weather-image
23°
Großes Theater: Kulturring präsentiert Buddenbrooks-Tragödie als Trauerspiel des Bürgertums

Wo Hauptbuch und Stammbuch verschmelzen

Rinteln. Über bis zu 800 Seiten verfügen die verschiedenen Ausgaben des Thomas-Mann-Romans "Die Buddenbrooks" und in der Fernsehverfilmung hat man daraus ja auch ein mehrteiliges Epos gemacht. Und dann kommt ein Schriftsteller wie John von Düffel daher und beansprucht, mit einer knapp zweieinhalbstündigen Bühnenfassung wesentlich mehr als nur die inhaltliche Quintessenz wiederzugeben.

0000504608.jpg

Autor:

Ulrich Reineking

Eine anmaßende Frechheit eigentlich - aber eine durch und durch gelungene. Gelingt es dem Autor doch, die zentrale Dramatik des Stoffes herauszuarbeiten und die Tragik des Falls einer bürgerlichen Familie nuanciert und exemplarisch zugleich vorzustellen. Im nahezu ausverkauften Brückentorsaal bewies die großartige Inszenierung des Essener "Theater im Rathaus" in der Regie von Frank Matthus die Faszination, die auch heute noch von dem um 1900 erschienenen Stoff ausgeht. Das Stück gewinnt an politisch-sozialer Aktualität dadurch, dass es Mechanismen aufzeigt, durch die das kapitalistische Wirtschaftssystem in der Krise spekulativer Überhitzung unter die Räder gerät und dabei auch Familienbande in solchen Wirtschafts-Dynastien zerstört, bei denen das Stammbuch gemeinsam mit dem Hauptbuch des Unternehmens geführt wird. Der Produktion kommt zugute, dass ein selbst in den kleineren Rollen bestens besetztes Ensemble zur Verfügung stand, Rolf Spahn ein Bühnenbild aus einem Guss entwickelte und zudem Helga Laue ein subtiles Händchen für zeit- und typgerechte Kostümierung bewies. Auf dem Altar der unternehmerischen Expansion wird vom Konsul Buddenbrook die durchaus geliebte eigene Tochter Tony geopfert für eine Vernunftebene mit der "guten Partie" in Gestalt des Hamburger Geschäftsmanns Bendix Grünlich. Dass sich dieser wiederum als mitgiftjagender Hasardeur entpuppt, wird nicht etwa zu einem Innehalten der Familie gegenüber den mörderischen Ansprüchen, die der Sippe von dem Götzen "Firma" gestellt werden und denen sich alles unterzuordnen hat. Unter dieser Belastung zerbrechen die Individuen und ihre Beziehungen untereinander, ihre Ehen und Liebschaften ebenso wie schließlich auch das Unternehmen selbst, das nach dem Tode des Konsuls Buddenbrook trotz allen Eifers von Sohn Thomas nicht gerettet werden kann. Über verzweifelten Sanierungsversuchen ehelicht dieser eine ebenso reiche wie gefühlskalte Kaufmannstochter, macht politische Karriere und verliert darüber doch alles - dokumentiert in der Familienchronik durch seinen eigenen Sohn Hanno, der dies mit kindlich-altkluger Entschiedenheit so begründet: "Ich glaubte, es käme nichts mehr." Kaputt die Firma, zerstört die Individuen, aufgelöst die Familie. Der großartig aufspielende Klaus Mikoleit gibt den Konsul als einen Patriarchen, dem man das Verwachsensein mit den hehren Werten des Familienunternehmens noch abnimmt - ebenso allerdings wie den Abschied davon in der Zeit des Scheiterns. Heidemarie Wentzel macht die Entwicklung der stolzen Konsulin zur zerrütteten Betschwester in allen Phasen nachvollziehbar und Mathias Engel ist als Hasardeur Grünlich in so drastischer Weise ekelhaft, dass die Zuschauerin hinter mir in den Schlussbeifall hinein flüstert: "So ein Kotzbrocken - aber ungeschminkt sieht man ihm das gar nicht mehr an." Jörg Walter als der Familien-Hallodri und manische Versager Christian gestaltet seine Figur ebenso glaubwürdig wie Jan-Hinnerk Arnke den ambitionierten Unternehmensnachfolger Thomas und Dirk Schmidt sorgt als bajuwarischer Schwerenöter Permaneder und Tonys Ehemann Nr. 2 für folkloristisch-komödiantische Akzente: Keine Tragik kommt eben ganz ohne Komik aus. Auch kleinere Rollen wie der liebenswert-verliebte Student Morten Schwarzkopf (Hans Machowiak), die treue Bedienstete Lina (Renate Reiche) und der fiesemiese Bankier Kesselmeyer (Dirk Schmidt) fanden ihre angemessene Darstellung. Das war großes Theater, das war großartiges Theater - und es hätte schon verblüffen können, dass es nur selten Szenenapplaus gab und auch der Schlussbeifall nicht übermäßig heftig kam. Doch ist das wohl der inneren Bewegtheit des Publikums zuzurechnen - das Ensemble wird es auch so verstanden haben...

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare