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„Wir ticken wie die Uhr und sind Zeitfetischisten“

Wenn er einen Wunsch freihätte, würde sich Professor Dr. Karlheinz Geißler gern etwas wünschen: dass möglichst viele Menschen die Zeit in ihrer Vielfalt erkennen und leben. Vielleicht wären sie dann glücklicher. „Auf jeden Fall wäre unsere Gesellschaft eine friedlichere und beschwingtere“, sagt Geißler.
Bis dieses Interview zustande kam, ist einige Zeit verstrichen. Denn Professor Dr. Karlheinz Geißler, Universitätsprofessor und Zeitforscher aus München, leitet zwar das Institut für Zeitberatung „timesandmore“. Allerdings ist er dort nicht für jeden telefonisch zu erreichen. Weshalb?

„Denken ist langsam, wenn’s gut sein soll“, sagt Dr. Karlheinz Geißler.

Autor:

Julia Marre

Wenn er einen Wunsch freihätte, würde sich Professor Dr. Karlheinz Geißler gern etwas wünschen: dass möglichst viele Menschen die Zeit in ihrer Vielfalt erkennen und leben. Vielleicht wären sie dann glücklicher. „Auf jeden Fall wäre unsere Gesellschaft eine friedlichere und beschwingtere“, sagt Geißler.

Bis dieses Interview zustande kam, ist einige Zeit verstrichen. Denn Professor Dr. Karlheinz Geißler, Universitätsprofessor und Zeitforscher aus München, leitet zwar das Institut für Zeitberatung „timesandmore“. Allerdings ist er dort nicht für jeden telefonisch zu erreichen. Weshalb? „Um der Dringlichkeitsdynamik ständiger Erreichbarkeit zu entkommen.“ Die Begründung lautet: „So haben wir mehr Zeit für die Zeit und auch für Zeitberatung“ – und nicht jederzeit für Zeitungsinterviews, könnte eine Ergänzung lauten. Mehr als 20 Minuten sind verstrichen, ohne dass das Telefon klingelt oder eine Antwortmail ankommt. Knapp sechs Stunden soll es dauern, ehe eine Antwort-Mail ankommt und ein neuer Termin am nächsten Tag vereinbart ist.

Herr Professor Geißler, schön, dass ich Sie endlich erreiche!

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Es freut mich, dass Sie es freut. Ich hasse Termine, sie blockieren mich. Sie nötigen mich, regelmäßig in den Kalender zu sehen, fallen mir unvermittelt zwischendurch ein und stören meinen Gedankenfluss oder ein Gespräch. Nein Termine, das kommt von „terminare“ abschließen, Schluss machen. Ich verstehe das als Aufforderung, mit der Terminmacherei Schluss zu machen. Und da ich das weitgehend hinbekommen habe, erreichen Sie mich auch problemlos, zumindest so problemlos, als wenn wir einen Termin vereinbart hätten.

Ist Ihre Entscheidung, nicht überall und immer für jeden erreichbar zu sein, ein erster Schritt zur Entschleunigung?

Das gilt nur fürs Telefon. Mailen können Sie mir immer. Meine Telefonnummer streue ich nicht. Das Telefon hat etwas Indiskretes und meist auch etwas Störendes. Es klingelt, man unterbricht ein Gespräch, rennt hin und hebt ab. Ein Verhalten, das sehr einem Hund gleicht, der auf den Pfiff seines Herrn sogleich herbeieilt. Danke! Ich stell mir das Leben anders vor.

Aber das lässt sich doch in der Arbeitswelt kaum umsetzen?

Nicht immer, aber immer öfters. Und mancher Chef hat sogar Verständnis dafür, wenn er hört, dass durch Unterbrechungen mehr Zeit verloren als durch Zeitsparen im Betrieb gewonnen wird. Zeit hat man immer – solange man lebt – nur nicht für alles und jeden. Wer also behauptet, keine Zeit zu haben, lügt oder ist tot.

Ist das so?

Ja, so ist das. „Tut mir leid, keine Zeit“ ist die beliebteste, aber zugleich die feigste Ausrede. Man will dem Gesprächspartner nicht sagen, dass man für ihn, für sie keine Zeit hat

Vielleicht ist es auch nur eine falsche Höflichkeit, die wir damit in Deutschland etabliert haben?

Eine falsche Höflichkeit ist ein Widerspruch in sich, weil Falschheit keine Höflichkeit, sondern eine Unhöflichkeit ist. Das kommt davon, dass wir die Uhrzeit für die einzig richtige Zeit halten und uns immer nur nach ihr richten. Wir sind Pünktlichkeitsfetischisten und ticken wie die Uhr. Da fragt man sich doch: Ticken wir eigentlich noch richtig?

Dabei halten wir all das doch für eine gute, deutsche Tugend …

Pünktlichkeit ist genau so wenig eine Tugend wie Schönschreiben oder Stillsitzen. Kein Mensch wird pünktlich geboren oder stirbt pünktlich! Pünktlichkeit ist eine Erfindung von einflussreichen Personen, die uns zu pflegeleichten Untertanen machen wollten.

