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Wenn der Mensch den Menschen braucht

Manchmal fallen auch Trauerredner Rolf Peter Wenz nicht auf Anhieb die richtigen Worte ein. „Drei Jugendliche einer Familie waren bei einem Autounfall gleichzeitig ums Leben gekommen“, erzählt er von der wohl größten Herausforderung in seiner Zeit als Trauerredner. Von den Eltern dieser Kinder war er beauftragt worden, mit einer persönlichen Rede die Trauerfeier zu gestalten. „Es waren bildhübsche, fröhliche junge Leute im Alter von 19 bis 26 Jahren“, erinnert er sich, „zwei Jungen und ein Mädchen, die gemeinsam im Auto unterwegs waren.

„Eine Trauerfeier ist nicht nur Abschied, sondern soll den

Von Bärbel Zimmermann

Manchmal fallen auch Trauerredner Rolf Peter Wenz nicht auf Anhieb die richtigen Worte ein. „Drei Jugendliche einer Familie waren bei einem Autounfall gleichzeitig ums Leben gekommen“, erzählt er von der wohl größten Herausforderung in seiner Zeit als Trauerredner. Von den Eltern dieser Kinder war er beauftragt worden, mit einer persönlichen Rede die Trauerfeier zu gestalten. „Es waren bildhübsche, fröhliche junge Leute im Alter von 19 bis 26 Jahren“, erinnert er sich, „zwei Jungen und ein Mädchen, die gemeinsam im Auto unterwegs waren. Der Fahrer hatte den Unfall selber verschuldet, aber wie kann man es in einer solchen Situation schaffen, diesen Eltern mit einer Trauerrede in ihrer Verzweiflung zu helfen, ihnen trotz alledem eine Zukunftsperspektive mit auf den Weg zu geben?“ Es sei ihm unwahrscheinlich schwer gefallen, für diese Trauerfeier die richtigen Worte zu finden.

Rolf Peter Wenz ist 59 Jahre alt. Dreißig Jahre lang arbeitete der gebürtige Bremer in einem Bestattungsinstitut, bevor er sich mit einem kleinen Bestattungsunternehmen selbstständig machte. Immer wieder hatte er im Rahmen seiner Tätigkeit den Wunsch in sich verspürt, den trauernden Angehörigen Trost zu spenden. Die Liebe zog ihn nach Rinteln, und so gab er sein Unternehmen in Bremen auf und arbeitet seitdem als Trauerbegleiter.

„Eine Trauerfeier ist nicht nur ein Abschied, sie soll den Trauernden auch Trost bringen und gerade über die erste schwere Zeit helfen“, beschreibt er seine Gründe, sich intensiv mit diesem ungewöhnlichen Beruf auseinander zu setzen. Nicht jeder findet Trost im christlichen Glauben, weiß er aus seiner langjährigen Erfahrung, und für manchen reicht es als Hilfe nicht aus, eine halbe Stunde Texte der Bibel vorzulesen. Das habe er immer wieder im Rahmen seiner Bestatter-Tätigkeit festgestellt. „Natürlich gehe ich auf Wunsch auch auf christliche Themen ein“, erklärt Rolf Peter Wenz, „aber wer mich ruft, ist in der Regel nicht hochreligiös und legt vor allem Wert auf Persönliches.“

In der Friedhofskapelle am Rintelner Seetor: Einfühlsam geht Ros
  • In der Friedhofskapelle am Rintelner Seetor: Einfühlsam geht Rose-Marie Brühl in ihrer Trauerrede auf das Leben des Verstorbenen ein.

Was seiner eigenen Einstellung sehr entgegenkommt, denn eine Trauerrede solle vor allem den verstorbenen Menschen beschreiben und sein Leben widerspiegeln, und damit sei nicht nur ein heruntergelesener Lebenslauf gemeint. Ein intensives Gespräch mit den Angehörigen ist deshalb sehr wichtig. „Was war es für ein Mensch, was hat seine Persönlichkeit ausgemacht?“ – so lautet die Grundfrage, um die er seine Trauerrede gestaltet. Die schreibt er meist „aus dem Bauch heraus“, wobei großes Einfühlungsvermögen erforderlich ist, außerdem versucht er, Perspektiven aufzuzeigen, eine Stütze zu geben, die über die erste schwere Zeit hilft.

