinschaftshaus. Zwischendurch herrscht teilweise sogar für zwanzig Minuten Ruhe.

Für die Wahlhelfer hält der Vormittag somit viel Zeit für Unterhaltungen bereit. Ein Radio, das nebenbei für ein bisschen musikalische Unterhaltung sorgt, gibt es nicht. „Ich weiß gar nicht, ob das erlaubt wäre“, sagt Hans-Joachim Glanzer, der bei der Verwaltung der Stadt Obernkirchen tätig ist und deshalb der Wahl beiwohnt. „Die Stadtmitarbeiter sind eigentlich alle in irgendeinem Wahllokal eingesetzt“, erklärt er. Bei den anderen handelt es sich jedoch um freiwillige Helfer. „Wenn man da einmal reingerutscht ist, wird man immer wieder gefragt“, erzählt Battaglia, während sie sich einen Tee einschenkt. „Waldbeeren-Tee“, erklärt sie. „Ich dachte, der sorgt vielleicht ein bisschen für Stimmung.“

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Für ihre Verpflegung müssen die Helfer selbst sorgen. „Normalerweise bringt uns aber zur Mittagszeit immer jemand Kuchen vorbei“, sagt Hofmann und auch heute würde er sich über diese nette Geste freuen. Finanziell ist der Einsatz als Wahlhelfer nur mäßig interessant. „Vorgegeben sind 16 Euro pro Wahlhelfer“, erklärt Glanzer. „Doch die Stadt Obernkirchen zahlt sogar ,übertariflich‘. Wir bekommen 21 Euro“, erklärt er mit einem Lächeln. Nicht viel Geld, wenn man bedenkt, dass die Helfer vor Öffnung des Wahllokals anwesend sind, fünf Stunden dort sitzen und dann abends zum Zählen wiederkommen müssen. Aber sie sind ja auch nicht wegen des Geldes da, sondern aus Überzeugung.

Bis halb zwölf haben schließlich gerade einmal rund 60 der 668 Gelldorfer Wähler ihre Stimme abgegeben. „Das ist wirklich sehr wenig“, sagt Battaglia. „Sonst hatten wir um diese Uhrzeit schon viel mehr.“ Die Unterhaltungen werden weniger, manchmal ist das Ticken der Uhr das einzige Geräusch, das im Raum zu hören ist. „Wir haben langsam wirklich alle Themen abgegrast“, sagt Heike Schaper, während sie auf die Uhr schaut. „Eineinhalb Stunden noch bis zur Ablösung. Hoffentlich kommt da noch jemand.“ Und dann ist tatsächlich eine Autotür zu hören. „Oh, ein Wähler. Das sind ja wieder fünf Minuten Beschäftigung“, heißt es ein wenig ironisch aus dem Wahlvorstand.

Kuchen gab es immer noch nicht, aber dafür wissen einige Wähler das Engagement der Helfer auf andere Art zu schätzen. „Hier, für das Feierabendbier“, sagt ein Wähler, öffnet seine Brieftasche und legt zwei Euro auf einen Teller, der auf dem Tisch steht. „Manchmal bestellen wir dann beim Auszählen Pizza“, verrät ein Wahlhelfer.

Um halb eins kommt schließlich die Ablösung. Auch die neuen Helfer werden von Glanzer per Handschlag vereidigt und auch hierbei handelt es sich großteils um alte Hasen, die schon häufiger einer Wahl beigewohnt haben. Und so übernimmt Brigitte Gläser auch zielstrebig das Amt der Schriftführerin und vertieft sich in die Listen, die zeigen, wer bis jetzt schon gewählt hat. „Das ist aber nicht viel“, so ihr erster Eindruck. „Und ganz wenig junge Leute.“ Vor allem diese Tatsache stößt bei ihr auf Unverständnis. „Für mich war es damals etwas ganz Tolles, als ich endlich wählen durfte“, erinnert sie sich. „Ich habe mich auf die Wahl gefreut und war richtig nervös!“

Auch im Wahllokal in der Sparkasse am Friedrich-Wilhelm-Ande-Platz in Rinteln ist der Wahlvormittag eher schleppend verlaufen. „Sie sind leider erst der 85., der seine Stimme abgibt“, sagt Wahlhelferin Hannelore Steding um 14.30 Uhr bedauernd. „Beim 100. rufen wir die Schaumburger Zeitung an für ein Foto!“ Grund für die sarkastische Bemerkung ist die bis dato geringe Wahlbeteiligung von nur knapp 20 Prozent. Von den 485 Wahlberechtigten aus dem Wahlbezirk 5 haben bis zum frühen Nachmittag erst 85 Wähler ihre Stimme abgegeben. Auch im Rintelner Wahllokal im Jugendzentrum „Kulisse“ ist die Wahlbeteiligung niedrig, wie Wahlhelferin Mareen Fennert sagt: „Wir haben vorher Tipps abgegeben.“ Bislang liege Wahlhelferin Nadine Radicke vorn. Sie hatte den niedrigsten Tipp abgegeben.

