weather-image
16°
Von alten Namen und verschwundenen Dörfern: Geschichtliches Ortsverzeichnis für Schaumburg

Wer kennt noch Almeschenborstel?

Wollen Sie wissen, wie Exten vor 1100 Jahren hieß, was es mit dem mittlerweile längst verschwundenen Dorf Herdessen (bei Obernkirchen) auf sich hatte – oder wann und wo die rund 15 Zigarrenfabriken und 25 Ziegeleien hierzulande betrieben wurden? Antworten auf diese und (fast) alle anderen Fragen zu den historischen Ereignissen und Einrichtungen der hiesigen Region liefert ein umfangreiches Nachschlagewerk mit dem Titel „Geschichtliches Ortsverzeichnis für Schaumburg“.

Der Bückeburger Marktplatz Anfang des 17. Jahrhunderts. Repros:

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Das fast 750 Seiten dicke Buch ist vor knapp einem Jahr in der Reihe „Schaumburger Studien“ erschienen (siehe Quellenhinweis). Kernstück ist eine alphabetische Aufzählung aller im heutigen Landkreis Schaumburg und in dessen Vorgängerterritorien heute oder früher existierenden menschlichen Siedlungen. Auf der Liste stehen mehr als 550 Namen. Es beginnt bei A wie Achum und endet mit Z wie Zersen. Zur exakten Lagebestimmung ist ein mehrseitiges Kartenmaterial beigefügt.

Jedem Ortseintrag sind – in geballter Form und nach einem fest gefügten und vorgegebenen Themenschema geordnet – Daten und Hinweise über die Entstehung oder Ersterwähnung der Siedlung, die Bedeutung des Namens sowie Angaben zur Verwaltungs- und Einwohnerentwicklung beigefügt. Daneben finden sich knappe, zumeist stichwortartige Auskünfte über Gemarkungsgröße, Besitzverhältnisse, Gerichts- und Fürsorgewesen, Schulen, Kirchen, Burgen und/oder örtliche Besonderheiten wie Wappen, Verkoppelung oder Grundherrschaften.

Auf diese Weise wird man gewahr, dass Kathrinhagen einstmals „Almeschenborstel“ hieß, dass in dem kleinen Dorf Schermbeck bei Luhden bis ins 19. Jahrhundert hinein drei verschiedene Nationalitäten (Hessen, Preußen und Schaumburg-Lipper) Haus an Haus zusammenlebten, und dass die Herkunft des Begriffs „bück“ bzw. „bucki“ (siehe Bückeberg, Bückeburg oder Buckigau) nach wie vor ungewiss und umstritten ist. Während einige Fachleute einen direkten Zusammenhang mit dem Baumnamen „Buche“ sehen, vermuten andere als Ursprung den niederdeutschen Wortstamm „gebücke“ – eine Art Grenzverschlag, der dadurch entstand, dass man Hainbuchenhecken „umbückte“ und zu einem Schutzwall verflocht.

Der Rintelner Sandsteinverladeplatz an der Weserbrücke, Darstell
  • Der Rintelner Sandsteinverladeplatz an der Weserbrücke, Darstellung von 1850.
15 Zigarrenmanufakturen gab es einst im Schaumburger Land.
  • 15 Zigarrenmanufakturen gab es einst im Schaumburger Land.

„Das Buch ist eine echte Fundgrube und ein nahezu unentbehrliches Rüstzeug für heimische Ortschronisten, Geschichtsforscher und darüber hinaus für alle regionalhistorisch interessierten Zeitgenossen“, ist Dr. Stefan Brüdermann, Chef des Bückeburger Staatsarchivs, überzeugt. „Nirgendwo anders sind so viele Informationen in so geballter Form zu finden.“

Darüber hinaus darf das Ortsverzeichnis auch als Nachschlagewerk und aktuelle Bestandsaufnahme für spätere Generationen gelten. Wer weiß schon, ob das traditionsreiche, seit den 1970er Jahren zu Obernkirchen gehörende Dorf Gelldorf (früher „Geldorp“ und „Gelenthorpe“) eines Tages nicht ebenso von der Landkarte verschwindet wie die namensgleiche mittelalterliche Wüstung „Gellendorf“ bei Rumbeck (Hessisch Oldendorf). Das Ortsverzeichnis weist mehr als 60 solcher einst „wüst gefallenen“ und längst in Vergessenheit geratenen Siedlungen aus. Namen wie Dudensen (einst zwischen Rinteln und Möllenbeck gelegen), Herdessen (bei Obernkirchen), Rottfeld ( Gemarkung Bad Eilsen), Vendresa (nördlich von Fischbeck) oder Sutherem (Stadtgebiet Bückeburg) dürften heutzutage allenfalls noch versierten Ortschronisten geläufig sein.

Leser, die tiefer einsteigen wollen, finden in dem umfangreichen Nachschlagewerk eine Fülle von Quellenangaben sowie Hinweise zur zielgenauen Suche nach ausführlicheren Beschreibungen und ergänzender Literatur. Darüber hinaus lassen sich anhand der Stichwort- und Namensverzeichnisse auch überörtliche Entwicklungen und Besonderheiten herausfinden und nachvollziehen. So kann man feststellen, wo und wie die Schwerpunkte der Flachsverarbeitung und Leinenindustrie verteilt waren. Und deutlich wird auch, dass es einst auch und vor allem im Schaumburger Land eine intensive, bisher nur ansatzweise erforschte Energiegewinnung durch Wasserräder und Windmühlenflügel gab.

Den Löwenanteil am Zustandekommen des Mammutwerks hat die Osnabrücker Historikerin Dr. Gudrun Husmeier geleistet. Sie hat damit – nach einhelliger Auffassung der Fachleute – der Schaumburger Geschichtsforschung ein besonders hilfreiches, bisher schmerzlich vermisstes Instrumentarium an die Hand gegeben. Für andere niedersächsische Regionen liegen ähnliche Verzeichnisse bereits vor. Die Vorarbeiten für die Schaumburger Ausgabe dauerten mehr als zehn Jahre. Trotz aller Sorgfalt sei klar, dass immer noch Lücken vorhanden sind und sich möglicherweise auch Fehler eingeschlichen haben, fordert Husmeier im Vorwort zu weiterführenden Anmerkungen und Korrekturvorschlägen auf. Entsprechende Hinweise nimmt das Niedersächsische Staatsarchiv in Bückeburg gern und dankbar entgegen.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare