weather-image
20°

Wenn ein Fahrrad Freiheit bedeutet

270_0900_16963_lkbm109_1210_Fahrradkurs_Fluechtlinge_41.jpg

Die Gelegenheit dazu hat ihr Harald Severin vom DRK eröffnet. Der hat in der ehemaligen Familien-Erstaufnahmeeinrichtung Linsingen-Kaserne in Hameln eine Halle mit Verkehrsschildern und Markierungen ausgestattet und gibt Kurse, in denen Flüchtlinge das Radfahren lernen können. Flüchtlinge wie Nafasgal Akrami, die gemeinsam mit anderen Frauen aus Bad Münder die Herausforderung annehmen wollen. Regelmäßig dienstags treffen sie sich in einem Gesprächscafé, und dort entwickelte Sina Bruns, Fachbereichsleiterin der Stadt in Flüchtlingsfragen, auch die Idee zum Kurs. „Im Stadtbild sehen wir häufig Männer oder Jungen auf Fahrrädern, ganz selten nur Frauen“, sagt sie. Und die Frage, warum das so sei, war bereits so etwas wie ein Startschuss für das Projekt.

Der Kurs, zu dem Severin die Frauen aus Afghanistan, dem Iran und dem Irak begrüßt, beginnt mit ganz handfesten Ankündigungen: Ob es in Ordnung sei, wenn die Teilnehmerinnen bei Hilfestellungen von Männern berührt werden, will er zunächst wissen. Die beiden Sprachmittler Moussa Sani und Maruan Rescho übersetzen das ebenso wie die Zustimmung der Frauen – und schon werden Fahrräder aus der Halle geschoben, in der vor einigen Monaten noch Panzer standen. Einige einführende Worte von Severin, dann geht es los. Für die Teilnehmerinnen, die bereits erste Fahrraderfahrungen haben, mit einer Runde auf dem großen Platz vor der Halle, für die anderen mit ersten vorsichtigen Übungen: Das richtige Schieben eines Fahrrades. Dann das erste Aufsitzen. Beide Füße auf die Pedale, treten. Und dann das Jubeln und Juchzen, als Nafasgal Akrami die Geschwindigkeit spürt. Sie rollt. Fährt. Fühlt den leichten Fahrtwind im Gesicht, genießt das Gefühl, das Tempo selbst bestimmen zu können. Atemlos hält sie an, strahlt ihre Mitstreiterinnen an, reckt die Faust jubelnd in die Höhe. Morsal Hosseini lacht zurück. Sie weiß, was Nafasgal in diesem Moment erlebt. In ihrer Heimat, die auch Hosseinis Heimat ist, ist Radfahren für Frauen ein Tabu. „Als ich hier das erste Mal auf dem Rad gesessen habe, war es auch so. Eine unglaubliche Erfahrung. Das Gefühl von Freiheit. Seitdem habe ich mit meinem Mann lange Touren gemacht“, sagt sie. Jetzt unterstützt sie Severin bei den Kursen.

Die bestehen aus mehreren Modulen, die der DRK-Mitarbeiter mit Unterstützung von Andreas Hinz von der Kreisverkehrswacht entwickelt hat. Praktische Erfahrungen auf dem geschützten Kasernengelände gehören dazu, aber auch theoretische Elemente. „Es ist wichtig, die Regeln zu kennen. Nur so ist ein sicheres Bewegen im Straßenverkehr möglich“, sagt Severin. Über diesen Aspekt ist er auch zur Kursidee gekommen. „Es hat einige Unfälle gegeben, weil Straßenverkehrsregeln nicht bekannt waren. Das ist gefährlich, aber es ist auch nicht gut für die Integration, weil der Eindruck entstehen kann, dass sich Flüchtlinge nicht an Regeln halten. Doch um sich an Regeln halten zu können, muss man sie auch kennen“, sagt der Kursleiter. Und so will er nach den ersten Erfahrungen der Frauen aus Bad Münder auf dem Rad auch schon bald den theoretischen Teil nachschieben. Sina Bruns ist das nur recht – weil die Möglichkeit zum Radfahren die Frauen selbstständiger und selbstbewusster macht, aber auch, weil dabei Sprachkenntnisse verbessert werden.

270_0900_16965_lkbm109_1210_Fahrradkurs_Fluechtlinge_11.jpg
270_0900_16964_lkbm109_1210_Fahrradkurs_Fluechtlinge_32.jpg
270_0900_16966_lkbm109_1210_Fahrradkurs_Fluechtlinge_39.jpg
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare