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Wie lange sollte ein Kind vor dem PC sitzen?

Bereits Ende letzten Jahres hat der Landkreis Hameln-Pyrmont eine Initiative ins Leben gerufen, deren erklärtes Ziel es ist, das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien bei Schülern zu schärfen. Die Initiative, die unter dem Motto: „Wir sind das Netz“ steht, hat nach nunmehr sechs Monaten Vorlaufzeit konkrete Formen angenommen, wie Kreisjugendpfleger Claus Dieter Kauert berichtet:

Silvia Künne und Claus Dieter Kauert sind überzeugt: „Die Schüler, die über die Medienprävention für die Risiken des Inter

Autor:

Matthias Rohde

Bereits Ende letzten Jahres hat der Landkreis Hameln-Pyrmont eine Initiative ins Leben gerufen, deren erklärtes Ziel es ist, das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien bei Schülern zu schärfen. Die Initiative, die unter dem Motto: „Wir sind das Netz“ steht, hat nach nunmehr sechs Monaten Vorlaufzeit konkrete Formen angenommen, wie Kreisjugendpfleger Claus Dieter Kauert berichtet: „Acht Jugendliche, die beim Paritätischen ihr freiwilliges soziales Jahr (FSJ) absolvieren, wurden von uns in Zusammenarbeit mit dem ‚Smiley-Verein zur Förderung der Medienkompetenz‘ geschult, um die Schüler in den Schulen des Landkreises für die Risiken der neuen Medien zu sensibilisieren.“ Silvia Künne, für das Projekt zuständige Mitarbeiterin des Paritätischen: „Kurz, nachdem wir das Projekt vorgestellt hatten, waren die Plätze an einigen Schulen auch schon vergeben.“ Die Folge: Anrufe von Eltern, die nachfragten, ob eine Ausweitung des Angebotes möglich sei. Dazu Künne: „Aktuell sind unsere Kapazitäten vollkommen ausgeschöpft, aber natürlich planen wir auch für das kommende Schuljahr eine Weiterführung des Projekts.“ Wichtig für Kauert: „Es geht uns nicht darum, die neuen Medien zu verteufeln, sondern ihren Nutzen einerseits und die Gefahren andererseits herauszustellen.“ Die neuen Medienexperten fungierten dabei als Multiplikatoren für einen bewussten Umgang mit dem PC.

In einem Besprechungsraum des Paritätischen an der Kaiserstraße treffen wir Juliane, Nina, Eric und André, die sich einmal wöchentlich zu einer Dienstbesprechung mit den anderen Projektteilnehmern und Silivia Künne zusammenfinden. Während Juliane das FSJ und das Medienpräventionsprojekt dazu nutzt, ihre beruflichen Perspektiven auszuloten, war es bei den anderen drei vor allem das eigene Interesse an Computern und dem Internet, was sie motiviert hat, sich in dem Projekt zu engagieren. „Für mich ist es schon sehr spannend, die Schule einmal aus der anderen Perspektive zu erleben“, beschreibt die 18-jährige Juliane ihre ersten Eindrücke. Dabei habe sie bereits jetzt festgestellt, dass der Lehrerberuf nicht ganz das ist, was sie später einmal machen möchte. „Vielleicht studiere ich Psychologie oder etwas Ähnliches.“ Und dann berichten die Jugendlichen von ihren ersten Eindrücken.

In der Regel sind es rund ein Dutzend Schüler, die im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft (AG) den Medienexperten gegenüber sitzen. Immer zwei FSJ-ler bilden ein Medienpräventionsteam und teilen sich so die Betreuung der Schüler. „Die Unterschiede, was die Computernutzung betrifft, sind dabei sehr groß“, sagt Nina. Das gelte sowohl für die Intensität und Dauer, als auch für die Art und Weise, wie alle vier feststellen. „Zu berücksichtigen ist natürlich auch das Alter der Schüler“, ergänzt Kauert.

Juliane und André bilden ein solches Team. „Stimmt: Einige Schüler der von uns betreuten AG nutzen schon seit mehreren Jahren das Internet und andere haben gerade erst begonnen“, erzählt André. Zwischen neun und elf Jahre alt seien die Schüler. „Wir stehen aber nicht die ganze Zeit mit erhobenem Zeigefinger in der Klasse“, stellt Eric heraus. Vielmehr werde versucht, sich spielerisch mit dem Nutzen des Computers zu beschäftigen. „In der ersten Stunde haben die Schüler ihren Namen in einem Worddokument bearbeitet und ausgedruckt“, so Juliane. Im Verlauf der Stunde habe man dann natürlich auch das Konsumverhalten der Schüler abgefragt. André: „Ein Schüler hat von seinem Account bei SchülerVZ berichtet und dann natürlich auch ohne Umschweife erzählt, dass er neben Namen und Adresse auch die Telefonnummer angegeben hat.“ „Als wir den Schülern dann erklärt haben, welch fatale Folgen eine Preisgabe solcher Informationen haben kann, hat der Schüler sofort klargestellt, dass er bei Name, Adresse und Telefonnummer natürlich geschummelt, und nicht die echten Daten angegeben habe“, fügt Juliane an, und kaum einer im Besprechungsraum kann sich ein Schmunzeln verkneifen, das allerdings nur kurz währt, denn eine andere Schilderung macht die Dringlichkeit des Projekts deutlich. Künne: „Einer unserer FSJ-ler hat von einem Schüler, den er an einer Grundschule in einer AG betreut, um halb eins nachts eine E-Mail bekommen.“ Auf die Uhrzeit seiner Computernutzung angesprochen, habe der Schüler später behauptet, seine Eltern wüssten Bescheid. Der Inhalt der Mail: Der Schüler berichtete über seine aktuellen Erfolge in einem Computerspiel. Künne: „Erschwerend kommt noch hinzu, dass es sich dabei um ein Spiel handelt, dessen Altersbegrenzung bei 18 Jahren liegt, in abgespeckter Form bei 16 Jahren - in jedem Fall aber für einen Grundschüler nicht geeignet ist.“

