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Wenn das Amt Kinder schützen muss

Vor dreieinhalb Jahren schockte die Nachricht über den zu Tode misshandelten Kevin aus Bremen ganz Deutschland. Dem Schock folgte die Empörung, auch die Empörung über die Zustände im Bremer Jugendamt. Seit Anfang Juni steht nun Kevins damaliger Amtsvormund, ein 67-jähriger Sozialarbeiter, vor Gericht. Der Tatvorwurf lautet: Fahrlässige Tötung.

Das Gesetz sieht vor, dass sie Hilfe bekommen: Wenn bei den leib

Von Matthias Rohde

Vor dreieinhalb Jahren schockte die Nachricht über den zu Tode misshandelten Kevin aus Bremen ganz Deutschland. Dem Schock folgte die Empörung, auch die Empörung über die Zustände im Bremer Jugendamt. Seit Anfang Juni steht nun Kevins damaliger Amtsvormund, ein 67-jähriger Sozialarbeiter, vor Gericht. Der Tatvorwurf lautet: Fahrlässige Tötung. Wegen diesem und anderer ähnlicher Fälle hat das Bundesjustizministerium nun Vorschläge gemacht, wie der Kontakt zwischen Vormund und Mündel zu stärken ist. Auch im Hamelner Jugendamt werden diese Vorschläge diskutiert.

Claudia Wagener und Jürgen Schöpe, die beiden für den Landkreis Hameln-Pyrmont zuständigen Amtsvormünder, betreuen insgesamt rund 140 Kinder im Kreisgebiet. Vor vier Jahren habe der Landkreis bereits Weitsicht bewiesen, meint Martina Kurth-Harms. „Zu der Zeit stand dem Jugendamt nur ein Amtsvormund zur Verfügung“, klärt die Leiterin des Jugendamts auf. Zu wenig, wie die Verantwortlichen angesichts der wachsenden Zahl von Sorgerechtsentzügen damals feststellten und handelten. Heute betreuen beide Amtsvormünder je 70 Kinder. Zum Vergleich: Als in Bremen der kleine Kevin grausam zu Tode kam, war ein Bremer Amtsvormund mit bis zu 250 Kindern betraut.

Daher verwundert es die Fachwelt nicht, dass die Vorschläge des Bundesjustizministeriums neben einem monatlichen Hausbesuch und weiteren Maßnahmen auch eine Senkung der Fallzahlen auf 50 beinhalten. Die Fallzahl gibt darüber Auskunft, wie viele Kinder pro Amtsvormund betreut werden. In Hameln liegt die Fallzahl derzeit bei 70. „Dieser Vorschlag an sich ist zu begrüßen“, meint Kurth-Harms. Allerdings sei die Festlegung auf die Zahl 50 nicht für jeden Landkreis und jedes Jugendamt effektiv, so die Jugendamtsleiterin weiter. In Flächenlandkreisen käme es beispielsweise naturgemäß zu längeren Anfahrtzeiten, um die Mündel in deren vertrauter Umgebung zu besuchen. Wagener und Schöpe fürchten indes um die Verhältnismäßigkeit, gerade wenn es um die regelmäßigen Hausbesuche geht. Jeder Fall, jedes Kind, erfordere ein ganz individuelles Vorgehen. Wagener, zu deren Spezialgebieten in der Amtsvormundschaft die Betreuung von Kindern minderjähriger Mütter gehört, erläutert: „Gerade bei den Fällen, bei denen die Mütter unserer Mündel noch nicht volljährig sind, ist eine intensive Begleitung notwendig, manchmal bin ich einmal pro Monat bei einer solchen Familie vor Ort.“

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  • Die Nachricht über den zu Tode misshandelten Kevin aus Bremen schockierte ganz Deutschland.

Der weitaus größte Teil der von den beiden Hamelner Amtsvormündern betreuten Kinder lebt in Pflegefamilien; einige Kinder sind stationär untergebracht und wieder andere leben in ihrer leiblichen Familie wie beispielsweise die von Wagener betreuten Kinder minderjähriger Mütter. Schöpe: „Gerade wenn ein Kind über mehrere Jahre in einer Pflegefamilie lebt und alle Beteiligten harmonisch kooperieren, dann ist das Intervall regelmäßiger Hausbesuche größer.“ Anders sähe das natürlich immer dann aus, wenn es in einer Familie zu Problemen käme. Gerade in der Pubertät der Mündel käme es häufiger zu Problemen, die eine intensivere Begleitung notwendig machten. Dennoch: Rund 50 Prozent ihrer Zeit verbringen die Amtsvormünder mit Verwaltungsaufgaben in ihren Büros im Kreishaus. Unterschriften für Operationen, Anträge und die Vermögenssorge sind typische Aufgaben eines Amtsvormundes. Bestellt werde ein solcher Amtsvormund vom Amtsgericht, und zwar in der Regel aufgrund eines Antrags des Jugendamts, wie Kurth-Harms erklärt. Die Ursachen für die Einsetzung eines Amtsvormundes seien vielfältig. An erster Stelle für einen solchen Antrag stünde natürlich die Gefährdung des Kindeswohls. Häufig zeigten sich die leiblichen Familien durchaus kooperativ, manchmal allerdings sei es auch schon zu dramatischen Szenen an den Wohnungstüren gekommen, wie Schöpe sich erinnert: „Wenn das Amtsgericht einen Herausgabebeschluß gefasst hat, dann müssen wir handeln.“ Gemeinsam mit einem Gerichtsvollzieher, der den Beschluß im Auftrag des Amtsgerichts vollstrecken muß, der Polizei für den Fall, dass es zu Gewaltanwendung kommt und ein Schlosser, für den Fall, dass die Tür nicht geöffnet wird, wahren die Amtsvormünder die Interessen des Kindes. Wagener: „Es ist für alle Beteiligte eine hochemotionale Situation, so eine Herausnahme eines Kindes, aber wir versuchen natürlich alles, um die Herkunftsfamilien bei allen Entscheidungen und Maßnahmen einzubinden.“ Und genau das gelänge fast immer, heißt es. In der Praxis treten die Vormünder als Sorgeberechtigte quasi an die Stelle der leiblichen Eltern, auch wenn die Alltagssorge von anderen Personen, wie beispielsweise Pflegeeltern, Erziehern oder Angehörigen, übernommen wird. Deswegen, so die Amtsvormünder, sei ein enger Kontakt zu dem Kind und dessen Umfeld von großer Bedeutung. Kurth-Harms: „Bei allen Fragestellungen ein untergebrachtes Kind betreffend ist eine hohe Lösungsneutralität gefordert.“ Die Jugendamtsleiterin meint: Maßgeblich sei, was für das jeweilige Kind die richtige Entscheidung sei. Wagener ergänzt: „Es gibt keine pauschalen Entscheidungen, denn was für das eine Kind gut, kann für ein anderes Kind nicht so gut sei.“ Ihr Kollege Schöpe stellt fest: „Aber am Ende treffen wir, die Amtsvormünder, immer eine Entscheidung.“ Bei rund 70 Kindern pro Amtsvormund sei klar, dass es ab und zu auch Entscheidungen gebe, die auch einen erfahrenen Vormund nachdenklich stimmten, wie Jürgen Schöpe erklärt: „Bei einer Unterschrift für eine Operation ist für mich natürlich vor allem die fachliche Auskunft der Ärzte von entscheidender Bedeutung.“ Wenn es sich allerdings um eine Operation am Herzen handele und ein Arzt darauf hinweise, dass bei dieser Operation das Kind versterben könne, ja dann sei auch ein Amtsvormund nicht gegen die eigenen Emotionen gefeit.

Für Jugendamtsleiterin Martina Kurth-Harms und die Amtsvormünder des Landkreises steht fest, dass Vorschläge, wie das Vormundschaftsrecht zum Wohle des Kindes zu verbessern ist, notwendig sind. Ob das allerdings mit gesetzlichen Vorgaben allein, wie beispielsweise durch die Reduzierung der Fallzahlen oder ein festgeschriebenes Hausbesuchintervall zu schaffen ist, wird nicht nur in Hameln durchaus strittig diskutiert. Bereits im März hatte der deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge in seiner Stellungnahme zum Referentenentwurf des Bundesjustizministeriums davor gewarnt, die Verantwortungsbereiche in den Kommunen mit gesetzlichen Vorgaben zu überziehen, denn die Vielfalt und Differenziertheit in jedem Landkreis erfordere, dass das konkrete Vorgehen den Fachkräften vor Ort vorbehalten bleiben sollte. Laut Angaben des Bundesjustizministeriums soll das Vormundschaftsrecht noch in dieser Legislaturperiode grundlegend reformiert werden.

Wagener und Schöpe stehen unterdessen auch morgen wieder vor zum Teil schwierigen Entscheidungen, die sie für 140 Kinder treffen müssen. „Auch wenn es schwierige Momente in meinem Berufsalltag gibt, es ist immer wieder eine große Freude für mich, zu erleben, wie die Kinder im Laufe der Jahre aufblühen“, gibt Schöpe zu.

„Kinder brauchen eine starke Vertretung“, heißt es. Und deswegen sind üblicherweise die Eltern die gesetzlichen Vertreter ihrer Kinder. Leider gibt es aber immer wieder Kinder, deren Eltern dieser Aufgabe nicht gewachsen sind, so dass für diese Kinder vom Amtsgericht ein Amtsvormund bestellt werden muss.

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