Die Wahlbeteiligung werde immer geringer, „erst recht bei solchen Wahlen“, sagt Steding, die gemeinsam mit Ralf Geßner und Menhardes Weber die Nachmittagsschicht im Wahllokal innehat. „Der Landrat ist für die Leute offenbar recht uninteressant: Er ist der Verwaltungschef in Stadthagen, der hin und wieder als Grußonkel durchs Land zieht“, interpretiert Geßner augenzwinkernd das Wahlverhalten. Nebenan herrscht reger Betrieb: Sparkassenkunden drucken ihre Kontoauszüge aus.

Den drei Wahlhelfern zufolge wird es aber nicht nur zunehmend schwieriger, die Wähler an die Urne zu locken. Eine nicht minder große Herausforderung sei es, ausreichend Wahlhelfer für den Wahltag zu rekrutieren. „Das wird immer schwieriger“, sagt Steding. „Dabei ist die Aufgabe des Wahlhelfers nicht sonderlich kompliziert. Aber man verbringt eben einen halben Tag seiner Freizeit im Wahllokal.“

Doch von Langeweile ist in der Sparkasse Andeplatz keine Spur. Steding, Geßner und Weber haben gute Laune, lachen viel – auch wenn sie nicht durch den heute so goldenen Herbst spazieren können. Eine weitere Wählerin will ihre Stimme abgeben, sie ist die 87.. „Wie geht das?“ fragt sie scherzhaft. Man kennt sich. „Zur Kreuzigung geht es rechts rum. Aber immer nur ein Kreuz!“ flachst Geßner, aus dem „Leben des Brian“ zitierend. Kaffee gibt es auch. „Aber nur schwarz!“, schränkt Steding ein. Lässt das etwa einen Rückschluss auf das Wahlverhalten der drei zu? „Nein!“, protestieren sie einhellig. Und nein, auch dieser Protestschrei gestatte keinen Rückschluss, sagen sie lachend.

Die drei sind überzeugte Demokraten. Ihr Kreuz haben sie längst gemacht. Und aus Überzeugung stellen sie sich auch als Wahlhelfer zur Verfügung – seit Jahren. „Ich finde, so etwas gehört zur Demokratie dazu“, sagt Steding. „In anderen Ländern gibt es keine freien Wahlen. Da ist es doch schon traurig, dass jedes Mal erst mehrere Aufrufe gemacht werden und Tausende angeschrieben werden müssen, bis sich genug Wahlhelfer gefunden haben.“ Man könne sich auch vormerken lassen, sagt Geßner, der schon seit Langem als Wahlhelfer „registriert“ ist. „Auf diese Liste wird dann natürlich gerne zurückgegriffen“, weiß er. „Und Wahlhelfer kann man immer wieder sein. Schließlich ist das hier nicht wie bei der Hitparade, bei der man nur dreimal mitmachen darf.“ Wahlhelfer zu sein, das gehöre für ihn dazu wie das Wählen. „Aber es ist wie bei jedem Ehrenamt“, sagt Weber. „Es machen immer dieselben.“

Das Durchschnittsalter der Wähler? „Ab 40 aufwärts“, mutmaßt Steding. „Aber“, sagt Weber, „wir hatten heute auch schon einen Erstwähler. Und ein Enkelkind, das seine Oma dazu bewegt hat, auch ihre Stimme abzugeben.“ Kurz darauf betreten mehrere junge Männer das Wahllokal, geben ihre Stimmen ab. „Ich habe gerade meinen Bachelor in Politikwissenschaft gemacht“, sagt Marten Danger. „Von daher bin ich ja geradezu ,verpflichtet‘, zu wählen.“ Auch sein Bruder Steffen sieht sich „als guter Bürger in der Pflicht“, seine Stimme abzugeben. „Sonst kann man ja nichts bewirken“, meint er. Michael Neumann sieht in der Wahl die Möglichkeit, seinen Einfluss auf die Politik geltend zu machen. Und auch Enver Beciri betrachtet es als seine Pflicht, seine Stimme abzugeben. „Hinterher jammern dürfen nur diejenigen, die gewählt haben“, findet er.

Eine Wählerin holt sich ihren Stimmzettel und fragt ironisch: „Na, war der Andrang schon groß?“ Die Wahlhelfer lachen. „Vielleicht hätten wir Musik mitbringen und singen sollen“, scherzt Steding, „aber das hätte wahrscheinlich nur noch weitere Wähler verschreckt.“

15.30 Uhr. „Viel Vergnügen noch!“ sagt Wähler Nr. 111. „Werden wir haben!“, antworten die Wahlhelfer. Und man glaubt ihnen, dass die drei auch bei der nächsten Wahl wieder mit Freude bei der Sache sein werden.

Wahlhelfer haben eigentlich gar keine Wahl. Sie sind überzeugte Demokraten und fühlen sich geradezu verpflichtet, sich als Helfer einzubringen, also für einen reibungslosen Ablauf der Wahl im Wahllokal zu sorgen – statt zu Hause zu bleiben. So ein Tag aber kann lang werden: Unsere Zeitung hat den Wahlhelfern bei der Landratswahl am gestrigen Sonntag über die Schulter geschaut.

Die Wahlhelfer der Nachmittagsschicht in der Sparkasse am Andeplatz in Rinteln: Hannelore Steding (v.l.), Ralf Geßner und Menhardes Weber. Foto: pk

Gute Laune im Gelldorfer Wahllokal: Andreas Hofmann (v.l.), Heike Schaper, Kirsten Battaglia und Hans-Joachim Glanzer. Foto: jaj

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