„Zeit nehmen für das Gespräch ist für mich das Wichtigste“, beschreibt Rose-Marie Brühl, die ebenfalls Trauerrednerin ist, ihre Tätigkeit. „Die Angehörigen sind mit ihrer Trauer belastet genug, und dann kommt noch jemand Fremdes ins Haus. Da muss wenigstens ausreichend Zeit zum Kennenlernen und für ein intensives Gespräch sein. Ich schaue nie auf die Uhr.“ Rose-Marie Brühl aus Stadthagen ist 59 Jahre alt und hat fast vierzig Jahre in der Kundenberatung der Dresdner Bank gearbeitet. Für das Thema Trauer und Tod hat sie sich schon lange interessiert. Vor 15 Jahren hat sie angefangen, sich in der Hospizarbeit ausbilden zu lassen. Immer stärker wuchs in dieser Zeit ihr Wunsch, Trost zu spenden, Trauernden zur Seite zu stehen, und so machte sie vor fünf Jahren eine Zusatzausbildung zum Trauerredner. „Gleich der erste Auftrag war mit dem vollen Programm“, erinnert sie sich. „Es war in der Martini-Kapelle mit einer großen Anzahl an Trauergästen, und ich wurde gebeten, gemeinsam mit den Angehörigen am offenen Sarg Abschied zu nehmen.“ Auch dieser Hilfsdienst gehört auf Wunsch zu einer Trauerbegleitung, ebenso wie Besuche und Gespräche nach der Trauerfeier.

Ein Auftrag ist ihr besonders nahe gegangen: Ein junger Mann, gerade 20 Jahre alt, war unter tragischen Umständen gestorben. Er hatte weit weg von zu Hause gelebt, der Kontakt ins Elternhaus war nur sporadisch vorhanden. Zwar war dieser junge Mann krank, der Tod kam dennoch überraschend. Er wurde tot aufgefunden, man konnte nicht mehr genau feststellen, woran er gestorben war. „Der Vater beauftragte mich mit der Trauerbegleitung“, erinnert sich die Trauerrednerin. Ein langes Trauergespräch mit den Eltern zeigte ihr, dass der Vater sehr verbittert war. Mit mehr Hilfe und Aufmerksamkeit aus der engen Umgebung des Sohnes hätte möglicherweise Schlimmeres verhindert werden können. „Die Eltern zeigten mir Gegenstände, die der Junge selber gebaut hatte und Fotos. Meine Hilfe bestand hier einfach nur darin, sie reden zu lassen und zuzuhören.“ Nach der Trauerfeier sollte die Urne des Jungen beigesetzt werden, und spontan nahm der Vater selber das Gefäß in den Arm und trug seinen Sohn über den Friedhof zur Beisetzung, ein sehr anrührender und intensiver Augenblick für die Trauerbegleiterin.

Die Atmosphäre bei Trauergesprächen sei sehr unterschiedlich, weiß sie zu erzählen. Sie habe auch schon zwischen Umzugskartons gesessen, weil eine Wohnung schnell geräumt werden musste und die Verwandten von außerhalb kamen. In anderen Fällen gibt es ein schönes Ambiente inmitten des Ortes, wo der Verstorbene gelebt hat, mit Fotoalben auf dem Tisch, und das Gespräch ist eingebettet in Erinnerungen rund um den geliebten Menschen. „Für mich haben die Gespräche etwas mit Spurensuche zu tun, mit ,Leben finden‘“, beschreibt sie ihre Möglichkeiten, das Leben eines ihr fremden Menschen kennenzulernen. „Ich suche nach Spuren, die sich aus den Erinnerungen mit den Angehörigen ergeben, nach den Mosaiksteinchen des Lebens, die ein rundes Bild ergeben.“ Sie ermutigt, wenn irgend möglich, auch dazu, Anekdoten und kleine Geschichten über den Verstorbenen zu erzählen, um die Trauer durch gute, frohe Erinnerungen etwas abzumildern. Auch versucht sie, Weltgeschichte aus der Zeit des geliebten Menschen mit einzubringen. „So hatte ich beispielsweise den Auftrag, für eine demente Frau eine Trauerrede zu schreiben“, erinnert sich Rose-Marie Brühl. „Während des Krieges gab es ab und zu in Bunkern auch einmal Tanzveranstaltungen. Eine Tochter der Verstorbenen und eine Nichte zogen in einer Silvesternacht los zum Tanz. In dieser Nacht gab es dort einen riesigen Brand, bei dem viele Menschen ums Leben kamen – unter anderem die beiden Mädchen.“ Die Mutter habe sich ihrem jüngeren Sohn gegenüber im weiteren Verlauf des Lebens teilweise ungewöhnlich hart verhalten. „Ich habe diese persönlichen Kriegsereignisse mit in die Trauerrede eingebracht und damit geschafft, dass der Sohn im Nachhinein mehr Verständnis für seine tote Mutter aufbringen konnte.“