Die Gestaltung der Unterrichtseinheiten bleibt den Medienexperten des Paritätischen selbst überlassen. Eric: „Natürlich geht es auch um das sichere Surfen im Internet, aber eben nicht nur, denn die Nutzung der Programme ist mindestens genauso wichtig.“ Er erinnert sich noch an seine Schulung zum Medienexperten: „Wir haben damals während zum Beispiel den Auftrag erhalten, ein sogenanntes Stopp-Motion-Video herzustellen.“ Bei diesem Verfahren werden mit einer Fotokamera Einzelbilder gemacht, die dann aneinandergereiht werden und einen kleinen Film ergeben. „Gerade Bildbearbeitung spielt für mich, aber auch was die Nutzung des Internets und der sozialen Netzwerke angeht, eine große Rolle“, meint Eric. Immer wieder werden Fälle bekannt, bei denen Bilder von Kindern und Jugendlichen mittels Bildbearbeitungsprogrammen verändert wurden, die dann im Ergebnis den Eindruck erwecken, der Jugendliche selbst hätte sich so dargestellt.

Besonders die viel frequentierten Suchmaschinen des Internets bergen große Risiken, wie die Medienexperten berichten. „Bei der Eingabe eines weiblichen Vornamens zum Beispiel bekommt man bereits auf den ersten Ergebnisseiten Treffer mit pornografischen Inhalten“, wissen die Medienexperten. Deswegen weisen sie die von ihnen betreuten Schüler auch auf die speziellen kinderfreundlichen Suchmaschinen hin, deren Funktionsweise gezielt auf die Altersgruppe abgestimmt ist.

Als ein besonderes Plus werten Künne und Kauert das Alter der Medienexperten: „Die jungen Menschen, die bei uns ein FSJ machen, sind in der Regel selbst noch Jugendliche und zwischen 16 und 20 Jahre alt“, so Künne. Von den Kindern werden sie zwar einerseits als „Fachleute“ anerkannt, andererseits aber nicht auf die gleiche Stufe mit Lehrern gestellt. Kauert: „Die Schüler haben das Gefühl: ‚Da steht ja nicht der Lehrer‘. Diese Voraussetzung kann Schülern helfen, ihre Fragen zu stellen, die sie beispielsweise Erwachsenen gegenüber nicht formulieren können.“ Die Vorbildfunktion der Jugendlichen sei enorm, so Kauert. André und die anderen bestätigen: „Nach der Stunde stürmen die Kinder auf uns zu und löchern uns mit Fragen, wollen am liebsten noch weiter machen.“ Aber die Medienexperten des Paritätischen wissen, dass sie mit ihrem Engagement nur einen kleinen Beitrag leisten können, um für mehr Bewusstsein und für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet zu sorgen. Experten raten Eltern von Kindern die Zeit, die sie am Computer verbringen, zu begrenzen. So wird zum Beispiel für Acht- bis Elfjährige eine Höchstdauer von 45 bis 90 Minuten angegeben.

Nina, Juliane, Eric und André geben nur zögerlich Auskunft über ihre eigene Computernutzung. Eric findet schließlich eine für ihn passende Erklärung: „Das ist ganz unterschiedlich und hängt ganz davon ab, was man am PC macht. Ich zum Beispiel spiele vielleicht eine Stunde am Computer, darüber hinaus schreibe ich aber auch E-Mails, lese Interessantes und schaue mir Videos an.“ Zudem programmiere er selbst ein wenig, sodass die Gesamtzeit durchaus mehrere Stunden betragen könne.

Das insbesondere für Kinder und Jugendliche besonders Reizvolle an den sozialen Netzwerken, wie Facebook, SchülerVZ und anderen sei, so Experten, dass es jedem Nutzer in kürzester Zeit gelänge, einen relativ großen „Freundeskreis“ aufzubauen, mit dem sie Interessen und Hobbys teilen könnten. Besonders aufmerksam sollten Eltern dann hinschauen, wenn reale soziale Kontakte nach der Schule immer seltener werden. Beispiele von Kindern, die ihre empfundene Einsamkeit ausschließlich durch „Freundschaften“ im Netz kompensieren, gäbe es zuhauf.

Längst gehört der Computer zur Standardausstattung eines Kinderzimmers. Einzig über die Frage, ab welchem Alter Kinder Zugang zum Internet haben sollten, wird trefflich diskutiert. Und hier und da wird darüber auch gestritten. Im Landkreis haben nun acht junge Menschen ihre Arbeit im Rahmen der Medienprävention aufgenommen. Ein erster Erfahrungsbericht.

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