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Eine Trekkingtour auf dem Sinai führt zu den versteckt gelegenen Gärten der Beduinen in der ägyptischen Bergwelt

Wo die Pharaonen einst nach Türkisen schürfen ließen

Garten? Hat er wirklich Garten gesagt? Hussein, unser Bergführer, nickt. Der Mann will in seinen Garten. Er zieht seine graue Gallabia, sein mantelartiges Gewand, etwas nach oben und steigt trittsicher den steilen Weg hinauf. Ungläubig schauen wir ihm nach. Hussein lächelt wissend. Wo soll hier bitteschön ein Garten sein? Weit und breit nichts als Berge. Karge, von Erosion abgeschabte Berge. Nicht ein vertrockneter Grashalm ziert den Weg, geschweige denn ein Garten. Wir stehen mitten in der Bergwelt des ägyptischen Sinais, Gipfel von mehr als 2600 Meter Höhe ragen um uns empor. Ein Garten erscheint uns hier so unpassend, wie Stöckelschuhe für diese Bergtour. Bestimmt war das ein Witz. Einer, den nur die Beduinen verstehen. Unser Pfad schlängelt sich nach oben, fordert unsere Konzentration. Dann ist das erste Hochtal erreicht. Die Sonne empfängt uns und verwandelt mit ihren Strahlen das Gestein in Rot, Orange und Ocker.

Karge, von Erosion abgeschabte Berge – das ist die Bergwel

Autor:

Iris Lemanczyk

Zuhause in der Nähe des Katharinenklosters

Seit Stunden sind wir mit dem Beduinen Hussein unterwegs. Hussein gehört zum Stamm der Gabaliya, der in St. Catherine – in der Nähe des berühmten Katharinenklosters – zu Hause ist. Ihr Stammesführer, Sheik Mousa, hat ein offizielles Trekking-Office eingerichtet. Das einzige auf dem Sinai. Der Scheich tüftelte Touren aus, ließ Beduinen zu umweltbewussten, englisch sprechenden Bergführern ausbilden, sodass man nun von einer Tagestour bis zum zweiwöchigen Treck alles buchen kann.

Seit acht Jahren arbeitet Hussein als Bergführer. Er scheint hier jeden Stein zu kennen. Kein Wunder, waren doch die Berge des Sinais von Kindesbeinen an sein Spielplatz.

Die Schatten werden länger. Kein Laut ist zu hören. Nur unser Atem und unsere Schritte, die jetzt im Sand knirschen. Wir wandern durch ein Wadi, ein ausgetrocknetes Flussbett. Wann hat dieser Fluss wohl das letzte Mal Wasser geführt? Zumindest nicht, seit Hussein in den Bergen unterwegs ist. Auch sein Vater hat es nicht erlebt. Wo werden wir übernachten? Hussein lächelt vielsagend: „im Garten.“

Grün in der steinigen Wüste: Der lang angekündigte Garten. Fotos
  • Grün in der steinigen Wüste: Der lang angekündigte Garten. Fotos: Lemanczyk
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Wir grinsen, als würden wir ihn und seinen Witz durchschauen. Kurz darauf staunen wir: Mitten im Wadi, hinter einer hohen Steinmauer, liegt ein Garten. Feigenbäume. Mandel-, Granatapfel- und Olivenbäume. Trauben. Im Sommer muss der Garten ein Traum sein. Eine Oase mit Brunnen. Und einem Steinhaus. Der Türrahmen reicht uns bis zur Brust. Drinnen gibt es nichts.

Mittlerweile ist auch Jussip mit seinem Kamel namens Whisky angekommen. Whisky macht es sich im Sand bequem und schreit lauthals nach Essen. Das hat er sich auch verdient, denn er schleppte nicht nur unsere Verpflegung, sondern auch die Schlafsäcke und Schlafmatten hierher. In Windeseile lädt Jussip alles ab. „My best friend“, sagt er und tätschelt den Hals seines Kamels.

