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Rintelner "Noch-nicht-Betroffene" führen auf Zeit ein Leben auf "Hartz-IV-Niveau"

Wie kurz der Weg von Hartz IV ins Abseits ist

Rinteln (cok). Für die etwa 20 Teilnehmer am "Selbstversuch Hartz IV" ist die Zeit, in der sie freiwillig nur von dem Budget des Arbeitslosengeld II lebten seit Ostern vorbei. Nicht aber für Herrn S., der auch in Wirklichkeit Hartz-IV-Empfänger ist und dessen Geschichte im Mittelpunkt des letzten Treffens im Haus der Diakonie stand.

Zunächst aber berichtete Martin Barwich, der das "Fasten"-Projekt der Evangelischen Landeskirche mit großem Engagement in Rinteln begleitet hat, von einem ersten Auswertungstreffen in Hannover. Dort hatte sich mit einem ersten Blick auf die zurückgesendeten Teilnehmer-Fragebögen aus Hildesheim, Celle, Emden und anderen niedersächsischen Städten herausgestellt, dass sich die Erfahrungen der "Hartz-IVler auf Zeit" überall decken: Als Notfallhilfe kommt man mit den 345 Euro pro Person einigermaßen aus. Unvorstellbar für die meisten aber wäre die Vorstellung, sie müssten tatsächlich auf Jahre hinaus ein Leben führen, in dem die tägliche Sorge ums Geld und dazu das Gefühl der Bedrückung über einen radikalen sozialen Abstieg die Hauptrollen spielen würden. "Das Projekt stieß insgesamt auf eine große Resonanz", berichtete Martin Barwich. 80 Anfragen kamen von Presse und Fernsehen, und über die Teilnehmer aus Celle war sogar in den Tagesthemen berichtet worden. In mehreren Zeitungen und auch in Internettagebüchern (Blogs) gab es tägliche Dokumentationen über die Erfahrungen am Rande des Existenzminimums. Die nun geforderte Auswertung soll unter anderem dazu dienen, Unterstützungsstrategien für Hartz-IV-Empfänger zu entwickeln. Der arbeitslose ehemalige Unternehmer S. aus Rinteln, der regelmäßig an den Treffen im Rintelner Haus der Diakonie teilgenommen hat, konnte zu diesen Ausführungen nur zynisch lachen. "Ich bin da vollkommen hoffnungslos", sagte er. "Mein Leben ist einfach nicht mehr lebenswert und ich weiß nicht, was ich tun soll." Seit zweieinhalb Jahren lebt der über Fünfzigjährige nach einem schweren Unfall von Hartz IV, und alle Versuche, daran etwas zu ändern, sind bisher gescheitert. Nach dem Untergang seines mittelständischen Unternehmens mit vielen Mitarbeitern hatte er sich zunächst wieder selbstständig gemacht und verkaufte erfolgreich Brot vom Vortag auf verschiedenen Wochenmärkten, bis er nach einem Autounfall lange im Koma lag und alles verloren hatte. Einen neuen Job kündigte er, weil der Arbeitgeber, der ihm seinen Lohn schuldig blieb, in einem kleinen Konflikt sagte: "So ist das eben, wenn man jemanden aus der Gosse zieht". Diese Kündigung hatte zur Folge, dass ihm für drei Monate das Arbeitslosengeld II gesperrt worden ist. Zwei Angebote des Jobcenters galten dem Verkauf von Versicherungen an Haustüren, den er aus rechtlichen Gründen gar nicht hätte durchführen dürfen, sagte er. Das letzte Angebot, dass ihm vom Jobcenter zugestellt wurde, betraf eine Stelle als Packer in einem Billig-Discounter. Die war in Bad Hersfeld, also völlig abwegig in Anbetracht seines Rintelner Wohnsitzes. "Das hat mit Hartz IV nichts mehr zu tun, das ist einfach Schikane!"

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