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Die Verkürzung des Ersatzdienstes stellt viele Einrichtungen vor ein Riesenproblem

Zivi ade – kommen stattdessen Teilzeitkräfte?

Hessisch Oldendorf/Fischbeck (ll). „Wir werden vermutlich unsere Zivildienststellen auflösen“, sagt Wilhelm Guss. Der Leiter des technischen Dienstes im Taubblindenzentrum in Fischbeck ist von der aktuellen Entwicklung im Wehrrecht nicht begeistert. Fünf Plätze für Zivildienstleistende bietet die Fischbecker Einrichtung an, zwei davon im technischen Dienst, drei weitere Stellen in den Werkstätten des Taubblindenwerks.

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Für junge Männer, die ab dem 1. Juli 2010 ihren Ersatzdienst antreten, gilt nur noch eine Dienstpflicht von sechs Monaten. Die Bundesregierung hatte im Mai einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, nach dem die Dauer des Zivildienstes von neun auf sechs Monate verkürzt werden soll. „Damit ist schlecht zu planen“, sagt Guss, der seit 1991 für die Betreuung der Dienstleistenden im Taubblindenzentrum verantwortlich ist. „Damals waren die Zivis noch 18 Monate bei uns“, erinnert er sich.

„Sechs Monate sind einfach zu wenig“, befindet auch Georg Köpke. Der 20-Jährige hat seinen neunmonatigen Zivildienst in Fischbeck bereits abgeleistet und ist nun vorübergehend als Aushilfe im Taubblindenwerk angestellt. Im Anschluss hieran hat er einen Aufenthalt in Australien schon geplant. „Ich möchte dort eine längere Zeit in der Landwirtschaft arbeiten“, erzählt der Ex-Zivi. Von der Verkürzung des Ersatzdienstes hält auch er nichts. „Es ist schwierig, sich in so kurzer Zeit auf unsere Bewohner einzustellen“, meint er.

Jeder einzelne Bewohner des Taubblindenwerks habe seine eigene und ganz spezielle Persönlichkeit, sagt Guss, verbunden mit einer Blind- oder Taubblindheit sowie einer geistigen Behinderung. „Nicht nur unsere Zivis müssen sich an die Arbeitsabläufe und die Menschen gewöhnen, sondern auch unsere Bewohner an die Zivildienstleistenden. Denn die sind ja den ganzen Tag mit ihnen zusammen“, erläutert Wilhelm Guss. Die Bewohner des Zentrums haben etwa unterschiedliche Zeichensprachen und spezielle Tagesabläufe, die die Zivis zunächst erst einmal kennenlernen müssten. „Das ist bei neun Monaten Dienstzeit schon ein Problem“, sagt Guss. „Einer, der sechs Monate da ist, kann das gar nicht leisten.“ Selbst Praktikanten würden im Fischbecker Taubblindenzentrum aus diesem Grund nicht unter drei Monaten eingestellt.

Yannik Hage übernimmt den Fahrdienst der Neurologischen Klinik.
  • Yannik Hage übernimmt den Fahrdienst der Neurologischen Klinik.
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Fortan besteht für Dienstleistende zwar die Möglichkeit, den Zivildienst freiwillig um bis zu zwölf Monate zu verlängern, um etwa mögliche Freizeiten zwischen Ersatzdienst und Ausbildung oder Studium zu überbrücken. Den Einsatz der Zivis können die Dienststellen dennoch nur auf sechs Monate planen. Dieses freiwillige Engagement können die Zivildienstleistenden jederzeit beenden. „Es gibt keine Rechtssicherheit für die freiwillige Verlängerung. Wenn ein Zivi nach acht Monaten kurzfristig wegen der Aussicht auf eine Arbeitstelle aufhören möchte, dann kann er das ohne weiteres tun“, erläutert Guss.

Camillo Spychar schildert Dominic Dorn gerade seine Erlebnisse vom Wochenende. Spychars Bruder habe geheiratet und es sei eine schöne Feier gewesen. Für Außenstehende ist die Unterhaltung der beiden nur schwer nachzuvollziehen. „Taktiles Gebärden“ nennt sich die Kommunikationsform, mit der sich die beiden verständigen, erklärt Dominic Dorn. Dorn hat ebenfalls seinen Zivildienst geleistet und schließt nun die Lücke bis zum Studium weiterhin in Fischbeck. Neun Monate Dienstzeit reichten gerade so aus, um die Gebärdensprache oder auch das Tast-Alphabet zu erlernen. „Es braucht alles seine Zeit“, meint Dorn. Die Verständigung untereinander könne mitunter „sehr schwierig sein“. Einer verkürzten Dienstzeit steht auch er kritisch gegenüber – auch weil es „sinnvoll ist, sich um seine Mitmenschen zu kümmern“.

Positive Erfahrungen nimmt auch Yannik Hage mit aus seinem Dienst in der Neurologischen Klinik in Hessisch Oldendorf. Der 20-Jährige hat den Gegensatz zwischen Schule und Arbeitswelt dort schätzen gelernt. „Durch den Umgang mit Menschen bekommt man einfach einen anderen Blick“, sagt Hage. Sein Chef, Klinik-Geschäftsführer Uwe Janosch, sieht in der verkürzten Dienstzeit für Zivildienstleistende „ein Riesenproblem“, was sich insbesondere durch eine relativ lange Einarbeitungszeit äußere. Yannik Hages Einsatzbereich liegt zwar vorwiegend im Bereich der Instandsetzung und des Fahrdienstes, aber um die Tätigkeit „verantwortungsvoll“ und „in Eigenregie“ zu bewältigen, sei eine gründliche Einarbeitung erforderlich. Uwe Janosch sieht die Sinnhaftigkeit eines sechsmonatigen Zivildienstes „an der Grenze“. „Abzüglich Einarbeitung und Lehrgängen verbleiben die Zivis dann etwa drei Monate in der Einrichtung“, meint der Geschäftsführer der Klinik. „Es soll ja kein Schnupperpraktikum sein, sondern eine sinnvolle Leistung für die Gesellschaft“, sagt Janosch. Deshalb seien in Zukunft Bewerber ideal, die bereits schon im Voraus bekunden, ihren Zivildienst verlängern zu wollen.

Dass Zivis in Zukunft nur noch sehr kurz in den Einrichtungen verbleiben, betrachtet Jürgen Hennies, Leiter des Taubblindenzentrums, als „völlig falsches Zeichen“. Spätestens ab Sommer müsse in Fischbeck über ein neues Modell diskutiert werden, so Hennies. Nicht auszuschließen sei, dass die Zivis durch Teilzeitkräfte ersetzt werden. Wird laut aktuellen Überlegungen die Wehrpflicht in Zukunft gänzlich abgeschafft, bleibt den Dienststellen ohnehin nichts anderes übrig.

Georg Köpke ist Zivildienstleistender im technischen Dienst des Taubblindenzentrums in Fischbeck. „Sechs Monate sind einfach zu wenig“, sagt er.

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