Pünktlichkeit ist ein Auslaufmodell, haben Sie mal gesagt.

Seit 20 Jahren habe ich keine Uhr mehr. Es ist mir zwar unangenehm, wenn ich unpünktlich bin, weil ich auf Pünktlichkeit hin erzogen wurde. Doch inzwischen ist es mir unangenehm, dass es mir unangenehm ist! Warum muten wir uns zu, immer pünktlich sein zu müssen? Weil wir pünktlich sein wollen, müssen wir immer schnell machen. Inzwischen ist das Wort „schnell“ das meistgebrauchte Wort von Eltern an ihre Kinder. Kürzlich hörte ich eine gestresste Mutter zu ihrer fünfjährigen Tochter sagen: „Wart mal schnell!“ So ein Irrsinn. Da muss man doch was ändern. Nicht bei der Mutter, sondern bei unserem Umgang mit Zeit.

Ist diese erzwungene Schnelligkeit also eine gesamtdeutsche Krankheit?

Nein, es ist ein aussagekräftiges Symptom. Denn: Je schneller wir werden, desto mehr müssen wir tun. Die Beschleunigung, die uns ins Reich der Freiheit führen soll, lädt uns immer mehr Zwänge auf. Je schneller wir wurden, umso weniger Zeit haben wir.

Was können wir dagegen tun?

Wir sollten beispielsweise vor dem Kauf eines Gerätes, das uns verspricht, Zeit zu sparen, die Konsequenzen, besonders die Zwänge bedenken, die wir uns dabei einhandeln. Die allermeisten Geräte führen zu einer höheren Zeitbelastung. Neulich rief mich ein Herr von der Telekom an und wollte mir ein schnelleres System aufschwatzen – ohne Mehrkosten. „Danke nein“, sagte ich ihm: „Das brauche ich nicht. Was bringt mir ein schneller funktionierender Computer?“ Mir ist nichts eingefallen. Und nur weil etwas schneller geht, besorg ich mir das doch nicht. Das nun hat der Herr von der Telekom überhaupt nicht verstanden.

Moment, woher hatte denn die Telekom überhaupt Ihre Telefonnummer?

Na, weil’s ja deren Nummer ist. Ich sage grundsätzlich aber immer: „Schicken Sie mir eine Mail, darauf kann ich zeitsouveräner reagieren.“

Ist Ihnen das lieber, weil die E-Mail mehr Selbstbestimmung ermöglicht und Sie nicht sofort antworten müssen?

Ja. In meiner ganzen Zeit an der Uni hatte ich nie einen Computer. Ich hatte eine Sekretärin, die meine Post durchsah und mir wichtige Mails ausdruckte. Wenn ich sie dafür nicht gebraucht hätte, hätte ich ihren Arbeitsplatz wegrationalisiert. Das aber gehörte nicht zu meinen Aufgaben.

Was machen Sie mit der Zeit, die Sie durch konsequente Ablehnung von Terminen gewinnen?

Ich schreibe Bücher. Bücher, die andere kaufen, aber selten lesen, weil sie ja keine Zeit dazu haben. Sie aber kaufen, weil sie ja so viel Angst davor haben, mal Zeit zu haben und nicht zu wissen, was sie dann tun sollten. Da ist es immer gut, wenn man ein Buch über Zeit zu Hause hat, das man lesen kann. Viele verhalten sich so wie die Werbung einer großen Wirtschaftszeitung, die ich in der ersten Klasse des ICE entdeckte, auf den Punkt brachte: „Sie sitzen hier, schauen aus dem Fenster – und schon haben Sie verloren.“

Das ist ja furchtbar. Aber wo kann man ansetzen, diese Denkweise zu ändern?

An den Sehnsüchten. Die zeigen, auf was man alles im Leben verzichtet, um schnell zu sein. Zugleich leben sie ihre Sehnsüchte so, dass sie sie als Sehnsüchte und nicht als verwirklichte Sehnsüchte pflegen und erhalten. Ich war einmal Gast in einer Talkshow, die live übertragen wurde. Es ging um entstresste Zeit. Irgendwann, nachdem man mich gefragt hatte, was ich denn für konkrete Ideen hätte, schlug ich vor: Lassen Sie uns jetzt doch mal fünf Minuten gar nichts machen, dann könnten die Zuschauer stressfrei aufs Klo gehn oder ihre Kinder ins Bett bringen.“ Einen dermaßen hektischen Moderator habe ich noch nie und auch nicht mehr wieder erlebt. Dann fiel ihm ein, die fünf Minuten am Ende der Sendung zu machen. Aber auch das hat er nicht getan. Es ist der Gau fürs Fernsehen, wenn nichts passiert.

Dabei sind Sie doch ein Fan von Wartezeiten, oder?

Wer nicht warten kann, kann auch nichts erwarten. Doch nicht jedes Warten ist schön. Das Wartenlassen von oben herunter, zum Beispiel wenn einen der Chef vor der Tür warten lässt, das ist lästig. Ähnlich lästig ist das Warten in Ämtern und bei Ärzten. Aber auch da kann man sich was Unterhaltsames überlegen – zum Beispiel mit anderen Menschen ins Gespräch kommen, mal ins Nachdenken kommen und auch mal, wie das die Orientalen so gut können, etwas dösen.

Sie mögen eigentlich keine Ad-Hoc-Tipps zum Umgang mit Zeit. Aber was ist Ihr Geheimtipp zum Entschleunigen?

Schauen Sie morgens auf die Uhr und merken Sie sich die Zeit für den ganzen Tag!

Und dann …?

Dann vergessen Sie die Uhr für den Rest des Tages. Das Wichtigste aber ist: Wenn Sie sich ein neues Gerät kaufen, überlegen Sie gründlich, was Sie mit der gewonnenen Zeit anfangen wollen!

Ist das wie mit dem Computer, mit dem man angeblich immer unbewusst in Konkurrenz tritt, weil man ebenso schnell arbeiten möchte, wie er es kann?

Wer mit seinem PC konkurriert, hat schon verloren. Sie konkurrieren ja auch nicht mit Ihrem Kugelschreiber. Das sind doch alles Prothesen – und wollen Sie wirklich mit Ihrer Prothese um die Wette rennen? Da wüsst’ ich Besseres mit meiner Zeit anzufangen.

Wo liegt also die Lösung: in der Abgeschiedenheit der Natur, fernab von den Zwängen der Leistungsgesellschaft?

Die Natur ist nicht die Lösung, aber eine Realität, die wir weitestgehend aus dem Auge verloren haben. Die Natur ist insofern ein Vorbild, weil sie uns eine Zeit anbietet, die menschlicher ist als die Uhr. Sie bietet uns den Zeitrhythmus als Orientierung an, die Uhr hingegen den Takt. Alles hat seine Zeit in der Natur. Und da der Mensch auch ein Teil der Natur ist, empfehle ich, taktloser und dafür rhythmischer zu werden.

Wofür haben Sie sich zuletzt bewusst Zeit genommen?

Für dieses Interview. Am liebsten nehme ich mir Zeit für die Zeit, und unser Gespräch geht über Zeit.

Und wem haben Sie zuletzt gesagt, dass Sie keine Zeit haben?

Das habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesagt, ich lüge ja nicht so schamlos – und tot bin ich auch nicht, zumindest ist das meine Selbsteinschätzung.

Ist es das, was Ihre Zeitberatung ausmacht: solche Verhaltensmuster zu entlarven?

Wenn wir Zeitberatung anbieten, geht es darum, unsere eingeschliffenen, zum Teil falschen, zum Teil illusorischen Vorstellungen von Zeit zu entlarven. Dann geht es darum, deutlich zu machen, dass es nicht nur eine Zeit gibt, sondern viele Zeiten. Deutlich machen wir darüber hinaus, dass wir zugleich Spinne und Fliege, also Opfer und Täter im Netz der Zeit sind. Ob wir müde werden, können wir nicht selbst entscheiden, genauso wenig wann wir sterben. Wir haben nicht die Zeit, wir Menschen sind die Zeit.

Finden Sie deswegen den Ausdruck Zeitmanagement so paradox?

Nicht nur die Kinder bloß speist man mit Märchen ab, sagt Lessing. Recht hat er. Das am weitesten verbreitete Märchen für Erwachsene ist das vom Zeitmanagement. Es macht die Menschen zu Uhrzeitmenschen und verführt sie zur Illusion, über Zeit frei entscheiden zu können. Einen Zeitmanager einzuladen, damit er ihnen sagt, wie man besser mit Zeit umgeht, ist ebenso problematisch wie die Einladung eines Kannibalen zu einem gemeinsamen Mittagsessen.

Sie meinen, wir würden falsch mit der Zeit umgehen?

Falsch nicht, aber nicht sinnvoll. Wir verrechnen seit einigen Jahrhunderten, neuerdings aber immer mehr, Zeit in Geld. Verrechnen wir alle Zeit in Geld, dann löschen wir das Leben aus. Die wichtigsten Dinge des Lebens existieren nur, weil es Zeiten gibt, die nicht käuflich sind. So zum Beispiel das Seelenheil, die Zufriedenheit, die Liebe, die Freundschaft, das Glück und vieles andere mehr. Die Zeiten, die zählen, sind die Zeiten, die nicht gezählt werden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, um all das zu ändern: Was würden Sie sich wünschen?

Dass möglichst viele Menschen die Zeit in ihrer Vielfalt erkennen und leben. Dass sie sich ein Beispiel an Mozart nehmen, der in seinen Sinfonien 23 unterschiedliche Geschwindigkeiten zwischen „langsam“ und „schnell“ zu einem Wohlklang vereint ,wie ich ihn mir fürs Zeitleben wünsche.

Wären wir dann glücklicher?

Das weiß ich nicht. Aber unsere Gesellschaft wäre auf jeden Fall eine friedlichere und beschwingtere.

Es dauert nur wenige Minuten, bis der Kondensstreifen von Flugzeugen am Himmel zu sehen und bis er wieder verschwunden ist. Aber wer gönnt sich überhaupt noch einen Blick gen Himmel? Fotos: are

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