Wie unterschiedlich eine solche Trauerfeier gestaltet werden kann, zeigt sie an zwei weiteren Beispielen: Von einem alten Ehepaar war zunächst der Ehemann mit fast 100 Jahren verstorben, sie war mit der Gestaltung der Feier betraut worden. Die Ehefrau hatte ihren Mann lange gepflegt und war nicht lange nach ihrem Mann selber gegangen. Für sich selber sollte nichts passieren, hatte sie gewünscht, aber ihr Enkel erinnerte sich an Rose-Marie Brühl und bat sie um eine kleine Gedenkfeier. Die wurde dann direkt am Grab abgehalten. „Auch das war sehr schön und für den Enkel hilfreich“, erinnert sich die Trauerbegleiterin. In einem anderen Fall war ein Ehemann verstorben, und nur die Ehefrau, der Hausarzt und sie als Begleiterin waren bei der Beisetzung anwesend. Auch nach der Trauerfeier saß diese Gruppe noch lange zusammen und ließ den Tag ausklingen. Rose-Marie Brühl: „Es ist schön, wenn dann jemand zu mir sagt ,Sie tun mir gut‘.“

Das bestätigt auch Rolf Peter Wenz: „Im Zusammenhang mit Trauer mag es sich ungewöhnlich anhören, aber dieser Beruf macht Freude. Manchmal kommen die Leute nach der Trauerfeier auf mich zu, nehmen mich in den Arm und weinen und ich habe das Gefühl, dass ich wirklich helfen kann.“

Auch Musik gehört zum Angebot, wenn es gewünscht ist. „Wenn man das Leben widerspiegelt, sollte auch die Musik dazu passen“, erklärt Rolf Peter Wenz, „von Livemusik bis zur CD-Anlage ist deshalb alles möglich.“ „Oft ist die Musik sehr hilfreich“, sagt auch Rose-Marie Brühl, „und sie darf auch ruhig etwas fröhlicher sein.“

Einfühlungsvermögen, Lebenserfahrung und vor allem Menschlichkeit und Mitgefühl gehören zu diesem Beruf und für beide Trauerbegleiter ist es selbstverständlich, vor allem Zeit für die Menschen zu haben, die ihre Unterstützung brauchen. Sie kommen auf Wunsch nach Hause, um sich ein möglichst vollständiges Bild des Verstorbenen zu machen und um die individuellen Wünsche zu erfahren, mit denen die Trauerfeier gestaltet werden soll. Trauerreden können auf weltlicher, philosophischer oder auch christlicher Basis gestaltet werden. Vorrangig ist aber die menschliche Ansprache, die Beratung und Begleitung auf allen schweren Wegen. Gern sind die Trauerredner auch Ansprechpartner bei der Trauerbewältigung.

Das, was sie vermitteln möchten, fasst Rose-Marie Brühl in einem einzigen Satz zusammen: „Ich bin für Sie da!“

Nicht immer wünschen sich Angehörige von Verstorbenen eine kirchliche Trauerfeier mit Pastor oder Pfarrer – und möchten für diese schweren Stunden doch eine Begleitung an ihrer Seite wissen. Für diesen Fall gibt es den Trauerredner. Er gestaltet die Trauerfeier nach den persönlichen Wünschen und hilft auch bei der Trauerbewältigung.

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