Während wir die letzten Sonnenstrahlen genießen, lodert bereits ein Feuer. Jussip und Hussein schälen und schnippeln und zaubern ein köstliches Drei-Gänge-Menü mit nur einem Topf überm Feuer. Als Topflappen dient die Makkaroni-Verpackung, in einer alten Konservendose wird Tee gekocht.

„Jeder kann sich einen Garten anlegen“, erklärt Hussein. „Jeder, der einen Platz findet, wo es Wasser gibt. Da unsere Heimat sehr trocken ist, pflanzen wir, wo immer es möglich ist.“ Selbst wenn dafür eine vier- bis fünfstündige Wanderung nötig ist. Manche Gartenbesitzer bieten ihre idyllischen Plätze als Unterkunft für Touristen an. Wir dürfen unsere Schlafmatten im Steinhaus auslegen, Sheikh Mussa zahlt ihnen dafür einen Obolus.

Gipfelglück und menschenleerer Sinai

Am nächsten Morgen peilt Hussein den 2228 Meter hohen Gipfel an. Steinformationen, die die Vorstellungskraft anregen. Dann Gipfelglück. Vor und unter uns scheint sich der gesamte Sinai auszubreiten, der sich zwischen Rotem Meer und Golf von Akkaba drängt: rote und schwarze Berge, Wadis, winzige Oasen, Steine und Sand, Stille, scheinbar menschenleer.

Mehr als tausend Höhenmeter Abstieg, bis wir wieder im Tal sind. Jussip erwartet uns bereits im nächsten Garten. Diesmal dient uns ein ausgedienter Eselstall als Hotel. Wir sind so müde, wir würden überall schlafen. Und zwar schon um acht Uhr. Immerhin schaffen wir es noch, zuzusehen, wie Hussein den Brotteig knetet, den Teig mit einer Flasche ausrollt und köstliches Fladenbrot backt.

Mal klettern wir durch enge Schluchten, mal spazieren wir durch weitläufige Wadis mit Palmen, mal springen wir von Stein zu Stein, dann windet sich ein kaum sichtbarer Pfad nach oben. Einsamkeit. Stille. Aller Ballast, den wir sonst mit uns rumschleppen, ist hier vergessen. In den vier Tagen begegnet uns nur ein Gärtner, sonst sind wir allein in dieser grandiosen Landschaft voller Kontraste, in der die Kargheit der Wüste genauso daheim ist, wie die Vielfalt des Hochgebirges. Wo Pharaonen schon nach Türkisen schürfen ließen und Moses die Zehn Gebote sprach.

Eines der ersten Häuser von St. Catherine ist das von Hussein. Spontan lädt er uns auf einen Tee ein. Danach verabschieden wir uns. Er will heute noch weggehen – in seinen Garten.

– Service:

Beste Reisezeit: April bis Juni, September, Oktober

Anreise: Flug nach Sharm-el-Sheik von dort oder den Küstenstädten Dahab und Nuweiba gibt es morgens einen Bus, der nach St. Catherine fährt. Flug nach Kairo, täglich fährt auch hier ein Bus über Suez. Wer möchte, kann auch per Taxi oder Minibus vom Sheik Mousa -Abholdienst Gebrauch machen.

Tourenplanung: Je nach Zeit und Kondition stellen Sheik Mousa und seine Mitarbeiter eine Tour zusammen, sorgen auch für Unterkunft und Verpflegung. Schlafsäcke sind in den Wintermonaten ratsam. Der Veranstalter stellt zwar Decken zur Verfügung, doch kann es empfindlich kalt werden.

Hygiene: Aufs tägliche Duschen muss verzichtet werden.

Mehr Informationen im Internet unter: www.sheikmousa.com

Sheik Mousa, Stammesführer der Gabaliya, betreibt das einzige offizielle Trekking-Büro auf dem Sinai (links).

Grün in der steinigen Wüste: Der lang angekündigte Garten.

Fotos: Lemanczyk

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