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Zeit läuft – für die Jobsuche im Minutentakt

Speed-Dating kommt aus dem Englischen und bedeutet relativ frei übersetzt Hochgeschwindigkeitsverabredung. In der Regel verläuft ein solches Speed-Dating so: Eine Gruppe von Menschen trifft sich an einem bestimmten Ort, um dort in wenigen Minuten einen anderen Menschen kennenzulernen. Auf ein Signal hin wechseln die Teilnehmer den Gesprächspartner. Ob diese kurzen Erstkontakte nach dem Treffen intensiviert werden, entscheiden die Teilnehmer spontan.

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Autor:

Matthias Rohde

Speed-Dating kommt aus dem Englischen und bedeutet relativ frei übersetzt Hochgeschwindigkeitsverabredung. In der Regel verläuft ein solches Speed-Dating so: Eine Gruppe von Menschen trifft sich an einem bestimmten Ort, um dort in wenigen Minuten einen anderen Menschen kennenzulernen. Auf ein Signal hin wechseln die Teilnehmer den Gesprächspartner. Ob diese kurzen Erstkontakte nach dem Treffen intensiviert werden, entscheiden die Teilnehmer spontan. Die Struktur solcher Speed-Datings aber, so die Pressesprecherin der Hamelner Agentur für Arbeit, Christina Rasokat, sei geradezu prädestiniert, um Ausbildungsplatzbewerber und Arbeitgeber zusammenzubringen. Bereits seit geraumer Zeit finden im Rahmen der bundesweiten Kampagne der Bundesagentur für Arbeit „Ich bin gut“ zahlreiche Projekte in ganz Deutschland und eben auch in der heimischen Region statt. Das jetzt in der Südstadtschule veranstaltete Ausbildungsplatz-Speed-Dating ist eines dieser Projekte, dessen Zielsetzung die Leiterin der Hamelner Arbeitsagentur, Ursula Rose, erklärt: „Jeder Schüler hat Talente, und zwar unabhängig von seinem Schulabschluss. Gleichzeitig stellen die Arbeitgeber Anforderungen an die Auszubildenden, die nicht unbedingt durch ein Zeugnis oder eine Bewerbungsmappe dokumentiert werden können. Diese Veranstaltung kann also einerseits den Schülern helfen, den richtigen Ausbildungsplatz zu finden, und andererseits den Arbeitgebern die Möglichkeit geben, die Talente des Bewerbers zu entdecken.“

Etwa 50 der rund 140 Schüler, die im kommenden Jahr eine der drei Hamelner Hauptschulen verlassen werden, haben sich viele Monate auf diese Veranstaltung vorbereitet. Sie alle tragen die leicht als Bewerbungsunterlagen zu identifizierenden Mappen dabei; sie alle wirken vor ihrem ersten Bewerbungsdate nervös. Nein, so kurz vor diesem wichtigen Termin wollten sie jetzt nichts mehr sagen, ist immer wieder zu hören. Einige haben die Augen geschlossen und murmeln die ersten bis zur Perfektion einstudierten Worte immer wieder vor sich hin. Fokussiert sind sie, völlig konzentriert auf diesen Augenblick. Die 15-jährige Tülin Demiray gibt dann aber doch noch Auskunft: „Ich bin so furchtbar aufgeregt“, sagt sie. Vor dem Spiegel habe sie immer wieder den Ernstfall geprobt. Und ihre Erwartungen? „Ich hoffe, dass ich mich möglichst gut präsentieren kann und viele Informationen erhalte.“ Den Hauptschulabschluss habe sie schon in der Tasche. „Derzeit besuche ich aber die 10. Klasse und mache meinen Realschulabschluss.“ Während unter den Schülern Konzentration und Nervosität groß sind, herrscht bei den neun Ausbildungsunternehmen zwar professionelle Gelassenheit, aber auch sie geben zu, gespannt zu sein, was sie erwarten wird. Und dann ertönt die Glocke. Die ersten Schüler streben an die Tische. Zehn Minuten haben sie nun Zeit sich vorzustellen, sich und ihre Talente in den Vordergrund zu stellen. Während die einen mit straffen Schultern und strammem Schritt auf den Vertreter eines Unternehmens zugehen, sind andere etwas zögerlicher und haben ein schüchternes Lächeln auf dem Gesicht. Von den anwesenden Lehrern, Eltern, Freunden und Unterstützern erhalten sie Unterstützung.

Vor allem am Stand des Sana-Klinikums herrscht Hochbetrieb. Immerhin rückten die Mitarbeiter des Hamelner Krankenhauses auch gleich mit vier unterschiedlichen Ausbildungsplatzangeboten an. Auf die Frage, warum das Unternehmen sich bewusst dafür entschieden hätte, an dieser Veranstaltung teilzunehmen, antwortet Renate Hirsch: „Natürlich bekommen wir viele Bewerbungen zugeschickt, aber die Art und Weise des Erstkontakts bei dieser Veranstaltung ist deswegen besonders reizvoll, weil wir den Bewerber eben nicht nur anhand seiner Unterlagen beurteilen müssen.“

Zudem, das ist der Leiterin der Gesundheits- und Krankenpflegeschule des Sana-Klinikums besonders wichtig, hätten die Unternehmen neben ihren wirtschaftlichen auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Was Hirsch meint, dass es darum gehe, jedem Schüler eine Perspektive zu geben, unterstreicht der Schulleiter der Südstadtschule Manfred Wilcken. Er sieht die Wirtschaft in der Pflicht: „Haben wir als Gesellschaft überhaupt eine Alternative? Wir müssen den jungen Menschen eine berufliche Zukunft geben“, stellt er in einem Gespräch mit seinen Kollegen und Vertretern der Arbeitsagentur fest und erntet breite Zustimmung: Nein, eine solche Alternative gebe es nicht.

