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Die Ostseeinsel Rügen besticht mit ihren Gegensätzen – und mit malerisch schöner Naturkulisse

Wo Lindenberg auf Caspar David Friedrich trifft

Von Gabriele Laube

Rügen. Majestätisch erhebt sich die neue Verbindungsbrücke zwischen dem Festland und Deutschlands größter Insel Rügen über dem Wasser der Ostsee. Seit zwei Jahren garantiert sie nun eine stressfreie Fahrt zum Urlaubsort. Es gibt Ferienorte, an die man zwischendurch immer mal wieder möchte. Vielleicht, weil man sich dort besonders gut erholt hat. Vielleicht, weil es einfach zu jeder Jahreszeit schön ist, ein paar Tage hier zu verbringen. Rügen gehört dazu: mit den Open-air-Festspielen von Ralswiek, mit Ausflügen zum historischen Kap Arkona oder zur verträumten kleinen Schwesterinsel Hiddensee zu jeder Jahreszeit, mit einer rauchigen Erlebnisfahrt mit dem Dampfzug Rasender Roland von Binz zum Jagdschloss Granitz. Zum Wandern und Radeln oder einfach nur zum Müßiggang am weitläufigen Sandstrand der Schaabe im Norden der Insel und in den Seebädern Binz, Sellin oder Göhren. Mit 580 Kilometern Küstenlänge bietet Rügen auch eine Herausforderung, einmal die Insel zu umrunden – zu Fuß, mit dem Rad oder schwimmend, wie der ehemalige Redakteur und Rettungsschwimmer Lutz Görny mit einem Freund 1997 bewies.

Rügen möchte entdeckt werden. Da gibt es Gegensätze: Kopfsteinpflaster und Bauernhofidylle mit Gänsen und Hühnern am Stadtrand der Seestadt Sassnitz. Die Galerie im Elisenhof in Binz mit Bildern von Udo Lindenberg. Mondäne Bäderarchitektur in Sellin. Den von den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren geplanten Erholungsort Prora mit seinen Betonbauten als verlorenes Reich und heutige Museumslandschaft.

Im Naturparkzentrum Jasmund finden wir die Aussage von Elisabeth von Arnim um die Jahrhundertwende über den Steilküstenweg im Jasmund-Nationalpark: „Es gibt wenige Wege, die von Anbeginn so schön sind und bleiben.“ Anfang des 20. Jahrhunderts war Rügen mehr als einmal Urlaubsort ihrer Familie. Nicht nur sie als Schriftstellerin, auch Caspar David Friedrich als Maler inspirierte die Insel: Seine Bilder der Kreidefelsen mögen Phantasie und Wirklichkeit gemischt haben. Sie wirken aber auch heute aktuell – obwohl oder vielleicht, weil die Ostseeküste sich durch Erosion ständig verändert. Der Hochuferweg von Sassnitz zum Königsstuhl mit ständigem Auf und Ab beträgt rund 8,6 Kilometer. Der Buchenwald im bunten Herbstkleid erscheint wie ein gefühlter Indian Summer. Über eine endlose Holztreppe gelingt der Abstieg zum steinigen Ufer. Wenn nach einem heftigen Schauer die Kreide ins Meer gespült wird und die Ostsee sich milchig-grün färbt, bietet sich hier ein besonders schönes Bild.

In der warmen Sonne wage ich mich zusammen mit anderen Malschülern an das Experiment, die Kreideküste auf Papier zu bannen. Die Leinwand aufgestellt und die Kreide ausgepackt; gemütlich sind die großen Findlinge am Strand nicht. Zu meinen Füßen warten Zeugen der Vergangenheit wie versteinerte Seelilien, Donnerkeile und Hühnergötter (Feuersteine mit mindestens einem durchgehenden Loch) auf interessierte Wanderer und Sammler. Blau, Blau, Braun, Ocker, Orange – die ersten zarten Striche zeigen noch ein diffuses Bild. Doch bald schon werden die Konturen der Kreideformationen deutlicher. Der Wellenschlag am steinigen Strand lässt an frischen Wind denken. Und die wild-schöne Küstenlandschaft nimmt Formen an. Zufrieden mit dem Ergebnis bin ich nicht – alles wirkt so verwaschen, Ölfarben sind besser.

Malerisch glänzt das vom Meer umspülte Geröll in der Sonne. Gleißend hell leuchten die Kreidewände, an deren Abbruchkanten sich oben der Jasmund-Nationalpark mit seinem alten Buchenwald anschließt. Laut rollen die Steine beim Darübergehen. Eine Scandline-Fähre kreuzt auf ihrem Weg nach Norden den Horizont. Tote Bäume am Ufer erinnern an die eigene Vergänglichkeit. Die Brandung plätschert, viele Rinnsale strömen von oben die Kreidefelsen herab, während der Himmel dunkelblau leuchtet. Jeden Augenblick ändern sich die Farben, weil die Sonne bald untergeht. Die Kälte kriecht in die Glieder; es wird Zeit, zu gehen. Und mit etwas Glück wirkt auch ein auf Fotopapier gebannter Urlaubseindruck der Kreideküste wie ein Ölgemälde.

Weitere Informationen: Tourismuszentrale Rügen, Info-Telefon 0 38 38/ 80 77 80, im Internet: www.ruegen.de, Malen auf Rügen: Hanne Petrick, im Internet: www.ruegen-akademie.de/hanne-petrick. html

Sonnenuntergänge sind am Meer sowieso am allerschönsten (links). Die Seebrücke im Ostseebad Sellin ist ein mindestens genauso beliebtes Fotomotiv.

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