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Werden und Vergehen

Von Gabriele Schmedes

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und Jens Tippel

Noch nie wurde an dieser Stelle eine Buchempfehlung ausgesprochen, und das ist auch nicht Sinn und Zweck dieser manches Mal ironischen und augenzwinkernden Äußerungen der Zaungäste. Heute ist und bleibt eine Ausnahme. Heute möchte ich ein Buch empfehlen, welches mich bereits seit vielen Jahren begleitet. Manchmal wird es hervorgeholt, einige kurze Geschichten und Gedichte gelesen, dann wieder steht es für Jahre im Bücherschrank, bevor es seinen nächsten Auftritt hat. Es ist das Buch „Bäume“ von Hermann Hesse.

Besonders das fröhliche und optimistische Gedicht „Voll Blüten“ und im Gegensatz dazu die ergreifende Betrachtung „Klage um einen alten Baum“ berühren mich immer wieder sehr stark. In der kurzen Geschichte geht es um einen uralten Judasbaum, dessen gerade blühender Anblick den nach dem ersten Weltkrieg ausgewanderten Hermann Hesse dazu bewog, eine Wohnung mit Garten am Luganer See zu mieten. Er schildert, wie dieser Baum ihm viele Jahre ein treuer Freund war. Wie er im Frühjahr überschwänglich blühte und danach geheimnisvolle Schoten bildete, den Herbststürmen standhielt und dem Winter trotzte. Zum Ende eines gewaltigen Südsturmes dann geschah das Unfassbare. Der alte Baumveteran wird voll erfasst und umgerissen. Dieses war für Hesse ein unersetzlicher Verlust, der auch durch die Neupflanzung eines kleineren Nachfolgers nicht ersetzt werden kann. Für ihn ist ein Freund gegangen, der noch lange nicht hätte gehen wollen.

Vielleicht kennen Sie dieses Verlustgefühl auch aus Ihren Gärten. Es kommt immer wieder vor, dass Pflanzen eingehen, ob durch einen starken Frost oder sommerliche Dürre, ob durch Schädlinge oder einen falsch gewählten Platz, an denen es ihnen nicht gefällt. Wenn es sich dabei um Gehölze handelt, dann wiegt dieses Gefühl vielleicht etwas schwerer als bei anderen Pflanzen. Insbesondere Bäume haben etwas Dauerhaftes an sich. Manche von ihnen können ja tausend Jahre und älter werden. Sie können Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erzählen. Daher will ein Platz für einen neuen Baum mit besonderem Bedacht gewählt werden.

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Wenn ich nach Jahren wieder einmal in Gärten komme, die ich am Anfang meiner Selbstständigkeit angelegt habe, dann ist es am beglückendsten zu sehen, wie die Bäume gediehen sind. Zu wissen, dass man noch vor einigen Jahren kleine junge Pflanzen gesetzt hat und daraus richtige Bäume geworden sind. Zwar bestimmt immer noch im zarten Jünglingsalter, doch das macht nichts. Dies ist dann wieder der Moment, wo mir erneut bewusst wird, dass ich den schönsten aller Berufe habe.

Traurig ist es, alte ehrwürdige Bäume zu sehen und zu erkennen, dass diese nicht mehr lange leben werden. So ging es mir vor einiger Zeit, als eine wunderbar gewachsene Rosskastanie gefällt werden musste, weil fehlender Sachverstand oder Ignoranz den Baum mit einem Schnitt irreparabel geschädigt hatte. Wenn keine Gefährdung von einem alten Baum durch morsche Äste oder mangelnde Standfestigkeit ausgeht, ist es immer besser, diesen in Würde sterben zu lassen. Abgesehen vom hohen ökologischen Wert eines Baumveteranen ist die Wohlfahrtswirkung einer solchen Pflanze durch kein neues Gehölz kurzfristig zu erreichen. So gesehen kann ich die Trauer Hermann Hesses über den Verlust seines Baumfreundes gut nachvollziehen.

Vielleicht denken Sie ja das nächste Mal, wenn Sie einen alten Baum betrachten, daran, was dieser wohl schon alles erlebt und gesehen hat. Dazu passt dann auch das schöne Gedicht Hesses „Voll Blüten“, dessen zweite Strophe lautet:

„Wie Blüten gehen Gedanken auf, Hundert an jedem Tag –

Laß blühen! Laß dem Ding den Lauf! Frag nicht nach dem Ertrag!“

Mein Freunde, der Baum: Je nach Art und Beschaffenheit können Bäume jahrhundertealt werden. Dieser hier steht, wie man sieht, auch sehr gut im Saft – lange schon.

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