weather-image
26°
Kabarettist Bernd Gieseking begeistert sein Publikum bei seinem ersten Auftritt im Wilhelm-Gefeller-Bildungszentrum

Zu alt, um jung zu sterben

Bad Münder. „Heute ist Fußball, starke Konkurrenz“, fürchtete Sabine Süpke, die Leiterin des Wilhelm-Gefeller-Bildungszentrums, doch kurz nach 20 Uhr war der große Saal dennoch gut gefüllt. Und der in Minden geborene, heute in Dortmund lebende Kabarettist Bernd Gieseking erwies sich bei seiner Premiere am Deisterhang als echte Europa-League-Alternative.

270_008_7771954_lkbm_giesekingneu.jpg

Autor:

Christoph Huppert

Der Ostwestfale, der mit 1,66 Meter die Kanzlerin nur um einen einzigen Zentimeter überragt, ist eine Art Multitalent. Gelernter Zimmermann, studierter Theologe und Kulturpädagoge, ist er seit 1990 als Solo-Kabarettist unterwegs. Auch Kabarett- und Comedy-Kollegen wie Michael Mittermeier oder Kalle Pohl führt er regelmäßig die Feder, flüstert ihnen Texte und Lieder ins Ohr. Als Verfasser von Kinderbüchern und -hörspielen hat sich der 57-Jährige einen Namen gemacht.

Der untersetzte Kahlkopf pendelt an diesem Abend vor dem Gewerkschaftspublikum überaus unterhaltsam zwischen Hochpolitischem und Höchstpersönlichem, weiß scheinbar improvisierte Plauderei mit spannenden Geschichtchen zu verknüpfen. Erheitert verfolgt das sich von Lacher zu Lacher hangelnde Publikum etwa Giesekings Schilderung einer Fernbusreise von Dortmund nach Berlin. Die ist mit skurrilen Situationen ebenso gespickt wie mit hintergründigem Witz. Und dass er mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen auf Du und Du steht, das macht das fiktive Telefongespräch mit der potenziellen Kanzlernachfolgerin beinahe glaubhaft. Immerhin vertraut die Uschi dem Bernd ihre größten Geheimnisse an („Die Gulaschkanone ist die letzte einsatzfähige Waffe der Bundeswehr“).

Taz-Autor Gieseking weiß vor allem mit seinem Sprachgefühl zu überzeugen, meidet Plattheiten und allzu flachen Comedy-Jargon. Im Gegenteil: Das feingeschliffene Wortkabarett ist sein Metier. Der medienerfahrene Hörfunk-, Fernseh- und Theatermann präsentiert seine Texte absolut professionell, verwischt dabei die Grenze zwischen freiem Vortrag und vorbereiteten Texten überaus gekonnt. Gerne nimmt man ihm auch seine vermeintlichen Probleme mit dem Älterwerden ab. „Too old to die young“ (Zu alt um jung zu sterben), und auch der vergebliche Versuch, ein Smartphone in Gang zu setzen, endet höchst amüsant. „Wischen statt tippen?“ Für Gieseking eine „Wischen Impossible“. Der Trost: die Wählscheibentelefone von vorvorgestern konnten sich keinerlei Nummern merken. „Gestern Punk, heute alle zwei Wochen zur Fußpflege“, lamentiert Gieseking. Sein Fazit: „Früher Feuer, heute nur noch Flamme.“ Trotzdem, der kleine Mann, der in der kommenden Woche sein Buch „Gefühlte 30“ herausbringen wird, kann verbal noch auf jede Entfernung schießen – und treffen. Hoffentlich bald wieder auch in Bad Münder.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare