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GfW thematisiert "Fundamentalismus und Christentum" / Kreationisten gegen Darwin

Widerstand leisten, falls Nächstenliebe ausbleibt

Bückeburg (bus). "Gerade in einer Zeit der Unsicherheit und der gleichzeitig vorhandenen Freiheit der Wahl unter einer religiösen Vielfalt auf einem Markt der Religionen und Weltanschauungen ist es wichtig, dass ich meinen Glauben kenne und ihn im Gespräch mit anderen überzeugend vertrete, ohne das Gegenüber von vornherein abzuwerten." Diese Ansicht hat Pfarrer Jürgen Schnare vor der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GfW) vertreten. Der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover sprach in einer in Zusammenarbeit mit dem Kulturverein der ehemaligen Residenzstadt organisierten Veranstaltung im voll besetzten kleinen Saal des Bückeburger Rathauses zum Thema "Fundamentalismus und Christentum".

Pfarrer Jürgen Schnare: Falls die Nächstenliebe auf der Strecke

Das Referat folgte einerÜberlegung des GfW-Sektionsleiters Klaus Suchland, der dafür plädiert hatte, vor dem Hintergrund des islamischen Terrorismus "auch unsere eigene christlich geprägte Weltanschauung und ihre Auswüchse kritisch zu hinterfragen". Schnare näherte sich der Thematik am Beispiel der in den USA stark vertretenen Kreationisten. 42 Prozent der US-Amerikaner glauben einer aktuellen Umfrage zufolge, dass die Lebewesen seit Anbeginn der Zeit in ihrer heutigen Form existieren. Teile dieser auf den Fundamenten Irrtumslosigkeit der Bibel, Gottheit Jesu Christi und Jungfrauengeburt, Sühnetod Jesu, leibliche Auferstehung und Wiederkunft Christi ruhenden Ausformung des protestantischen Fundamentalismus glauben bis heute, die Welt sei eine Scheibe. Kreationisten lehnen die Lehre Charles Robert Darwins ab, nach der sich Säugetiere und Menschen im Laufe von Jahrmillionen aus wenigen Urformen entwickelt haben. Sie gehen davon aus, dass die biblische Geschichte, der zufolge Gott die Menschen vor mehreren tausend Jahren geschaffen hat, auch wissenschaftlich korrekt ist. Der heute das Feld beherrschende so genannte Kurzzeit-Kreationismus fasst die sieben Schöpfungstage als echte Tage auf. Durch seinen engen Zeitrahmen von 10 000 bis 30 000 Jahren zwischen der Erschaffung der Welt und der Gegenwart sind seine Aussagen mit nahezu allen Feldern der Naturwissenschaft unvereinbar. Dadurch ist er gezwungen, nicht nur Darwins Evolutionstheorie abzulehnen, sondern die gesamte Physik neu zu konstruieren. "Und an dieser Aufgabe scheitern seine Autoren in mehr oder weniger offensichtlicher Weise", erklärte Schnare. Dennoch sei der Kreationismus in der evangelikalen Bewegung inzwischen für viele Christen Teil der Weltdeutung geworden. Schnare: "Es wird ohne Aufgeregtheit, aber auch ohne Interesse für die dadurch aufgeworfenen wissenschaftlichen Fragen, angenommen, dass die Bibel recht und die Naturwissenschaft unrecht hat". Die Kritik an der Evolutionstheorie reicht nach Aussagen des Theologen weitüber den protestantischen Fundamentalismus hinaus. Dass Jehovas Zeugen vermutlich mehr kreationistisches Schrifttum verbreiten als alle anderen Organisationen zusammengenommen, müsse erwähnt werden. Auch der Islam und die Esoterik-Bewegung stellten Gegner der Entwicklungstheorie. Schnare bezeichnete die Verbrüderung mit der politischen Macht als den eigentlichen Sündenfall des Kreationismus. "Und zwar die Verbrüderung mit einer fanatischen, gewaltbereiten, rechtskonservativen Ideologie", verdeutlichte der Redner. "Dadurch werden Andersdenkende als ungläubig diffamiert, kirchlich ausgegrenzt, polemisch niedergemacht und für alles Unglück der Welt zur Verantwortung gezogen." Wo diese Verbrüderung Platz greife und die Nächstenliebe auf der Strecke bleibe, könne die christliche Antwort nur in Widerstand bestehen. Schnare empfahl den Zuhörern, sich im Umgang mit christlichen Fundamentalistenan einer Formulierung des Theologen Wilfried Härle zu orientieren. Dessen Kernthese lautet: "Die eigene Wahrheitsgewissheit besitzt unbedingte Geltung, fremde Wahrheitsansprüche verdienen unbedingte Achtung."

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