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Wenn nur Umwege zum Abschluss führen

Ich habe gelebt wie ein Arschloch“, sagt Mesut und macht dabei den Eindruck, als wolle er endlich einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Fest auf einen Ausbildungsplatz hat der 19-Jährige seinen Blick gerichtet. Mesuts Kindheit war alles andere als behütet. Der junge Türke sei „zwischen Drogen, Kriminalität und Gewalt aufgewachsen“, berichtet er. Mit anderthalb Jahren sei er aus seiner Ursprungsfamilie herausgerissen worden, lebte dann bei einer Pflegefamilie.

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Von Lars Lindhorst

Ich habe gelebt wie ein Arschloch“, sagt Mesut und macht dabei den Eindruck, als wolle er endlich einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Fest auf einen Ausbildungsplatz hat der 19-Jährige seinen Blick gerichtet. Mesuts Kindheit war alles andere als behütet. Der junge Türke sei „zwischen Drogen, Kriminalität und Gewalt aufgewachsen“, berichtet er. Mit anderthalb Jahren sei er aus seiner Ursprungsfamilie herausgerissen worden, lebte dann bei einer Pflegefamilie. Umstände, die aus Mesuts Sicht keinen regelmäßigen Schulbesuch zuließen. Seit fast zwei Jahren lebt er wieder bei seiner Mutter. Mesut beginnt ab Juli ein Praktikum in einem Friseurgeschäft. „Wenn ich mich beweise, steht vielleicht auch eine Ausbildung an“, sagt er.

Keine Lust und ein schlechter Umgang. Das sind in Benjamins Augen die ausschlaggebenden Gründe, warum es mit Schule und Lernen nicht so recht klappen wollte. Früher war ihm die Schule scheißegal, sagt er. Jetzt hat er den Hauptschulabschluss geschafft. „Endlich“, sagt er. „Und es hat sogar Spaß gemacht.“ Er ist für sein Alter spät dran mit dem Endzeugnis. Aber immerhin: Er hat eines. Hauptschule, Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), Berufsgrundbildungsjahr (BGJ) – vieles lief schief bei Benjamin. Alle Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten, die er hatte, brach der 20-Jährige ab. An seine Berufsausbildung verschwendete Benjamin keinen Gedanken. Als Hilfsarbeiter habe er sich bislang ein paar Euros verdient, erzählt er. Mit dem bestandenen Hauptschulabschluss, den er durch die Förderung der Hamelner Arbeitsagentur nun geschafft hat, sieht Benjamin aber hoffnungsvoll in die Zukunft: Er hat das Angebot für ein Praktikum in einem Baumarkt bekommen. „Mal sehen, vielleicht springt ja eine Lehrstelle dabei raus“, sagt er.

Im Rahmen der „Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme“ haben jetzt 13 Jugendliche den Versuch unternommen, ihren Schulabschluss beim Bildungsträger Inform nachzuholen. Zwölf von ihnen haben es geschafft.

Über 2,7 Millionen Menschen über 15 Jahre haben es in Deutschlan
  • Über 2,7 Millionen Menschen über 15 Jahre haben es in Deutschland nicht bis zu einem Schulabschluss geschafft. Foto: Bilderbox

Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Focus“ gibt jeder 14. Schüler vorzeitig die Schullaufbahn auf, obwohl vielen Abbrechern nur die Perspektive Hartz IV bliebe. Über 2,7 Millionen Menschen über 15 Jahre leben demnach in Deutschland ohne Schulabschluss. Rund eine halbe Million dieser Abgänger sind arbeitslos gemeldet. Von den Schulabbrechern kommen mehr als die Hälfte von Förderschulen, ein Viertel etwa von Hauptschulen. Es sei ein schleichender Prozess bis zum Schulabbruch, keine spontane Aktion. Am Ende fehle der Wille. Manche aber schaffen es, sich erneut zu motivieren.

Weshalb der 20-jährige Matthias sein Berufsvorbereitungsjahr abbrach, hat wiederum andere Gründe als bei Mesut und Benjamin. Mit starken gesundheitlichen Problemen habe er zu kämpfen gehabt, als er vor vier Jahren das BVJ schmiss. Starker Bluthochdruck habe ihn gezwungen, zu Hause zu bleiben, erzählt er. Die lange Zeit des Nichtstuns – keine schöne Vorstellung für den Hamelner. „Ich habe nur zu Hause rumgesessen und gedacht, ,Du bist ein Nichts‘“, berichtet er. „Mit dem Abschluss habe ich ein viel besseres Lebensgefühl.“ Der Mann mit den strohblonden, hochstehenden Haaren wird von seinen Mit-streitern bei der Bildungsmaßnahme nur „Bauer“ gerufen. Nicht von ungefähr: „Am liebsten würde ich in der Landwirtschaft arbeiten, als Landwirt oder Landmaschinenmechaniker“, erzählt Matthias. Die Zeit, in der er den Hauptschulabschluss nachgemacht hat, sei zwar sehr kurz gewesen, aber dafür umso intensiver. Die kleinere Gruppengröße habe Matthias das Lernen erleichtert. 12 Teilnehmer bei Inform statt 30 Klassenkameraden in der Schule – das lobt er. Und auch die persönliche Nähe zu den Verantwortlichen beim Bildungsträger habe dem 20-Jährigen sehr geholfen. „Die Bildungsbegleiter setzen sich hier für uns ein“, sagt er.

