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Wenn die Kinder ins Netz abtauchen …

Wenn die 15-jährige Verena aus der Schule in Hameln kommt, ist ihr erster Weg in ihr Zimmer und an dort an den PC. Schauen, wer von ihren Freundinnen online ist und wie deren Tag bisher so war. Dabei hat die Schülerin aus Aerzen zwei ihrer drei besten Freundinnen gerade noch im Bus gesehen und doch ist der Beitrag im Blog von Meike auf „MySpace“ über die verhasste Französischstunde viel interessanter als das gemeinsame Mittagessen mit der Familie.

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Autor:

Andrea Gerstenberger

Wenn die 15-jährige Verena aus der Schule in Hameln kommt, ist ihr erster Weg in ihr Zimmer und an dort an den PC. Schauen, wer von ihren Freundinnen online ist und wie deren Tag bisher so war. Dabei hat die Schülerin aus Aerzen zwei ihrer drei besten Freundinnen gerade noch im Bus gesehen und doch ist der Beitrag im Blog von Meike auf „MySpace“ über die verhasste Französischstunde viel interessanter als das gemeinsame Mittagessen mit der Familie. Nebenbei ein Blick in „SchülerVZ“, eine SMS an Marleen, was man nach den Hausaufgaben machen könnte und dann wartet in einem weiteren offenen Fenster am PC schon das deutsche „Navy CIS“-Forum, wo Verena sich mit anderen vorwiegend weiblichen Fans der amerikanischen Fernsehserie in einem „Off Topic Thread“ – also abseits des eigentlichen Themas – austauscht, was man gerade macht. Nebenbei läuft im Fernsehen „McLeoads Töchter“ und eigentlich würde Verena nun viel lieber auf „Facebook“ diesem netten Jungen aus Hamburg schreiben, der sie gestern angestupst hat, aber ihre Mutter besteht nun darauf, gemeinsam in der Küche zu essen, bevor die neuesten Handyfotos von der Pause auf dem Schulhof hochgeladen werden und Verena anschließend in ihrem öffentlichen Tagebuch auf „myblog.de“ ihre Sicht der Welt und ihres heutigen Schultages kundtut.

Was sich zumindest für die meisten Erwachsenen verwirrend anhört, ist für die Jugendlichen heute der ganz normale Umgang mit der Vielfalt an Kommunikationsmedien, die in ihren Zimmern inzwischen zum Standard gehören. Bereits im September 2007 veröffentlichten MTV Networks und Microsoft gemeinsam die internationale Studie „Circuits of cool“, wonach in Deutschland 53 Prozent der Jugendlichen als erstes an den PC gehen, wenn sie von der Schule nach Hause kommen und 83 Prozent sich sicher sind, ohne Internet nicht leben zu können. Jeder dritte gibt danach an, morgens als erstes und abends als letztes das Handy auf SMS zu checken und bei 25 Prozent der Jugendlichen unter 20 wird der PC niemals ausgeschaltet.

Während über sogenannte Instant Messenger wie „ICQ“ oder „MSN Messenger“ per Textnachricht geplaudert wird, surfen 67 Prozent parallel im Internet, 64 Prozent hören Musik, 43 Prozent schauen Fernsehen und 32 Prozent spielen ein Internetspiel vernetzt mit Spielpartnern. Dieses sogenannte Gaming ist gerade bei männlichen Jugendlichen sehr beliebt. Bis 21-Jährige absolvieren dafür im Durchschnitt eine 34-Stunden-Woche im Internet, also fast 5 Stunden täglich. „Einfach geil“, findet der 16-jährige Simon zurzeit „League of Legends“. Das spielt er seit Wochen fast jeden Abend ab 19 Uhr mit Mike aus Berlin und Chan aus Dover und am Wochenende auf LAN-Partys, so heißen die Treffen in der wirklichen Welt, bei denen selbstredend ausschließlich gedaddelt wird. „ ,League of Legends’ ist eine Mischung aus Strategie- und Kampfspiel in der virtuellen Welt von Valoran. Für mich als Beschwörer ist mein Lieblingschampion Mister Yi, ein Wuju Schwertkämpfer.“, erklärt Simon fachmännisch, während auf dem Bildschirm eine Vielzahl bunter Figuren einen unförmigen blauen Riesen durch einen Tannenwald jagen, der dann kurz vor einem Brunnen explodiert, um an anderer Stelle aus einem Blitz neu zu erscheinen. Auf die Frage worin der Reiz dieses Spiels liegt, weiß Simon erst keine Antwort, meint dann aber, „Es ist abgefahren, immer besser werden zu können. Ich will gewinnen und muss dabei auf so vieles achten, eine echte Herausforderung, bei der man alles um sich herum vergisst. Da hat man keinen Hunger und wird auch nicht müde.“

Für 13- bis 20-jährige Mädchen steht weniger das Spielen im Netz als mehr die Kontaktpflege im Vordergrund. Seiten wie „myblog.de“ ermöglichen kostenlos die Verbreitung von Bildern und persönlichen Kommentaren rund um den Globus. Je jünger die „Blogger“, desto unbedarfter werden oft persönliche Informationen öffentlich gemacht, die im Orbit der Bits und Bytes nicht mehr zurückgenommen werden können, auch wenn die Blogger ihre Selbstdarstellung später einmal bereuen. Ob der tägliche Bericht während des Auslandssemester in den Staaten oder das Reisetagebuch durchs australische Outback oder eben nur die nervige Französischstunde – geblogt wird ausgiebig und gern mit Fotos. Ideal, um Kontakt zu Menschen zu halten, die gerade weit entfernt sind. Von vielen aber auch genutzt, obwohl die Adressaten gleich in der Nachbarschaft wohnen und man sich genauso gut auf eine Cola treffen könnte.

Sind für Mädchen das gemeinsame Tuscheln beim „Bravo“ lesen und für Jungs das am Mofa basteln und Fußballspielen also inzwischen out? Henning Bergmann, Jugendpfleger der Gemeinde Emmerthal, sieht das nicht ganz so. „Hier bei uns in den Jugendtreffs wird noch Billard gespielt, aber wir machen auch LAN-Partys, die gut ankommen und Wii-Abende sind ebenfalls angesagt.“ Bei der „Wii“ Videospielkonsole wird das Spiel durch Körperbewegungen gesteuert. Bei den persönlichen Treffen komme auch die verbale Kommunikation untereinander nicht zu kurz, berichtet Bergmann. „Wenn wir hier eine LAN-Party machen, dann gibt es Pausen, in denen zusammen gekocht und gegessen oder was anderes gemacht wird. Das ist genauso wie man früher Spielabende gemacht hat.“

Wie viel und womit sich die Kids im Internet beschäftigen, ist nach Meinung des Jugendpflegers sehr stark vom jeweiligen Bildungsstand und vom Elternhaus abhängig. „Wie bei allem in ihrer persönlichen Entwicklung, orientieren sich Kinder an dem, was ihnen vorgelebt wird. Gibt es den gemeinsamen PC, haben die Eltern ein Auge darauf, welche Seiten im Netz besucht werden und man kann im Gespräch das Für und Wider verschiedener Angebote diskutieren. Und vor allem Einfluss auf den zeitlichen Rahmen nehmen.“

Anders sieht das aus, wenn sich die Jugendlichen zuhause in ihren Zimmern verkriechen und dort „chatten“, „gruscheln“ und „skypen“, sprich: quatschen. Was früher an der Bushaltestelle und in der Teestube passierte, findet heute am PC statt. Die Kids nutzen für jede Art der Kommunikation das Internet. Geflirtet wird online im 3D-Chat. Hierfür gibt es virtuelle Welten, wie „Secret City“ und „Second Life“. Dort spaziert jeder Nutzer als selbst erschaffene Persönlichkeit, ein sogenannter Avatar, durch die digitale Stadtlandschaft. Jeder kann sich hier so erschaffen, wie er gerne sein möchte: Tolle Figur, angesagte Klamotten und los geht es in den digitale Disco, wo man virtuell die Erfahrungen machen kann, zu denen im realen Leben vielleicht der Mut fehlt. Jeder hat die Chance, sein Profil fern ab der oft nüchternen Realität zu entwerfen. Und wenn sich zwei gefunden haben, deren Avatare sich gefallen, tauschen sie persönliche Nachrichten in der Anonymität aus, die reale Vita hinter dem Scheinbild versteckt.

Diese virtuelle Welt kann schnell süchtig machen. Das führt dann dazu, dass genau wie beim Spielen im Netz schnell ein Großteil des Tages im Netz verbracht wird. Zeit, die für die sozialen Kontakte im realen Leben außerhalb von Schule oder Arbeit fehlt. Dadurch kann die soziale Einsamkeit wachsen und ein immer ausgeprägterer Mangel an Selbstwertgefühl im realen Leben entstehen – was wiederum den Rückzug in die virtuelle Welt weiter verstärken kann. Gefahren, auf die seit Jahren der Psychologe André Hahn von der Berliner Humboldt-Universität hinweißt. Der Titel seiner Studie: „Internetsucht – Jugendliche gefangen im Netz“ .

5,5 Millionen Schüler nutzen die Plattform „SchülerVZ“, dem jüngeren Ableger des erfolgreichen Netzwerks „StudiVZ“.

Foto: ddp

Blogs, Chats, Spiele – das Internet ist für die meisten Jugendlichen selbstverständlicher Bestandteil ihres Alltags. Vielen Eltern bleibt dabei nur die Rolle des ahnungslosen Zuschauers.

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