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In seinem Terminkalender aus den Jahren 1824 und 1825 taucht kein Hinweis auf einen Frille-Trip auf

Weilte Goethe in Schaumburg?

Dem alten mindisch-schaumburgischen Grenzort Frille stehen spannende Wochen und Monate bevor. Am 12. Oktober wird die Kirche 100 Jahre alt. Das Bauwerk mitten im Dorf gilt als eines der schönsten Gotteshäuser weit und breit. Gefeiert wird das ganze Jahr über. Das große Finale, ein Gemeindefest, steigt am 16. Oktober. Zur Einstimmung hat der Kirchenvorstand ein neues Buch mit dem Titel „Wo Glaube Gestalt gewinnt – 100 Jahre Kirchweihe in Frille“ herausgebracht (s. Buch- und Veranstaltungstipps). Neben Informationen zur Baugeschichte sind – in Wort und Bild – zahlreiche Berichte aus der Vergangenheit des Kirchspiels enthalten. Nicht erwähnt ist ein Ereignis, dass sich in den 1820er Jahren im Ort zugetragen haben soll. Nach Aussage von Zeitzeugen war damals Johann Wolfgang Goethe im Dorf.

Eine der schönsten heimischen Kirchbauten wird in diesem Jahr 100 Jahre alt: die Friller Kirche.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Erstmals an die Öffentlichkeit kam die Geschichte im Jahre 1899, als im Schaumburger Land – wie überall im wilhelminischen Deutschland – der 150. Geburtstag Goethes begangen wurde. In vielen Schulen und Theatern gingen Gedenkfeiern über die Bühne. Literaturzirkel und historische Gesellschaften luden zu Lesungen ein. In einer Vortragsveranstaltung im November 1899 in Bückeburg überraschte Justizrat Wilhelm Knodt, Mitbegründer des Schaumburg-Lippischen Heimatvereins, seine Zuhörer mit der Nachricht, dass „auch unser Fürstenthum sich rühmen kann, den größten deutschen Dichter in seinen Fluren beherbergt zu haben“. Nach Darstellung des stadtbekannten Rechtsanwalts war Goethe entweder 1824 oder 1825 einige Tage in Frille gewesen und hatte dort seinen Freund Pastor Johann Gottfried Schütz besucht. Schütz war für die Alteingesessenen hierzulande kein Unbekannter. Vor seinem Wechsel nach Frille (1817) hatte er fast 20 Jahre lang in Bückeburg gewirkt und in der Stadtkirche gepredigt.

Goethe habe viele Stunden mit Schütz „in trauter Abgeschiedenheit“ im Friller Pfarrgarten gesessen, wusste Festredner Knodt zu berichten. Der Platz unter der alten Weymouthskiefer sei zum „Lieblingsplatz Goethes in Schaumburg-Lippe“ geworden.

Als „zuverlässige Quelle“ seiner neuen Enthüllungen gab der Justizrat den damaligen Friller Gemeindepastor Johann Friedrich Eduard Teudt an. Allerdings kannte auch der die Geschichte nur vom Hörensagen. Bei Teudts Dienstantritt 1971 war Vorvorgänger Schütz schon 23 Jahre tot. Teudt berief sich auf einen Augenzeugenbericht des Arztes Dr. Laufker aus Petershagen. Der Mediziner war nach eigenem Bekunden als Freund und Hausarzt von Pastor Schütz zu dessen Lebzeiten oft in Frille gewesen. Bei einem dieser Besuche sei er im Pfarrhaus plötzlich und völlig überraschend dem damals bereits international berühmten Dichter aus Weimar begegnet, hatte Laufker Teudt erzählt. Dabei habe er mitbekommen, dass das freundschaftliche Verhältnis zwischen Schütz und Goethe bei einem gemeinsamen Kuraufenthalt in Bad Pyrmont im Jahre 1801 begründet worden sei.

In Bad Pyrmont, damals Treffpunkt der großen internationalen Welt, lernten sich Dichterfürst Goethe und Pastor Schütz im Jahre 1
  • In Bad Pyrmont, damals Treffpunkt der großen internationalen Welt, lernten sich Dichterfürst Goethe und Pastor Schütz im Jahre 1801 kennen (hier ein um 1780 von einem unbekannten Künstler gemaltes Bild mit dem Titel „Zweyte Ansicht der Promenade“).
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Die Kunde vom vermeintlichen Gastspiel des großen Dichters und Denkers in der hiesigen Region schlug in den humanistisch vorgebildeten und der deutschen Klassik besonders zugetanen höheren Kreisen wie eine Bombe ein. Die Geschichte wurde bis in die 1920er Jahre hinein in zahlreichen, mit vielen lokalpatriotischen Details angereicherten heimatkundlichen Schriften und Vorträgen abgehandelt. Dabei berief man sich nicht zuletzt auf Briefe Goethes, darunter ein Schreiben an Schiller, in denen der Dichterfürst von seinen „interessanten Gesprächen“ mit Schütz in Bad Pyrmont berichtet hatte. Darüber hinaus schien die Sache auch deshalb stimmig, weil alle beteiligten Informanten über jeden Zweifel erhabene Ehrenmänner waren.

Trotzdem wurden zunehmend Zweifel laut. Im Terminkalender Goethes aus den Jahren 1824 und 1825 taucht kein Hinweis auf einen Frille-Trip auf. Und auch hierzulande war von einer Visite des großen Meisters, der damals als Geheimrat, Staatsminister und Literat bereits höchstes internationales Ansehen genoss, nichts bekannt. Das alte Pfarrhaus, in dem sich das ganze abgespielt haben soll, gibt es nicht mehr. Und auch die große, vermutlich über 300 Jahre alte und normalerweise in Nordamerika beheimatete Weymouthskiefer hat schon vor langer Zeit das Zeitliche gesegnet. „Ich habe zwar schon mal von der Sache gehört, im Kirchenarchiv aber noch nichts darüber gelesen“, kommentiert Heimatkundler Manfred Pöhler die Sache zurückhaltend. Der 73-Jährige hat die historischen Fakten für das Jubiläum zusammengetragen und dabei auch die Gemeindeakten durchforstet. Allerdings sind nach seinen Feststellungen gerade aus der Ära Schütz viele Unterlagen verschwunden. Auch Pastor Gerd Peter sieht die Geschichte eher als eine Art unterhaltsame Fußnote der langen Friller Kirchengeschichte an. „Ich kann mir ehrlich gesagt keinen Grund vorstellen, der den Weltstar Goethe zu einer Reise in die hiesige Provinz bewogen haben könnte“, schmunzelt der amtierende Ortsgeistliche. Einen neuen Werbeslogan wie „Frille – das Goethedorf“ werde es im Gemeindebrief jedenfalls nicht geben.

War er da? Goethe-Porträt des deutschen Malers Joseph Karl Stieler (1781-1858).

Foto/Repros: gp

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