Seit dem 1. Januar 2009 ist unter der Großen Koalition ein Rechtsanspruch auf einen Schulabschluss in der Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung verankert. Die Förderung durch die Bundesagentur für Arbeit erhöhe die Chancen bei den Jugendlichen auf eine Integration in den Arbeitsmarkt, lautete ein Argument. Jeder Bundesbürger, der die Schule nicht gepackt hat, solle nachträglich die Möglichkeit bekommen, bei einem neuen Anlauf den Abschluss zu schaffen.

Der Rechtsanspruch auf einen Hauptschulabschluss galt als Prestigeobjekt des damaligen Arbeitsministers Olaf Scholz (SPD). 26 Millionen Euro stellte die Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2009 zur Verfügung, damit arbeitslose Schulabbrecher ihren Abschluss nachholen können. Laut Wirtschaftswoche ist allerdings nur ein kleiner Teil von gut zwei Millionen Euro in 2009 dafür abgerufen worden. In ihrem Haushalt für 2010 habe die Bundesagentur daher die Mittel auf acht Millionen Euro gekürzt.

Die schwarz-gelbe Koalition im Bund will in Zukunft mit 3200 Bildungslotsen potenziellen Schulabbrechern den Weg in den Beruf ebnen. Die Zahl der Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss oder nur unzureichend vorbereitet verließen, sei weiterhin hoch, wenngleich sie 2009 um ein Viertel auf 60 000 zurückgegangen sei, sagt Bildungsministerin Annette Schavan. Unter ihnen seien doppelt so viele Jungen und Mädchen mit Migrationshintergrund. Um die Zahl weiter zu verringern, will Schavan für das Projekt „Bildungsketten“ bis 2018 insgesamt 755 Millionen Euro bereitstellen. Mit rund 355 Millionen Euro sollen sogenannte Bildungseinstiegsbegleiter finanziert werden, die zu einem Drittel ehrenamtlich tätig sein sollen und jeweils zu einem Drittel von der Bundesagentur für Arbeit sowie dem Bundesbildungsministerium bezahlt werden. Die Lotsen sollen den Jugendlichen Orientierungshilfen geben und sie bei der Berufswahl unterstützen.

Laut aktuellem Bildungsbericht der Bundesregierung ist die Zahl der Jugendlichen, die 2009 eine Lehrstelle erhielten, im Vergleich zum Vorjahr um 8,2 Prozent auf rund 566 000 gesunken. Wegen des demografischen Wandels gebe es aber auch 8,8 Prozent weniger Ausbildungsinteressierte. Zum zweiten Mal in Folge gab es demnach fast doppelt so viele unbesetzte Ausbildungsplätze als unversorgte Bewerber ohne Lehrstelle. Dem Bericht zufolge besteht allerdings auch ein „harter Kern“ von etwa 100 000 Altbewerbern, die dringend Hilfe benötigten.

Auch Tobias hat seine zweite Chance genutzt und einen Hauptschulabschluss nachgemacht. Die größte Herausforderung liegt allerdings noch vor dem jungen Mann. Mit zwölf Jahren ist der heute 24-Jährige zum ersten Mal mit Drogen in Berührung gekommen. Nach der siebten Klasse sei er völlig abgerutscht, erzählt Tobias. Es folgten Drogentherapien, die bis heute noch andauern. Mehr noch: Aufgrund seiner Sucht sei er wegen eines Drogendeliktes verhaftet und verurteilt worden, berichtet er. Zurzeit verbüßt Tobias eine Bewährungsstrafe. Vom Jugendgericht hat er die Auflage bekommen, einen Schulabschluss zu machen. Macht er ihn nicht oder unternimmt er nicht alle möglichen Anstrengungen dazu, sei die Bewährung futsch, erzählt Tobias. Und was hat der 24-Jährige vor mit dem frischen Abschluss in der Tasche? Tobias‘ Antwort kommt prompt und ohne große Überlegung: „Ich werde wieder zur Therapie gehen“, sagt er.

Drogen, Kriminalität, ein schlechter Umgang oder keine Lust mehr – jedes Jahr verlassen 60 000 Jugendliche die Schule ohne einen Abschluss. Eine Ausbildung findet von ihnen fast niemand. Einige Abbrecher nutzen jedoch ihre zweite und manchmal auch ihre letzte Chance.

Haben viel gepaukt und nun ihren Schulabschluss in der Tasche: Matthias, Benjamin, Mesut und Tobias (von links).

Foto: ll

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