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So sind die Auswirkungen auf den Hamelner Mietmarkt

Werden Wohnungen durch den Flüchtlingsstrom knapp?

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Autor:

Frank Henke

Hameln. Die Stadt Hameln ist auf Wohnungssuche. 300 weitere Flüchtlinge werden bis zum Jahresende erwartet – und die müssen untergebracht werden. Also sollen sich Vermieter melden, appellierte die Stadtverwaltung kürzlich. Doch auf Wohnungssuche ist nicht nur das Rathaus: „Wir suchen auch schon seit Monaten für den Freund meiner Tochter eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Hameln“, hat eine Facebook-Nutzerin unter die Dewezet-Nachricht von der städtischen Suche geschrieben. Ein anderer Kommentar beruft sich auf Erfahrungen „einer Freundin aus einer anderen Stadt“: „Da hatte man ihr gesagt, sie brauche im Moment nicht nach Wohnungen fragen, da diese für die Flüchtlinge benötigt werden.“ Ein anderer Facebook-Nutzer schreibt: „Viele Arbeitende suchen hier“ – also in Hameln – „vergebens bezahlbaren Wohnraum“. Kann der Hamelner Wohnungsmarkt den Zustrom von Flüchtlingen, dessen Ende noch nicht absehbar ist, verkraften?

Die Einschätzung der aktuellen Lage variiert – je nach Betrachter. Ein kleinster gemeinsamer Nenner vieler Aussagen könnte aber in etwa so lauten: nicht dramatisch. Die Stadt veröffentlichte im November vergangenen Jahres ein „Wohnraumversorgungskonzept“. Die dortige Bestandsaufnahme basiert auf Daten des Online-Portals ImmobilienScout24. Sicherlich, Hameln sei ein „vergleichsweise starker Standort im Weserbergland“, ist dort zu lesen, angesichts von zu erwartenden „erheblichen Bevölkerungsrückgängen“ im südlichen Niedersachsen sei jedoch auch in der Weserstadt „mit einer schrumpfenden Wohnraumnachfrage zu rechnen“.

So sieht der Markt aus

Vor vier Jahren wurde prognostiziert, dass Hameln bis zum Jahr 2031 3000 Einwohner verlieren wird – ein Rückgang um fünf Prozent. Schon jetzt ist so manche Wohnung verwaist. Von den rund 31 600 Hamelner Wohnungen stünden vier Prozent leer, heißt es im letzten städtischen Wohnungsmarktbericht von 2013. Entsprechend moderat fallen die Mietpreise aus. Bei 5,08 Euro pro Quadratmeter lägen sie in Hameln durchschnittlich, ist in dem städtischen Versorgungskonzept zu lesen. Ein Mittelfeldplatz im niedersächsischen Vergleich. Im hohen Norden beispielsweise – Winsen/Luhe oder Lüneburg – werden sogar Durchschnittsmieten von über 7 Euro pro Quadratmeter gezahlt.

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  • Ist Platz genug in der Stadt? Oben: Flüchtlinge bei ihrer Ankunft am Kreishaus. Unten: Leer stehende ehemalige Britenwohnungen im Hamelner Norden. Dana

„Wir haben keinen Nachfragedruck“, sagt auch Immobilienmakler Werner H. Küll (Meteor-Immobilien). Zwar habe der Abzug der britischen Soldaten nicht zu einer „Schwemme“ auf dem Wohnungsmarkt geführt, sagt Küll, Knappheit herrscht aber offenbar auch nicht. Von einem „funktionierenden Wohnungsmarkt“ spricht der Makler.

Beim Mieterbund indes bewertet man die Lage anders. Bei günstigen Wohnungen sähe er „Engpässe“, sagt der Hamelner Vorsitzende Hans-Jürgen Seifert. Es geht um „gut bezahlbare Wohnungen in schlichterer Ausstattung“. Eng wird es etwa für Familien, die eine Wohnung mit mehr als vier Zimmern benötigen. Denn diese Wohnungsgröße ist allgemein auf dem Hamelner Markt dünn gesät. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde tüchtig gebaut – allerdings waren es vor allem Drei-Zimmer-Wohnungen. Dauern kann mitunter aber auch die Suche nach preiswerten Wohnungen in einem anderen Segment, denn: „Die Nachfrage nach kleinen Wohnungen ist enorm groß“, sagt der Vorsitzende des Mieterbundes Hameln. Dies gilt offenbar vor allem für die Single-Wohnungen unter 50 Quadratmetern (siehe Grafik).

Langfristige Prognosen sind derzeit ein schwieriges Geschäft. Wie lange der aktuelle Flüchtlingsstrom anhält und wie viele Asylsuchende letztlich in Hameln bleiben, vermag noch niemand zu sagen. Also zunächst ein Blick auf die Zahlen, die bereits – mehr oder weniger – feststehen: Die Stadt Hameln hat bis heute rund 500 Asylsuchende in Wohnungen untergebracht. Damit sind nicht die in der Linsingen-Kaserne noteinquartierten Menschen gemeint – deren Verteilung auf verschiedene Kommunen steht noch aus. Die 500 Hameln bereits zugeteilten Menschen leben in 210 Wohnungen – von der Single- bis zur größeren Familienwohnung, heißt es aus dem Rathaus.

Wie geht es weiter

Bis zum Jahresende rechnet die Stadt nun – wie eingangs erwähnt – mit weiteren 300 Asylsuchenden. Es dürften also wohl weitere 100 bis 150 Wohnungen in der Stadt benötigt werden. Zur Unterbringung von Flüchtlingen plant der Landkreis nun zudem, zunächst 14 Wohneinheiten in Reihenhäusern am Reimerdeskamp zu kaufen.

Spurlos dürfte der Zuzug am Hamelner Wohnungsmarkt nicht vorübergehen. Doch über die Größe dieser Spuren fallen die Einschätzungen unterschiedlich aus. Am deutlichsten klingt die Warnung des Mieterbund-Vorsitzenden. Engpässe bei günstigen Wohnungen würden sich verschärfen: „Da wird es sehr, sehr eng werden“, glaubt Seifert. Auch Makler Küll räumt ein: „Es könnte sein, dass es Engpässe gibt.“ Der Leerstand werde abnehmen, erwartet Christian Mattern, Geschäftsführer der Hamelner Wohnungsbau-Gesellschaft (HWG), wie sich der Flüchtlingsstrom genau auswirke, sei jedoch noch nicht abzusehen. Einen „Verdrängungswettbewerb“ könne er bis dato jedenfalls nicht erkennen. Mattern verweist auf „sechs oder sieben“ der knapp 50 HWG-Wohnungen, die an Asylsuchende vermietet wurden. Diese befänden sich in einem Haus, das in absehbarer Zeit grundmodernisiert werden solle – eine Zwischenlösung also. Anderweitig vermietet hätte die HWG die Wohnungen ohnehin nicht.

Eckhard Vogelsang von Postbank Immobilien, richtet den Blick über die Kernstadt hinaus: Zu einem Einschnitt werde der Zuzug von Flüchtlingen, „wenn wir sie in der Stadt unterbringen wollen“, sagt er. Doch da gibt es ja auch noch die Dörfer. Ein Zuzug von Flüchtlingsfamilien – „das wäre eine große Chance für die Fläche.“

Lesen Sie in unseren nächsten Ausgaben: Wie wirkt sich der Zustrom von Flüchtlingen auf Arbeitsmarkt und Sozialsysteme aus? Und: Die Angst vor dem Fremden.

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