Und dennoch: Die Vorbehalte gegen Hauptschüler, wenn auch nur unterschwellig, sind allgegenwärtig. Zahlreiche Arbeitgeber haben schlechte Erfahrungen mit Auszubildenden gemacht. Immer wieder wurden in den letzten Jahren deswegen die Anforderungen an die Bewerber erhöht. Die schulischen Vorqualifikationen reichten oftmals nicht aus, heißt es aus der Wirtschaft. Aber gerade hier kommt auch Kritik von den Lehrkräften. Das Berufsbild des Kfz-Mechatronikers beispielsweise habe sich nicht zuletzt deswegen geändert, weil viele spezielle Ausbildungsberufe, wie Kfz-Schlosser, Kfz-Elektriker und Kfz-Mechaniker nun in nur einem Ausbildungsberuf vereinigt würden, wie der Vertreter der Klütschule, Ronny Busch, meint. Natürlich erfordere eine solche Zusammenlegung von Spezialisierungen höhere Anforderungen an die Auszubildenden. Bewerber mit besonders ausgeprägten Talenten in nur einem Bereich gerieten so ins Hintertreffen.

Ohnehin streben mehr als die Hälfte aller Hauptschüler den Realschulabschluss an, und dass in ihnen nicht nur Talente schlummern, sondern sie im höchsten Maße motiviert sind, davon haben sie die Vertreter der Unternehmen an diesem Tag überzeugt. „Es ist gut möglich, dass ich heute schon mit der künftigen Auszubildenden zur medizinischen Fachangestellten gesprochen habe“, sagt Dr. Markus Hedemann. Da er gemeinsam mit drei weiteren Ärzten eine Gemeinschaftspraxis betreibt, müsse er zwar zunächst mit seinen Kollegen sprechen, aber so wie ihn eine Bewerberin um den Ausbildungsplatz überrascht habe, stünden die Chancen nicht schlecht. Insgesamt seien alle Schüler, mit denen er gesprochen habe, sehr engagiert gewesen. Für den Geschäftsführer der Hamelner Firma Schierling Fahrzeugbau, Klaus Keese, kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: „Wir als Unternehmen konnten uns hier richtig gut präsentieren und die Bewerber darüber informieren, was sie bei uns erwartet. Das ist mindestens genauso wichtig, denn ob ein Bewerber zum Unternehmen passt, hängt auch davon ab, ob er weiß, was ihn erwartet.“ Selbstverständlich seien Zeugnisse und Bewerbungsunterlagen wichtige Eckpfeiler, aber nicht so gute Noten in einigen Fächern bedeuteten noch lange nicht, dass einem Bewerber eine Ausbildung verwahrt bleiben müsse.

Und Tülin Demiray? Nach gut einer Stunde steht sie – immer noch ein zuversichtliches Lächeln auf dem Gesicht – in der sichtlich leerer gewordenen Halle. „Das war eine ganz tolle Veranstaltung, und als ich dann am Tisch saß, war ich auf einmal auch gar nicht mehr nervös.“ Viel über ihren Traumberuf, den der Gesundheits- und Krankenpflegerin, habe sie erfahren und auch, dass sie derzeit mit ihren 15 Jahren noch etwas zu jung sei. Das dämpft ihre Erwartungen aber nicht: „Ich denke, ich habe einen guten Eindruck hinterlassen.“

Manöverkritik übt indes Pressesprecherin Rasokat unmittelbar nach der Veranstaltung: „Es war das erste Ausbildungs-Speed-Dating, und noch lief nicht alles rund, aber das werden wir verbessern“, sagt sie und stellte damit klar, dass man durchaus die Möglichkeit einer Wiederholung dieser ungewöhnlichen Aktion in Erwägung ziehe. Klarer abgrenzen könne man die einzelnen Dates unter Umständen und kurze Pausen einlegen, um Schülern und Arbeitgebern Gelegenheit zu geben, sich auf das nächste Date vorzubereiten. Von den Arbeitgebern war zu hören, dass sie sich durchaus mehr interessierte Schüler gewünscht hätten. Für Agenturleiterin Rose, die feststellt, dass die Zahl der Ausbildungsplätze derzeit stagniere, ist es überaus wichtig, dass sich die Anforderungen an die Auszubildenden den Realitäten anpassen, und Keese stößt ins gleiche Horn: „Natürlich brauchen wir Ingenieure, die die technologische Entwicklung vorantreiben, wir brauchen aber auch gut ausgebildete Leute, die mit den Technologien Tag für Tag arbeiten.“

Wer in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Kontakte knüpfen möchte, der geht zu einem Speed-Dating. Ziel dieser Treffen – vorwiegend junger Menschen – ist meist die Anbahnung zwischenmenschlicher Beziehungen. Die „Partnersuche“ kann aber auch vor einem anderen Hintergrund stattfinden, wie die Agentur für Arbeit zeigt.

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