weather-image
22°
Aus der Geschichte der heimischen Monatsnamen

„Wertlose römische Einfuhrware“

Einst hatten wir Namen für die zwölf Monde (Monate), bei denen wir uns etwas denken konnten“ klagte vor gut hundert Jahren Hermann Löns und betrauerte den Verlust der „urdeutschen“ Monatsnamen. „Sie (die Monatsnamen) hatten Leben und Farbe, blühten wie die Blumen am Rain und ragten empor wie die Eichbäume des Waldes“. Auf dem Boden innerster deutscher Eigenart seien sie gewachsen. „Sie flüsterten zu uns von verborgener Weisheit und rauschten kostbare Geheimnisse“.

270_008_7319050_fe_KalenEwiger_1907.jpg

Autor:

VON WILHELM GERNTRUP

Löns stand mit seiner Meinung nicht allein. Nach der Reichsgründung 1971 war der Ruf nach Bekämpfung des „Fremdwörterunwesens“ immer lauter geworden. Das bezog sich vor allem auf das Vokabular des französischen Erbfeinds, galt aber auch der „wertlosen römischen Importware“. „Gedenke auch, wenn du die deutsche Sprache sprichst, dass du ein Deutscher bist!“ war ein oft zitiertes Motto der wilhelminischen Ära. Besonders resolut ging vor 80 Jahren die heimische Tageszeitung „Die Schaumburg“ vor. Das NSDAP-hörige Blatt führte eine Art „arische“ Zeitrechnung ein. Am 25. Wonnemond (25. Mai) 1934 wurden die Leser über die Einführung sowie Herkunft und Bedeutung neuer, „von innerster deutscher Eigenart“ zeugender Monatsnamen informiert:

„Der Hartung (Januar) beherrschte hart und rauh die Natur. Was schwach ist, muss sterben, was gesund ist in der Wurzel, überdauert die Strenge und kann sich weiter fortpflanzen. Im Hornung (Februar) wirft unser Edelwild das Gehörn (Geweih) ab. Der Lenzing (März) verdrängt mit Gewalt den strengen Winter, die ersten Vorboten des Frühlings melden sich, der Lenz ist da. Der Ostermond (April) kündet die Auferstehung der gesamten Natur zu neuem Leben, wie in der Kirche die Auferstehung Christi zu Ostern gefeiert wird. Im Wonne- (Weide) Mond (Mai) wird das Vieh auf die Weide getrieben (Weide altdeutsch: Wonne). Der Brachmond (Juni) hat seinen Namen von dem unbebauten Teil der Felder, der Brache. Zur Zeit der Drei-Felder-Wirtschaft kannte man ein Sommerfeld, ein Winterfeld und ein Brachfeld. Das Vieh kam in diesem Monat auf die Brache. Der Heumond (Juli) erinnert deutlich an die Heuernte. Im Ernting (August) beginnt die Ernte. Ihm Scheiding (September) scheidet der Sommer. Altweibersommer zieht durch die Lüfte. Der Gilbhart (Oktober) färbt das Land gilb (gilb: gelb, hart: Bergwald). Im Nebelung (November) ziehen starken Nebel über die Fluren. Der Tag ist kürzer geworden, der Bauer beschäftigt sich mit den Arbeiten im Hof, die Feldarbeit ist beendet. Der Julmond (Dezember) beschließt das Jahr. Das Julfest, das alte heilige Fest der Wintersonnenwende, wird gefeiert.

Kulturhistorisch betrachtet war die Darstellung äußerst fragwürdig. Sie war auch nicht das, was Hermann Löns 30 Jahre zuvor bei seiner Forderung nach „urdeutschen“ Namen gemeint hatte. Dem seit 1907 in der hiesigen Landes-Zeitung tätigen Redakteur war es um die Wiederverwendung der vor gut 1200 Jahren von Karl dem Großen eingeführten Begriffe gegangen. Hintergrund: Der von 768 bis 814 residierende Frankenkaiser hatte bei seinem Bemühen, die Verständigung in seinem Vielvölkerstaat zu verbessern, auch eine einheitliche und für jedermann verständliche Zeitrechnung auf den Weg gebracht. Das Ergebnis war die Abschaffung der 45 v. Chr. mit dem „Julianischen Kalender“ eingeführten lateinischen Bezeichnungen und die Umstellung auf althochdeutsche Wortschöpfungen. Die zwölf Monate („Monde“) hießen jetzt „Wintarmanoth“ (Wintermonat = Januar), „Hornungmanoth“ (Herkunft unklar, Sprachforscher vermuten eine Bedeutung im Sinne von Reinigung, Aufbruch und/oder Neuanfang), „Lenzinmanoth“ (Lenzmonat), „Ostarmanoth“ (Ostermonat), „Wunnimanoth“ (Weidemonat), „Brachmanoth“ (Brachmonat), „Hewimanoth“ (Heumonat), „Aranmanoth“ (Erntemonat), „Witumanoth“ (Holzmonat), „Windumemanoth“ (Weinmonat), „Herbistmanoth“ (Herbstmonat) und „Heilagmanoth“ (Heiliger Monat). Aus den Begriffen entwickelten sich im Laufe der folgende Jahrhunderte zahlreiche regionalsprachliche Ableitungen.

270_008_7319051_fe_KalenLoens_1907.jpg
  • Hermann Löns
270_008_7319053_fe_KalenTeutscher_1907.jpg
  • Teutscher Kalender: ein 1495 von einem unbekannten Verfasser in Augsburg herausgegebenes Exemplar.
270_008_7319052_fe_KalenElisaJuli_1907.jpg

Von der karolingischen Kalenderreform waren auch die damals hierzulande lebenden sächsischen Ureinwohner betroffen. Wie das damals vor sich ging, ist unbekannt. Schaumburg, Schaumburger Grafen und Schaumburger Städte gab es bekanntlich noch nicht. Überliefert ist nur, dass zu jener Zeit fremdartige Missionare in den hiesigen Siedlungen auftauchten, um den Leuten die christliche Lehre schmackhaft zu machen. Dabei dürften unsere germanischen Altvorderen auch zum ersten Mal etwas von Lesen und Schreiben und von der Möglichkeit zahlenmäßiger Zeiterfassung mitbekommen haben. Bis dato hatten sie sich ausschließlich am jahreszeitlichen Auf und Ab der Natur, am Lauf der Gestirne und an den Erzählungen und Erfahrungen der Alten orientieren müssen.

Einen herben „Rückschlag“ erlebte das von Karl dem Großen ins Leben gerufene deutschsprachige Kalendarium vor gut 300 Jahren. Grund: Ende des 17. Jahrhunderts war im Vatikan eine mathematisch verbesserte Nachfolgeversion der Julianischen Zeitrechnung ausgetüftelt worden. Das nach dem damaligen Papst (Gregor XIII.) „Gregorianischer Kalender“ genannte Werk löste nach und nach alle bis dato gebräuchlichen Unterlagen ab. Im Schaumburger Land war es am 1. Januar 1700 so weit. Anstelle der deutschen tauchten in den Monatsübersichten wieder lateinische Einträge auf. Deren Herkunft und Bedeutung sind heute nicht nur altsprachlich geschulten Zeitgenossen klar: Januar („Janus“), März („Mars“), Mai („Maius“) und Juni („Juno“) gehen auf altrömische beziehungsweise altitalienische Gottheiten zurück. Juli (von „Julius Cäsar“) und August (von „Augustus“ = der „Erhabene“, Beiname des Kaisers Octavian) stammen von Herrschernamen ab. September (septem=sieben), Oktober (octo = acht), November (novem = neun) und Dezember (decem = zehn) sind einfach nur lateinische Zahlwortübersetzungen, und Februar („Februarius“) heißt so viel wie „Reinigungsmonat“. Nicht ganz einig sind sich die Sprachkundler über Herkunft und Bedeutung des Wortes April („Aprilius“). Einige denken an das frühjahrsbedingte Aufbrechen der Blütenknospen und tippen auf das lateinischen aperire („öffnen“), andere sehen einen Zusammenhang mit der im Frühling besonders aktiven antiken Liebesgöttin Aphrodite.

Spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind auch die Forderungen nach einer „Re-Germanisierung“ des Kalenderwesens verstummt. Auch die „Gesellschaft für deutsche Sprache“, die sich die Pflege der Sprachkultur im Nachkriegsdeutschland auf die Fahnen geschrieben hat, sieht keinen Handlungsbedarf. Das war bei den Vorgänger-Organisationen noch anders. Der 1885 ins Leben gerufene Allgemeine Deutsche Sprachverein (ADSV) sah die Sprache als „Ausdruck und Hort vaterländischer Identität“. Ziel sei „die Reinigung der deutschen Sprache von unnötigen fremden Bestandteilen, um auf diese Weise das allgemeine nationale Bewusstsein im deutschen Volk zu kräftigen“, war in der ADSV-Satzung zu lesen.

Zu den schönsten und ältesten Monatsübersichten gehören die Kalenderblätter des sogenannten Elisabethpsalters – eine vermutlich zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstandene Bilderhandschrift. Hier die

Kalenderdarstellung des Monats Juli.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare